Oliver Hilmes

Ein Ende und ein Anfang

Wie der Sommer 45 die Welt veränderte
Cover: Ein Ende und ein Anfang
Siedler Verlag, München 2025
ISBN 9783827501899
Gebunden, 288 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

In diesem Sommer ist nichts mehr, wie es war: In den vier Monaten von Mai bis September 1945 bricht die alte Welt zusammen, und eine neue tut sich auf. Das verbrecherische "Dritte Reich" ist am Ende, und eine Zeit der Freiheit, aber auch neuer Konflikte, nimmt ihren Anfang. Wie erleben die Menschen diesen Sommer - Sieger wie Besiegte, Opfer wie Täter, Prominente wie Unbekannte? Die "Großen Drei" bestimmen auf der Potsdamer Konferenz den Gang der Geschichte, und die Berliner Hausfrau Else Tietze bangt um das Leben ihres Sohnes. Der US-Soldat Klaus Mann spürt Nazi-Verbrecher auf, und in Berlin plant Billy Wilder eine Komödie über das Leben in den Ruinen. Cafés und Restaurants öffnen ihre Türen, und der Rotarmist Wassili Petrowitsch wird von deutschen Kindern um Brot angebettelt. In vielen Geschichten und Szenen, die von Berlin nach Tokio führen, von München nach Paris oder von Bayreuth nach Moskau, fängt Oliver Hilmes die einzigartige Atmosphäre dieser Zeit der Extreme ein: das große Glück und die Hoffnung der Befreiten, das Elend und die Trauer, die Ängste der Besiegten und die neue Freiheit.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.06.2025

Rezensent Stephan Klemm feiert Oliver Hilmes' Geschichtsreport als "fulminant und augenöffnend". Der Sommer 1945 erscheint hier als weltpolitischer Wendepunkt: Hilmes verknüpft 287 kurze Episoden zu einem Panoptikum, gestützt auf akribisches Quellenstudium - Tagebücher, Archive, Bibliotheken. Hilmes erzählt  verdichtet vom Kapitulationsakt, der Potsdamer Konferenz, Hiroshima, sowie vom Elend der Ausgebombten in Berlin. Alles in Episoden und möglichst nah an den Quellen, erfahren wir. Besonders bewegend findet der Kritiker die Berichte über die hohe Suizidrate in Berlin oder Einblicke in das Leben von Thomas Mann, Alma Mahler-Werfel und Margot Friedländer. Klemms Fazit: Hilmes gelingt es, "eine dunkle Zeit" lebendig und vielschichtig zu erzählen - mit politischer Weitsicht und tiefem Blick auf das individuelle Schicksal.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.05.2025

Rezensent Robert Probst beobachtet anhand gleich dreier Bücher von Oliver Hilmes, Gerhard Paul und Volker Heise den Trend, Geschichte "emotional und von unten zu erzählen", so auch bei den Wochen und Monaten um das Ende des Zweiten Weltkrieges. Ein bisschen süffisant lässt er sich über die Tendenzen aus, in collageartiger Form aus der Perspektive etwa von einfachen Sekretärinnen, aber auch Soldaten und Nazi-Führungsträgern zu erzählen, vermisst er dabei doch eine quellenkritisch-wissenschaftliche Herangehensweise. Heise schafft für den Kritiker ein "Kriegsende-Panoptikum", das durchaus "plastisch" den Horror des Kriegsendes zu vermitteln mag. Die Stärke liegt hier in den Details, so der Kritiker: Der unerträgliche Gestank und die sich ausbreitenden Krankheiten, Sarg-Mangel, aber auch eine bewegende Episode über zwei Auschwitz-Überlebende, die nach Kriegsende heiraten. Schockierend in ihrer Nüchternheit sind die Berichte über die zahlreichen Vergewaltigungen von Frauen durch die Rote Armee, hält der Kritiker außerdem fest. Hilmes widme sich eher bekannteren Protagonisten wie Thomas und Klaus Mann, was zwar viel Atmosphärisches vermittle, aber keine neuen Erkenntnisse. Gefallen findet bei Probst aber der Band des Historikers Paul, der sich die dreieinhalb Wochen nach Hitlers Suizid anschaut, beschränkt auf die Flensburger Förde, und dafür nicht nur collagierte Eindrücke niederschreibt, sondern diese durch historische Einordnungen ergänzt. Dadurch ergebe sich ein minutiöses Protokoll, das auch zeige, wie schnell sich nach Kriegsende der Mythos der 'sauberen Wehrmacht' verbreiten konnte.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 05.04.2025

Rezensent Tilman Krause findet viele schöne Worte für Oliver Hilmes' "Ein Ende und ein Anfang". Als "weltgeschichtliches Kaleidoskop" etwa bezeichnet er Hilmes' historische Erzählung über den Sommer 1945 oder als "historischen Bilderreigen", der die historischen Großereignisse dieser Zeit in eindrucksvollen und immer wieder überraschenden Szenen veranschaulicht. Verschränkt werden diese Szenen mit Bildern aus dem Leben von Privatpersonen, wie zum Beispiel der Berlinerin Elisa Tietze, die in der zerstörten Stadt auf ihren verschollenen Sohn wartet, lesen wir. Es sind solche Nahaufnahmen aus dem Nachkriegsalltag der sogenannten "kleinen Leute", die Hilmes' Geschichte ihren Reiz, ihre Spannung verleihen und die große Geschichte lebendig machen, erklärt Krause. Hilmes, der sich bereits als talentierter Historienerzähler bewiesen hat, erzählt nun also von der Nachkriegsgeschichte und ihren Protagonisten, und das so lebendig, so fundiert, so subtil humorvoll, flott und frei von Pathos oder Nostalgie, dass man sich verneigen möchte, so der Rezensent - vor denen, die die zerstörten Welten damals wieder aufbauten und natürlich auch vor dem Autor.

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