In dem unendlichen Parallelogramm der Kräfte und Motive, die zum Nazi-Regime geführt haben, gibt es verborgene Linien die zeigen: Böse politische Entwicklungen werden schrecklicher, wenn man sie genauer erklärt. Wie das nationalsozialistische Leben dort, wo es nicht um Hochfinanz und Militär ging, ideologisierend in den Alltag eindrang, wird in den großen geschichtlichen und politischen Abrechnungen leicht übersehen, kann vielleicht überhaupt nur erzählend reflektiert werden.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2010
Walter Hinck weiß den Rechtswissenschaftler Klaus Lüderssen nicht nur für seine Brückenschläge zwischen Recht und Literatur zu schätzen, dessen jetzt vorgelegte Autobiografie ist für den Rezensenten selbst ein "veritables Stück Literatur". Beeindruckt zeigt sich der Kritiker nicht nur von der ambitionierten Erzählweise der Erinnerungen, die Vergangenheit stets von einem späteren Punkt aus reflektieren. Überraschenderweise blieben die Erinnerungen dennoch sehr anschaulich und, wie Hink meint, durch die gebrochene und durchaus problematisierte Erzählperspektive besonders authentisch. Fasziniert hat er von den Erfahrungen einer "relativen Gesetzlosigkeit" der frühen Nachkriegszeit gelesen, und sieht davon die späteren Rechtspositionen des Autors durchaus geprägt. Das Dilemma der Darstellung der späteren Jahre, die in Memoiren häufig in einen mit blasser Erlebnisgeschichte durchdrungenen Bericht des beruflichen Werdegangs ausartet, umgeht Lüderssen durchaus kühn, indem er sich gleich auf sein "akademisches Leben" konzentriert, stellt Hinck fest. Deutlich mache der Autor auch immer wieder seine "Skepsis" gegenüber der Authentizität der Erinnerung, was für den faszinierten Rezensenten zu einem "selten erreichten Niveau zeitgenössischer Autobiografien" führt, wie er preist.
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