Zerstörungslust
Elemente des demokratischen Faschismus

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518432662
Gebunden, 453 Seiten, 30,00
EUR
Klappentext
Donald Trump versprach vor seiner erneuten Wahl, die liberale Demokratie aus den Angeln zu heben. Er wurde nicht trotz, sondern wegen dieses Versprechens gewählt. In ihrem Buch "Gekränkte Freiheit" zeigten Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, wie Libertarismus und Autoritarismus miteinander verschmelzen könnten. Zwei Jahre später hat die Realität ihre soziologische Diagnose auf bedrückende Weise bestätigt. Nun befassen die Soziologen sich mit den Wählern und Followern von Trump, Musk sowie der AfD. Woher diese Lust an der Zerstörung? Und warum folgen so viele Bürger den libertären Autoritären in den selbstgewählten Faschismus? Auf der Grundlage umfangreicher empirischer Forschungen, darunter einer Vielzahl ausführlicher Interviews, unteranderen mit AfD-Anhängern und Mitgliedern libertärer Vereinigungen, entwickeln Amlinger und Nachtwey eine Erklärung: Im Kern richtet sich diese Revolte gegen die Blockade liberaler Gesellschaften, die ihre Versprechen auf Aufstieg und Emanzipation nicht mehr einlösen. In diesem Sinne geht es Trump, Musk, Weidel und ihren Anhänger, schließen die beiden mit Erich Fromm, um die Zerstörung der Welt als letzten, verzweifelten Versuch, sich davor zu retten, von ihr zermalmt zu werden.
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Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 23.10.2025
Die Grunddiagnose, die die Literaturwissenschaftlerin Carolin Amlinger und der Soziologe Oliver Nachtwey in ihrem vielbeachteten Buch stellen, ist interessant, findet der hier rezensierende Philosoph Hanno Sauer, der allerdings der Meinung ist, dass viele hier ausgebreiteten Argumente bei näherem Hinsehen in sich zusammenfallen. Die Grunddiagnose, die Sauer gefällt, geht von einer um sich greifenden Zerstörungslust aus, die von den Autoren in drei Tendenzen aufgeteilt wird: eine, die Erneuerung predigt, eine, die sich Zerstörung wünscht, und eine, die libertär-autoritär drauf ist. So weit so gut, meint der Philosoph Sauer, aber woher kommt diese Zerstörungsgeilheit konkret? Amlinger und Nachtwey bieten hier zwar viele Einzelansätze an, die sich für Sauer aber nie zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammensetzen. Er hat zum Beispiel nicht den Eindruck, dass es um die Infrastruktur in Deutschland allzu schlecht bestellt ist, auch dass der Klimawandel den Wohlstand bedroht, glaubt er nicht und dem von den Autoren abgelehnten Neoliberalismus schreibt er einige Vorzüge zu. Was ihm wohl am meisten missfällt ist, dass ihm bei der Lektüre nie ganz klar wird, inwieweit Amlinger und Nachtwey über eine reale und inwieweit über eine bloß gefühlte Krise schreiben. Lesen sollte man das Buch trotzdem, schließt der insgesamt freilich wenig überzeugte Rezensent, schließlich ist die um sich greifende Zerstörungswut schon ein relevantes Phänomen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 16.10.2025
Sehr wenig anfangen kann Rezensent Christian Marty mit Carolin Amlinger und Oliver Nachtweys Analyse rechter Wut. Die zentrale, auf empirischem Datenmaterial - der Auswertung einer Umfrage - basierende These hält Marty immerhin für nachvollziehbar, wenn auch keineswegs originell: Enttäuschung über sozioökonomische Entwicklungen wächst in vielen Menschen der Wunsch, die bestehende Gesellschaftsordnung brennen zu sehen, wobei sich dieser Wunsch manchmal als konservativ-restauratives, mal als libertäres, mal als libertär-autoritäres Projekt artikuliert. Dass die beiden Soziologen allerdings als Antwort auf diese Tendenz und im Anschluss auf zahlreiche Autoren im Umfeld der kritischen Theorie auf gesellschaftliche Solidarität setzen, will Marty nicht einleuchten. Der Rezensent versucht Amlinger und Nachtwey mit deren eigenen Waffen zu schlagen und argumentiert, dass die kritische Theorie insbesondere Adornos Wert darauf legt, dass jede Gemeinschaftsbildung Ausschließungen produziert und das ein Schreiben wie das Amlinger und Nachtweys, das auf das Einverstandensein des Zielpublikums schielt, letztlich ein konformistisches ist - wozu auch passt, dass die verhandelten Beispiele allesamt auf Seiten der politischen Rechten angesiedelt sind, Hamas-nahe Demonstranten hingegen nicht vorkommen. Auch Max Weber wird von Marty gegen dieses Buch mobilisiert. Am Ende äußert der Rezensent die Hoffnung, dass Amlinger und Nachtwey in künftigen Arbeiten mutiger zur Sache gehen.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 15.10.2025
Schon 2022 haben Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey eine wichtige Studie zum Autoritarismus unserer Zeit vorgelegt, jetzt ist der Nachfolger zum Faschismus dieser Tage erschienen, den Rezensent Stefan Reinecke ebenfalls interessiert liest. Der "demokratische Faschismus" wird in gut lesbarer Form als Vermischung demokratischer Beteuerung und faschistischer Tendenzen präsentiert, der aus den Problemen des Liberalismus entspringt, lesen wir. Um die von rechts kommende Wut zu erklären, ziehen sie für Reinecke überraschend Erich Fromm heran, der den Destruktionstrieb verantwortlich macht - noch nicht ganz überzeugend. Für den Kritiker ist das Denken Amlingers und Nachtweys aber insgesamt so vielversprechend, gerade weil es auch solche Risiken eingeht.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025
Im Detail hat Rezensent Oliver Weber einiges an diesem Buch auszusetzen, dessen Grundthese allerdings findet er überzeugend. Die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey wenden sich hier, ist zu lesen, der politisch rechten Wut zu, die sich mehr und mehr in Bestrafungs- und Zerstörungsnarrativen wider den liberalen Rechtsstaat und Minderheiten artikulieren, exemplifiziert etwa in der Milei'schen Kettensäge. Amlinger und Nachtwey führen laut Weber diese ansonsten keineswegs gleiche Ziele verfolgende Gruppen auf Seiten der politischen Rechten vereinende Haltung auf eine "Gefühlsstruktur" zurück, die letztlich in der Erfahrung ökonomischen Stillstands und Abstiegsängsten wurzelt. Wo die eigene Zukunft blockiert scheint, werden eigene Frustrationen auf den Staat projiziert, der die wenigen verbliebenen Ressourcen an andere Gruppen zu verteilen scheint. Es gefällt Weber gut, dass Amlinger und Nachtwey diese Zusammenhänge ohne Moralisierung darstellen. Weniger gut gefällt ihm die wilde Theoriecollage von Adorno bis Zizek, die die im Kern solide These ummantelt und wenig zur Klärung beiträgt. Hier wäre solidere Theoriearbeit nötig gewesen, findet der Rezensent. Insofern bleibe die vorliegende Arbeit in mancher Hinsicht fragmentarisch; ein Schritt in die richtige Richtung ist dieses Buch für Weber dennoch.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 11.10.2025
Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger vollbringen in "Zerstörungslust" dank analytischer Präzision Beeindruckendes, lobt Rezensent Peter Laudenbach: Sie nutzen unter anderem sozialpsychologische Untersuchungen aus den 30ern Jahren, um Erkenntnisse über den aktuellen Aufstieg des Autoritarismus vor allem in den USA und Deutschland zu gewinnen, ohne dass sie dabei die historischen Differenzen unterschlagen würden. Als eine wesentliche Triebkraft vieler, die diesem Autoritarismus verfallen, machen die Literaturwissenschaftlerin und der Soziologe, die explizit in der Tradition der Kritischen Theorie arbeiten, dabei die "Zerstörungslust" aus, die aggressive, affektive Ablehnung und zugleich das Produkt eines Liberalismus, der unter kapitalistischen Umständen seine Versprechen nicht halten konnte, fasst Laudenbach zusammen. Diese These, wie viele andere in diesem Buch, ist nicht unbedingt originell. Auch mag einem die Zusammensetzung der Verweise und Quellen mitunter etwas eklektizistisch erscheinen. Doch gerade diese methodische Flexibilität ermöglicht es dem Duo, einen wertvollen Überblick zu verschaffen - "klar und klärend" - und aus verschiedenen Thesen zu den Krisen der Gegenwart eine logische Synthese zu ziehen, so der erhellte Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 11.10.2025
Die Basler Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey hatten vor drei Jahren mit "Gekränkte Freiheit" einen Überraschungshit. Das Buch gilt als einer der wichtigsten soziologischen Beiträge zum Aufkommen des neuen Rechtsradikalismus - geschrieben wurde es mit dem Besteck der Kritischen Theorie. "Zerstörungslust" liest sich nun leider nur wie ein zweiter Aufguss, schreibt ein ziemlich genervter Jakob Hayner in einer eher vernichtenden Kritik. Kritische Theorie schön und gut, aber muss es ausgerechnet Erich Fromm sein? Die beiden exhumieren die bereits von Adorno erledigten Sozialcharaktere Fromms und kommen damit zu keiner Erkenntnis, die Hayner weitertragen möchte. Was er resümiert, klingt allerdings tatsächlich eher nach den Idées reçues, die man auch sonst über den Wahnsinn der neuen extremen Rechten vor allem in den USA lesen kann - die Diagnose der beiden resümiert Hayner so: "Weil die Freiheitsversprechen der Hyperindividualisierung nicht eingelöst werden, nährten 'Angst vor Statusverlust, eine gefühlte Blockade und das Nullsummendenken' die faschistischen Affekte." Die beiden Buchautoren empfehlen zur Therapie einen "postliberalen Antifaschismus", der Rezensent greift wohl lieber zu einer Aspirin.