Endlich kann Oskar Brunngraber, seit 25 Jahren Justizverwaltungsinspektor in einer Asservatenkammer, jemandem erzählen von den geheimnisvollen Beweisstücken, die in seinem Refugium lagern: von den Waffen und Drogen und Mordwerkzeugen und den kriminellen Hintergründen, die sich hinter ihnen verbergen und die auch Brunngraber meist nur ansatzweise kennt. Aber wenn seine Fantasie ihn dazu treibt, erfindet er ihnen wilde Geschichten, die es in sich haben. Und wie schwer es ihm manchmal fällt, diese Beweisstücke nach den gesprochenen Urteilen zu vernichten! - wenn man allein an den Marktwert draußen denkt, der BTM etwa, der Betäubungsmittel, die den größten Platz in der Kammer einnehmen und Gerüche verbreiten, die man aus den Kleidern nicht mehr herausbekommt. Die Überführungsstücke aus dem Hochsicherheitstrakt sind nicht nur dazu da, die Täter zu überführen, sondern auch Anlässe, die Welt zu deuten. Brunngraber sprudelt fast über vor Erfindungsreichtum und Sprachlust; ganz und gar nicht ist sein Leben reduziert auf das, was er in seinem Beruf täglich zu leisten hat, in den er ohnehin eher zufällig hineingerutscht ist.
Auf den Kleinkunstbrettern, die die Welt bedeuten, kennt man seinen Namen jedenfalls, und in der Leipziger "Pfeffermühle" gilt er gar als "Mimikmonster".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2016
Anja Hirsch fühlt sich verloren mit Ludwig Lahers Roman. Das liegt an der monologischen Struktur des Textes, die laut Hirsch fürs Zimmertheater taugt, aber nicht für einen Roman. Lahers Hauptfigur, ein Justizverwaltungsinspektor und Hüter der Asservatenkammer, lockt Hirsch zwar mit kriminellen Kuriosa und morbider Komik, kann ihr am Ende aber doch nur Polizei-Kolportage bieten und adressatenfreie Plaudereien über kaputte Ehen und die eigene Stempelsammlung. Schade, findet Hirsch, Chance auf Insiderperspektive und Situationskomik verspielt.
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