Jose Saramago

Die Stadt der Sehenden

Roman
Cover: Die Stadt der Sehenden
Rowohlt Verlag, Reinbek 2006
ISBN 9783498063849
Gebunden, 384 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. In der Hauptstadt einer ungenannten westlichen Demokratie geben bei einer Wahl aus heiterem Himmel 75 Prozent der Wähler einen unbeschrifteten Stimmzettel ab. Die Regierung hält sich mit diesem Wahlergebnis für handlungsunfähig; eine Wiederholung der Wahl bringt ein noch schlechteres. Die Minister sind bestürzt, ein subversiver Angriff auf das System, meinen manche, eine Torpedierung der Demokratie. Statt dass man die Motive der Wähler ergründet, wird der Ausnahmezustand verhängt, um den "Infektionsherd" zu finden. Diktatorische Maßnahmen greifen, Panzer patrouillieren durch die Stadt, willkürliche Verhaftungen folgen. "Die Stadt der Sehenden" ist eine glanzvolle politische Parabel, ein Buch darüber, wie fragil unsere Demokratie sein kann, wie sehr es von uns abhängt, sie mit Leben zu füllen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.07.2006

In seinem neuen Roman hat der inzwischen 84jährige Autor aus Sicht von Rezensent Kersten Knipp "eine große Zukunftsfrage des politischen Europa aufgeworfen", nämlich die nach der Legitimation der Demokratie in Zeiten, in denen immer weniger Menschen für sie aufkommen wollen und immer mehr in die Armut abgleiten. Der Plot, der Jose Samaragos Gedanken transportieren soll, scheint dem Rezensenten allerdings nur teilweise tragfähig zu sein. Es geht um Kommunalwahlen, an denen sich erst 70 Prozent der Wahlberechtigten, nach ihrer Wiederholung 83 Prozent, nicht beteiligen. In der Folge verhängt die Regierung den Ausnahmezustand. All dies findet Knipp "reichlich überzogen" dargestellt, ihn erinnert die Geschichte eher an eine Bananenrepublik. Dies aber ist Samaragos Anliegen, die Krise der Demokratie zu thematisieren, seiner Ansicht nach nicht sehr zuträglich. So sehe das Buch eher wie ein "Diktatorenroman" aus, statt eine "etwas tiefergehende Diskussion über demokratische Mechanismen" in Angriff zu nehmen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 18.05.2006

Evelyn Finger ist baff angesichts des Mutes und der "frischen Wut" des 83-jährigen Saramago. Ihre Besprechung liest sich wie eine Danksagung an den großen alten Mann der Literatur für einen "radikalen Ideenroman", eine Festung " gegen die ideologischen Attacken eines demokratischen Staatsapparates und einen Aufruf zu moralischer Integrität. Staunend erklärt Finger uns die Funktionsweise der politischen Parabel um einen Volksaufstand in einem fiktiven Staat, ein "rhetorischer Hyperrealismus", der, so Finger, das Erzählte plausibel werden lässt. Dass der Roman den Leser in einem "Wald aus Reflexionen" allein lässt, scheint die Rezensentin nicht zu stören. Das Wenige, was sich ereigne, erklärt sie, wirke dadurch umso drastischer.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.2006

Dass Jose Samarago mit diesem "Endzeitszenario einer politischen Science-Fiction", wie Florian Borchmeyer es nennt, wiederum seiner Neigung für phantastische Situationen frönt, scheint dem Rezensenten zu gefallen. Des Autors Kunstgriff, dem immerhin 400 Seiten starken "abstrakten Handlungsplot" nach der Hälfte einen "klassischen" Helden beizugeben, ist dafür allerdings unabdingbar. Nur so, gibt uns Borchmeyer zu verstehen, glückt dieses Unternehmen einer intellektuellen Spekulation auch literarisch. Besser noch, wenn Saramago "seine Staatsparabel zum existentiellen Ringen um Sprache" ausweitet. Durch das in ihm ausgesprochene "pauschale Misstrauensvotum an die westlichen Demokratien" bleibt das Buch für den Rezensenten dennoch irritierend. Malt er sich doch aus, was passieren würde, "wenn die literarische Fiktion von der Wirklichkeit eingeholt wird".
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