"Die Einheimischen. Die Eingeborenen. Die indigenen Deutschen. Sie sind groß und tragen riesige Brillen in faltigen Gesichtern. Sie haben silberne oder lilafarbene Haare. Sie schmatzen und schnalzen gefährlich mit falschen Gebissen. Sie riechen nach Fleisch und nach Fürzen. Ihre Kleidung ist beige oder braun. Sie stehen an der Bushaltestelle beisammen und reden über Zähne und Knochen. Sie reden über das Krankenhaus und Operationen. Es gibt sie als Mann und als Frau, aber sie sind kaum zu unterscheiden. Sie tragen beige Hosen und Sandalen oder Gesundheitsschuhe. Sie neigen zu Kurzhaarfrisuren, auch die weiblichen Exemplare. Es ist verwirrend. Sie sind alt. Sie sind nicht schön. Sie machen Angst. Sie lauern dir auf wie im Märchen." Ein Paar aus Hamburg adoptiert ein Kind aus Chile. Aber was ist das mit diesem Kind? Warum sperrt es sich so vehement gegen die Zuwendung der neuen Eltern?
Rezensent Dirk Fuhrig seufzt: Dieser Roman hat so viel Potenzial, und doch verschenkt es dessen Autor Michael Weins zum Ende hin. Erzählt wird die Geschichte des indigenen Mapuche-Mädchens Flora, das von einer depressiven Hamburgerin auf einer Chile-Reise adoptiert wird. Was ein wenig "küchenpsychologisch" klingt, schildert Weins mit klugen Kniffen, versichert der Rezensent: Zwischen den Perspektiven von Mutter und Adoptivtochter switchend erzählt Weins nicht nur vom sozialen Gefälle zwischen Deutschland und Südamerika, sondern auch vom brutalen Kolonialismus der Chilenen gegebüber den Indigenen. Was fesselnd, mitunter auch amüsant beginnt, verliert in der zweiten Hälfte des Romans aber an Drive und Kontingenz, bemerkt Fuhrig enttäuscht: Wenn Flora mit knapp 18 Jahren auf einer Chile-Reise Wunderheilerinnen begegnet, vom Schicksal ihres Herkunftsvolkes träumt oder einen Abstecher ins ehemalige Colonia Dignidad-Lager macht, gerät nicht nur allerhand durcheinander. Vielmehr ärgert den Rezensenten, dass Weins, der vor Ort lange über die Mapuche recherchierte, interessante Fakten vernachlässigt und dafür lieber all seine "wohlmeinende" Kolonialismuskritik unterbringt.
Rezensent Frank Keil ist überzeugt von Michael Weins' Roman, der ein Mädchen namens Flora ins Zentrum stellt. Diese entstammt einer Mapuche-Familie und wächst als Adoptivkind in Hamburg auf. Die Mapuche sind, erläutert Keil mit Meins, eine indigene Gruppierung im heutigen Chile. Keil zufolge sucht im zwischen den Jahren 2003 und 2015 spielenden Buch nicht die Adoptivmutter Flora aus, sondern umgekehrt Flora ihre Adoptivmutter, wobei er nicht erläutert, was damit genau gemeint ist. Dafür stellt Keil einige der Figuren des Buches näher vor, darunter eine Therapeutin, die wohl nicht allzu hilfreich ist und einen Nachbarn mit hippiesk-esoterischem Background, der zur Stütze der jungen Flora wird. Gut gefällt dem Rezensenten Weins' Sprache, die einen spöttischen Tonfall ebenso beherrscht wie einen poetischen und außerdem geschickt verschiedene Blickwinkel auf das Geschehen vereint. Nicht zuletzt im Blick aufs heutige Deutschland ein kluges Buch, findet Keil.
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