Michail Ryklin

Räume des Jubels

Totalitarismus und Differenz
Cover: Räume des Jubels
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783518123164
Kartoniert, 236 Seiten, 12,00 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Dirk Uffelmann. Michail Ryklin ist die wohl prononcierteste Gestalt der neuen Philosophie in Russland. In konstruktiv-kritischer Aneignung von französischer Gegenwartsphilosophie, Psychoanalyse und westlicher Totalitarismustheorie entwickelt er seit den späten 80er Jahren eine spezifische posttotalitäre Philosophie. Im Zentrum steht die kontrastive Analyse der »Logiken des Terrors« im Nationalsozialismus und in der Stalinzeit. Anhand von literarischen, technischen und propagandistischen Texten untersucht Ryklin die Diskurse, die so zentrale sowjetische Topoi wie den Metrobau in Moskau oder die "Haussmannisierung" der kommunistischen Kapitale begleiten und den "Effekt des Jubels" (Andre Gide) erzeugen. Jubel ist für Ryklin "das Imaginäre in der Zeit des Terrors", Reaktion auf die totale Ungesichertheit des individuellen Lebens.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.12.2003

Die "schönste Prosa" in diesem Buch fand Karl Schlögel in dem vom Autor aufgezeichneten Lebensbericht seiner Mutter. Und als "Hauptverdienst" des Buches nennt Schlögel, dass man in den Texten des Moskauer Philosophen Michail Ryklin etwas zu sehen bekomme von der "sowjetischen Erfahrung", das jedem Blick entgehen muss, der in Dichotomien wie Freiheit/Diktatur befangen bleibt. Für den Rezensenten leiden Ryklins Relektüren von "Chronotopen der sowjetischen Zivilisation" (Gagarin, Kulturpalast, Weltraumbahnhof und so weiter) allerdings darunter, dass der Autor am historischen Material oft nur insoweit interessiert scheint, als es Stoff für "dekonstruktivistische Exerzitien" abgebe, was dann "manchmal etwas verstiegen" und "nach derridistischem Jargon" klinge. Bedauerlich findet Schlögel auch, dass der Autor seine "Ansätze zu einer eigenen Interpretation" nie wirklich ausführe. Der Rezensent erklärt sich beides damit, dass Ryklin offenbar vor allem "dem Westen" sich habe verständlich machen wollen, und seine Erfahrung darum in eine Sprache übersetzt habe, "die man beherrschen muss, wenn man gehört werden will".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.10.2003

Laut Felix Philipp Ingold gelangt der Moskauer Philosoph Michail Ryklin in Bezug auf die einst von Hannah Arendt angeschobene Totalitarismus-Debatte zu teilweise ganz anderen Ein- und Ansichten als hierzulande. Ryklin zufolge handelt es sich um zwei völlig verschiedene totalitäre Systeme, was sich schon an einer Vielzahl von staatlichen Maßnahmen festmachen lasse, die es nur in der Sowjetunion gegeben hätte: die Enteignung und teilweise Liquidierung der besitzenden Klasse, die Kollektivierung der Landwirtschaft, ein pseudoreligiöser und eher unpersönlicher Persönlichkeitskult, eine allgemeine und unberechenbare Repression, und ein nur gegen die eigene Bevölkerung gerichteter Terror. Ein vom Autor nur am Rande bemerkter Unterschied, dass nämlich die Russen ein ganz anderes Verhältnis zum Tod pflegen, spielt in Ingolds Augen eine zentrale Rolle. In Russland werde der gewaltsame Tod "als Norm" erfahren, in Deutschland dagegen eher als Schicksalsmacht. Hieraus erklärt sich auch für Ingold die unterschiedliche Vergangenheitsbewältigung in beiden Ländern. Ryklin zeige sich, was die Aufarbeitungsbereitschaft seiner Landsleute angeht, außerordentlich skeptisch, schreibt Ingold: die postsowjetische Persönlichkeit sei kollektivistisch geprägt und ersetze nun die alte ideologische Füllung durch eine neue konsumistische Haltung.

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