Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe. Der ehemalige Chefredakteur der Tageszeitung "Cumhuriyet", die 2016 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, saß wegen seiner mutigen Berichterstattung über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes nach Syrien drei Monate in türkischer Einzelhaft, wurde zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt und ist nur knapp einem Mordanschlag entkommen. Wäre er während des Putschversuchs in der Türkei im Juli 2016 nicht im Ausland gewesen, säße er jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder im Gefängnis. Doch Dündar ging ins Exil und setzte seinen Kampf für die Pressefreiheit in seinem Land und gegen Erdoğan von Berlin aus fort. In seinen Aufzeichnungen aus dem deutschen Exil erzählt er von den Ereignissen, die sich in dem letzten halben Jahr nach seiner Freilassung aus der Untersuchungshaft überschlagen haben: Prozess, Attentat, Urteil, der Putschversuch in seiner Heimat, seine Flucht nach Deutschland, sein Exil in Berlin. Dort führt er ein Leben zwischen Preisen und Anerkennungen, Bedrohungen und Anfeindungen, denn er kämpft weiter für eine demokratische, westlich orientierte Türkei.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.10.2017
Can Dündars "Verräter" und Hülya Özkans "In Erdogans Visier" gehören zu den Neuerscheinungen, die in diesem Herbst 2017 Licht auf die deutsch-türkischen Verhältnisse werfen. Sie ergänzen sich perfekt, und darum bespricht Christiane Schlötzer sie in einem gemeinsamen Artikel: Wo Dündar mitreißend, manchmal bis zum Sentimentalen sei, brilliere Özkan durch Nüchternheit, so die Rezensentin. Bei Dündar lernt sie einerseits etwas über die Schmerzen des Exils, etwa die bittere Erfahrung, dass Freunde sich abwenden, und sie vollzieht Dündars Lernprozess nach: Dündar wundere sich, wie viele Deutschtürken begeistert zu Erdogan stehen. Özkan wiederum hat genau hierüber Informationen: Sie betone, dass die Erdogan-Fans in Deutschland zwar in der Minderheit seien, dass sie aber einer weit verbreiteten Verbitterung Ausdruck geben. Verunsicherung herrsche seit den NSU-Morden und dem Versagen der Behörden. Auf Özkans Rat sollten die Politiker hören, findet Schlötzer: Den Deutschtürken sollte ganz klar signalisiert werden, dass sie zu Deutschland gehören, aber zugleich sollten die "Grenzen der rechtsstaatlichen Toleranz" aufgezeigt werden. Zwei lesenswerte aktuelle Bücher also.
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