Als Margot Honecker im Mai 2016 starb, hatte sie fast ein Vierteljahrhundert im chilenischen Exil verbracht. Nils Ole Oermann ist vermutlich der letzte Besucher aus der Bundesrepublik, den sie dort kurz vor ihrem Tod empfangen hat. Über drei Jahre stand Oermann mit ihr, die sonst jedes Interview strikt ablehnte, in Kontakt und traf sie mehrfach.
In "Zum Westkaffee bei Margot Honecker" lässt der Autor diese Begegnungen in Chile Revue passieren - die einstige Ministerin für Volksbildung der DDR sprach verblüffend offen über Sozialismus und Kapitalismus, über die Bundesrepublik und die DDR, über Gregor Gysi, Wladimir Putin und Wolf Biermann. Zugleich zeigte die bekennende Stalinistin keinerlei Reue, wenn es etwa um ihren Beitrag zu einem System ging, das kritische junge Menschen kategorisch von Ausbildung- und Karrierechancen ausschloss. Mehr noch: Im Denken und Fühlen von Margot Honecker war die DDR bis zu ihrem Tod ein intakter Staat.
Schade, das Nils Ole Oermann seine Interviews mit Margot Honecker nicht unmittelbarer in dieses Buch hat einfließen lassen, findet Rezensent Christoph Dieckmann, Honeckers Antworten auf die Fragen nach den Idealen und Realitäten der DDR referiert immer Oermann selbst, erklärt der Rezensent. Trotzdem hat Dieckmann "Zum Westkaffee bei Margot Honecker" gefallen. Erkennbar wurde dem Rezensenten "die tatsächliche DDR", versichert er. Dass Margot Honecker nur einen Monat nach Oermanns letztem Interviewbesuch in Chile gestorben ist, verleiht diesem Buch wohl außerdem zeitgeschichtliches Gewicht, meint Dieckmann.
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