Miriam Gebhardt widmet sich in ihrer Biographie dem Begründer der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik, dem Esoteriker und Philosophen Rudolf Steiner. Gebhardt bettet Steiner in den Kontext seiner Zeit ein und verortet ihn in der Reformbewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Ausgestattet mit einem feinen Gespür für die Sorgen und Wünsche seiner Zeitgenossen, griff Steiner deren Sehnsüchte geschickt auf und goss daraus ein Sinnfindungsprogramm für das Bürgertum. Wie viele andere Propheten und Reformer wandte er sich den Themen zu, die den Menschen auf den Nägeln brannten: Erziehung, Gesundheit, Religion und die Rasanz des modernen Lebens.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 17.02.2011
Zum 150. Geburtstag des Anthroposophen Rudolf Steiner annonciert Oliver Pfohlmann gleich mehrere Biografie, geht aber nur auf die der Historikerin Miriam Gebhardt näher ein. Sie findet er von allen Neuerscheinungen am überzeugendsten in ihrer Deutung des Lebensreformers, der nach einer gescheiterten Karriere als Theaterkritiker zum obersten "Kohlrabi-Apostel" avancierte. Die meisten seiner Theorien sind folgenlos geblieben, von anhaltender Beliebtheit ist allerdings seine "angewandte Anthroposophie", stellt Pfohlmann fest, der Waldorfschulen ebenso zu verdanken seien wie Naturkosmetik. Gebhardt erklärt Steiners Erfolgsgeheimnis mit dem Sinnstiftungsbedürfnis des von der Moderne überforderten Menschen. Pfohlmann fand hierbei sehr anschaulich gemacht, warum heutige grüne Mittelschichtler von diesem asexuellen "Universaldilettanten" genauso begeistert sind wie die Bildungsbürger vor hundert Jahren.
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