Antichristie
Roman

Carl Hanser Verlag, München 2024
ISBN
9783446280762
Gebunden, 544 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
London 2022, die Königin ist tot! An den Trauernden vorbei rennt Durga: internationale Drehbuchautorin, Tochter eines Inders und einer Deutschen, und voller Appetit auf Rebellion und Halluzinationen. Erzählte Mithu Sanyals gefeiertes Debüt "Identitti" von Identitätspolitik, fragt "Antichristie" nach dem Kolonialismus und der Gewalt in uns allen. Durga soll an einer Verfilmung der überbritischen Agatha-Christie-Krimis mitarbeiten. Doch auf einmal ist es 1906, und sie trifft indische Revolutionäre, die keineswegs gewaltfrei wie Gandhi kämpfen. Und dann explodiert die erste Bombe. Was wäre richtiger Widerstand in einer falschen Welt?
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 28.11.2024
Viel Interessantes und Anregendes, gelegentlich aber auch ein bisschen zu viel von allem enthält Mithu Sanyals neuer Roman laut Stefan Michalzik. Auf der einen Seite folgt er der in Deutschland geborenen Halbinderin Durga, die Teil eines Filmteams ist, das eine der Diversität verpflichtete Agatha-Christie-Adaption dreht; auf der anderen verwandelt sich Durga in einen Mann, und zwar in Sanjeev, der in einem Boarding House für Studenten in London im Jahr 1906 indischen Revolutionären begegnet, unter anderem Ghandi, aber auch dem deutlich rabiateren Vinayak Damodar Savarkar, ideologischer Urahn der heutigen islamfeindlichen Hindu-Nationalisten. Ambivalenz ist dabei laut Michalzik das Gebot der Stunde, etwa wenn Gandhis Rassismus thematisiert wird. Die Handlung springt zwischen beiden Ebenen hin und her, wobei Sanyal noch einiges mehr zwischen die Buchdeckel packt, eine Krimihandlung zum Beispiel oder Gedanken zur deutschen Nationalbewegung vor 1848. Sehr viel also, und gelegentlich wird das alles für den Geschmack des Rezensenten zu detailliert und dramaturgisch verschachtelt dargestellt. Gut recherchiert und klug ist das Buch dennoch - und als Serie verfilmt kann sich Michalzik den Roman auch gut vorstellen. Und: Es ist nicht anti-woke, Sanyal wendet sich einfach nur gegen Dogmatismus, schließt er.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 12.10.2024
Rezensentin Sigrid Löffler schildert zunächst einmal den massiven Erwartungsdruck, unter dem Mithu Sanyal nach ihrem Überraschungserfolg "Identitti" ihren zweiten Roman geschrieben hat. Ob Sanyals neuer, ehrgeiziger Detektiv-/Zeitreise-/Pop-/Debattenroman an den Vorgänger heranreicht, lässt Löffler nur durch den ironischen Tonfall ihrer Kritik erahnen. In jedem Fall findet sie in diesem Roman vieles, vielfältiges, zu viel vielfältiges, wie es scheint - verschiedene Genres und Stile, zwei Zeitebenen, einen Mutter-Tochter-Konflikt, eine Gruppe indischer Revolutionäre, ein Agatha Christie Drehbuch-Seminar, und sehr sehr viel historisches und theoretisches Wissen, vor allem postkoloniale Theorie, verpackt in flotten Dialogen, aufgehübscht mit etlichen popkulturellen Referenzen und "altmodischen" Erzählkniffen. Löffler, das wird deutlich, kann mit diesem Roman offensichtlich wenig anfangen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 04.10.2024
Mithu Sanyals "Antichristie" ist weder Essay, noch Sachbuch, kein Historienroman, kein Krimi und auch keine Science Fiction, es ist: Ein literarischer Smoothie, so Rezensent Carsten Hueck. Hip, bunt und gesund für die "Moralflora", ohne dass man irgendwas dafür tun muss, nicht mal kauen, eine leicht zu konsumierende Mixtur aus allerlei bis zur Unkenntlichkeit pürierten Zutaten. Ein bisschen Familiengeschichte, ein paar Zeitsprünge, ein paar Verwandlungen, einige spannende historische Persönlichkeiten wie etwa der indische Revolutionär Vinayak Damodar Savarkar, etliche Anspielungen und Filmzitate, viel häppchenweise dialogisch vermittelte postkoloniale Theorie, Hegel, Holmes, jede Menge Schenkelklopfer und Selbstironie, und so weiter. Ja, es steckt einiges Schmackhaftes und viel Nahrhaftes, heißt viel historisches und theoretisches Wissen in diesem Roman, das Problem ist nur, so Hueck, es fehlt die tragende Handlung, und es fehlen starke Figuren, denen man interessiert und/oder anteilnehmend folgt. Kurz gesagt, es fehlt der Biss. Tja, und wie man weiß: Was nicht gekaut wird, rutscht zum größten Teil einfach durch… Der Rezensent empfiehlt daher: "Obst und Gemüse"!
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.09.2024
Ziemlich viel kommt hier in Mithu Sanyals neuem Roman zusammen, so Rezensentin Marie Schmidt. Die Protagonistin Durga, deutsch-indisch, ist 2022 mit einer postkolonialen, antirassistischen Neuverfilmung von Agatha Christie-Krimis beschäftigt und verwandelt sich bei einer Zeitreise ins London der 1910er-Jahre in den indischen Freiheitskämpfer Sanjeev. Die verschiedenen Zeitebenen sind durchlässig, was zusätzlich Verwirrung stiftet, ebenso die verschiedenen Bewegungen zwischen Wokeness, gewaltloser indischer Revolution und Hindunationalismus, erklärt die von den vielen Sprüngen etwas gehetzte Schmidt. Kühn findet sie, wie Dialoge mit Erklärungen und Content Notes angereichert werden, es lässt sie aber insgesamt recht verwirrt zurück. Interessant ist es aber allemal, wie Sanyal nicht nur die üblichen Erzählstrategien der deutschen Literatur herausfordert, sondern auch Personen wie dem Freiheitskämpfer Vinayak Damodar Savarkar wie selbstverständlich einen Platz einräumt, schließt sie.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 21.09.2024
Mithu Sanyal kennt Rezensentin Shirin Sojitrawalla als Expertin für postkoloniale Fragen, das zeigt sich ihr auch ganz deutlich im zweiten Roman der Autorin: Im Zentrum steht eine Sanyal sehr ähnliche Deutsch-Inderin, die 2022 in London an einer antirassistischen Agatha-Christie-Verfilmung arbeitet, als mit Queen Elizabeth die letzte Vertreterin des britischen Empire stirbt. Die Protagonistin kann aber auch Zeitreisen und uns ins Jahr 1906 inmitten von Kreisen hinduistischer Nationalisten und in ihre eigene Jugend der 1990er-Jahre mitnehmen, was Sojitrawalla zufolge ein wenig überladen wirkt und die Geschichte manchmal "so abrupt wie ein Auffahrunfall" die Erzählrichtung ändert. Zwischen indischem Widerstand und Genrekonventionen des Kriminalromans lernt die Kritikerin eine Menge en passant. Ein Roman, so komplex wie die Realität und mit "überbordendem Witz" erzählt, versichert die Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 12.09.2024
Auf seine "nervige Art ziemlich unverwechselbar" findet Rezensentin Iris Radisch den neuen Roman von Mithu Sanyal, der sich eine Art literarische Dekolonialisierung auf verschiedenen Zeit- und Raumachsen zum Ziel gesetzt hat. Die Protagonistin ist Deutsch-Inderin, hat gerade ihre Mutter verloren und arbeitet an einer antirassistischen Agatha-Christie-Neuverfilmung. Eigentlich dient der Roman Radisch zufolge aber vor allem dazu, derzeit so aktuelle Debatten etwa um die Singularität des Holocausts, um Kolonialismus und um die Einseitigkeit der deutschen Schulbildung in bester Seminar-Manier auszubreiten. Von Mahatma Gandhi bis zu König Kakudmi werden dem Lesepublikum in der "ungemein dozierfreudigen" Erzählweise Sanyals Figuren und auch Ereignisse präsentiert, die in Deutschland eher unbekannt sind, was die Kritikerin ziemlich übereifrig findet - aber eben auch kaum mit anderen Romanen vergleichbar.