"Man kann die Liebe nicht stärker erleben", notiert Thomas Mann 1943 über seine Beziehung zu Paul Ehrenberg. Die beiden begegnen sich 1899 in einem Münchner Salon. Ehrenberg studiert Tiermalerei, Thomas Mann ist Redakteur des Simplicissimus und schreibt an seinem ersten Roman "Buddenbrooks". Die Begegnung reißt den schüchternen Thomas aus seiner sorgsam gepflegten Distanz. Paul besucht mit ihm Kaffeehäuser und die Schwabinger Faschingsbälle - für den Lübecker Patriziersohn eine neue Erfahrung von Leichtigkeit und Lebenslust. Vielleicht findet er bei Paul sogar körperliche Erfüllung, wie ein neuer Blick auf die Quellen zeigt. Mehrere Jahre hält diese enge Freundschaft an. Aber auch danach behalten beide füreinander große Bedeutung - auch als sich die Wege 1933 trennen: Paul bleibt in Deutschland und arrangiert sich mit den Nazis, Thomas geht ins Exil. Wie die Lebenswege der beiden verlaufen, wird von Oliver Fischer detailliert beschrieben - bis hin zum Roman "Doktor Faustus", in dem Thomas Mann der Liebe seines Lebens ein zwiespältiges Denkmal setzt: Als schillernder Geiger Rudi Schwerdtfeger geistert Paul Ehrenberg durch den Roman und wird am Ende von einer eifersüchtigen Geliebten erschossen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 12.08.2025
Noch im Jahr 2023 schrieb der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer von Thomas Manns homophiler "Achillesferse", erinnert Rezensent Gustav Seibt. Nun, im Thomas-Mann-Jahr 2025, scheinen wir endlich einen Schritt weiter zu sein, setzt sich doch nicht nur Tilmann Lahme in seiner im Frühjahr erschienenen Biografie offen und dezidiert mit Manns Homosexualität auseinander: Auch, indem er frühe Briefe Manns an dessen Mitschüler Otto Grautoff auswertet. Auch der Journalist Oliver Fischer greift diese Briefe in seinem neuen Buch auf, konzentriert sich in seinem, wie Seibt findet, "präzisen" Doppelporträt aber vor allem auf Manns Beziehung zum Maler Paul Ehrenberg. Der Kritiker liest hier nicht nur über Sittlichkeitsprozesse jener Jahre, sondern vollzieht auch noch einmal genauer nach, wie Mann seine private "Doppelstrategie von Andeuten, Bekennen und Verleugnen" auch literarisch umsetzte.
Rezensent Tilman Krause verliert sich in den mutmaßlichen Gefühlen der beiden Protagonisten von Oliver Fischers Doppelbiografie. Was den Münchener Bohemien und Tiermaler Paul Ehrenberg und Thomas Mann verband und trennte, beschreibt Fischer in seinem Buch offenbar höchst empathisch. Darauf musste Krause lange warten. Auch auf die von Fischer recherchierten Einzelheiten der Beziehung, ihre Anfänge und ihr Ende. Ob diese Beziehung für Thomas Mann letztlich nur eine "Verwirrung der Gefühle" war, vermag Krause allerdings auch nach dieser Lektüre nicht mit Sicherheit zu sagen.
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