Jule Govrin

Universalismus von unten

Eine Theorie radikaler Gleichheit
Cover: Universalismus von unten
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518300565
Kartoniert, 499 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Je bedrohlicher die Weltlage wird, umso stärker spüren wir, wie sehr wir global aufeinander angewiesen sind. Doch obwohl wir alle verwundbar sind, ist Verwundbarkeit ungleich verteilt. Wie aber lässt sich Ungleichheit ausgehend von Körpern denken? Anhand von Schulden- und Austeritätspolitiken untersucht Jule Govrin in ihrem Buch, wie Menschen durch Formen der differentiellen Ausbeutung ungleich gemacht werden. Und sie begibt sich auf die Suche nach gelebter Gleichheit in der Gegenwart. Gleichheit erscheint so nicht als fernes Ideal, sondern als prekäre Praxis, welche die Sorge umeinander in den Vordergrund stellt. In solidarischen Gefügen und egalitären Körperpolitiken blitzt ein Universalismus von unten auf.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.03.2025

Ziemlich euphorisch bespricht Rezensent Peter Laudenbach Jule Govrins philosophischen Gegenwurf zur libertären Doktrin a la Ayn Rand und Peter Thiel. Wo letzteren der Eigennutz einsamer Individuen über alles geht, setzt Govrins Denken, erfahren wir, bei der menschlichen Verletzlichkeit an, der eine Verpflichtung zur Solidarität entspringt. Konkret zeigt sie dabei auf, beschreibt Laudenbach, wie Menschen gerade direkt nach der Geburt auf andere angewiesen sind, und sie verbindet solche Gedanken mit einem beeindruckend umfangreichen Durchgang durch die Geistesgeschichte Europas, von Hobbes bis Bourdieu. Leitend ist dabei die Frage nach dem Verhältnis von Politik und Wirtschaft zum Körper, die Autorin zeichnet laut Rezensent nach, wie die liberale Tradition immer schon zu sehr von Kosten-Nutzen-Argumenten durchsetzt war. Demgegenüber, liest Laudenbach bei Govrin, gilt es, einen neuen Universalismus "von unten" zu etablieren, der bei den physischen Lebensbedingungen ansetzt und auf der Basis geteilter Verletzlichkeit die Anerkennung von Unterschieden ermöglicht. Weiterhin gefällt Laudenbach, dass Govrin zwar Judith Butlers philosophische Positionen aufgreift, ihre Haltung zur Hamas jedoch explizit kritisiert. Eine kleine kritische Anmerkung hat der Rezensent schließlich doch noch: Vielleicht, meint er, unterschätzt Govrin in ihrem Plädoyer für kommunale Strukturen die Komplexität moderner Gesellschaften. Insgesamt jedoch ist Laudenbach ausgesprochen überzeugt von Govrins Denkentwurf.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 16.01.2025

Rundum glücklich wird Rezensent Thomas Groß nicht mit dieser Verteidigung des Universalismus, allerdings misstraut er auch seinem eigenen Unbehagen. Die Philosophin Jule Govrin will, erfahren wir, den Universalismus nicht mit Berufung auf die Kant'sche Vernunft retten, sondern vom Körper her denken. Auf Theorieseite stehen dabei Denker wie Marx und Mbembe mitsamt ihrer Gewaltanalysen sowie Butler und Bourdieu mit ihren Gedanken zu Verkörperung von Macht Pate, beschreibt Groß. Freilich sind diese Theoriepassagen ziemlich umfangreich und abstrakt geraten, findet der Rezensent, die Praxisbeispiele einer laut Govrin hoffnungsvollen, egalitär gedachten Körperpolitik beschränken sich auf Suppenküchen, feministische Streiks und ähnliches. Kommt man damit der komplexen Realität des Kapitalismus bei? Groß hat da seine Zweifel und vermutet, dass auch diese Utopie an den Versuchen ihrer Konkretion zerbrechen könnte. Gleichzeitig allerdings merkt er an, dass engagierte Versuche wie dieser, Gemeinschaft neu zu denken, in Zeiten wie den unseren durchaus wichtig sind.

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