Oliver Lovrenski

bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann

Roman
Cover: bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann
Hanser Berlin, Berlin 2025
ISBN 9783446281608
Gebunden, 256 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Norwegischen von Karoline Hippe. Sie sind jung, voller Ängste, Pillen und Hoffnung. Ihre Eltern leben in der Peripherie, Polizei und Jugendamt sitzen ihnen im Nacken, die Schule ist ein Angebot, das sie dankend ausschlagen. Ivor, Marco, Jonas und Arjan sind rastlos, zwischen den schicken Bars und hyggeligen Cafés Oslos gibt es keinen Platz für sie. Also treiben sie sich auf den Straßen, in improvisierten Gyms und einem maroden Einkaufszentrum herum und geraten Tag für Tag, line für line tiefer in eine Welt des Rauschs, der Gewalt und Kriminalität. Die Liebe zueinander macht sie unbesiegbar - bis einer von ihnen zu weit geht und ihre unheile Welt vollends zerbricht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.03.2025

Dieser Roman ist im norwegischen Original erschienen, als der Autor Oliver Lovrenski gerade einmal 19 Jahre alt war, hält Rezensent Louis Pienkowski nicht wenig beeindruckt fest. Seine Protagonisten sind Ivor, Marco, Arjan und Jonas, die in den sozial prekären Außenbezirken Oslos aufwachsen, alle haben unterschiedliche Wurzeln und alle haben Probleme. Der Autor zeichnet sie auf ihrem Weg von Schulschwänzern zu gewaltbereiten Drogendealern nach, so Pienkowski, den Sound der Straße trifft der Autor durch Jugendsprache, und auch durch die Abbildung eines multiethnischen Sprachkosmos (übrigens sehr gut übersetzt von Karoline Hippe): "Amerikanische und arabische Idiome treffen auf kroatische Weisheiten und somalischen Slang". Lovrenkis Text bestehe aus kurzen, fast fragmentartigen Kleinstgeschichten, die er größtenteil auf dem Smartphone geschrieben habe, und in denen sich die vier Jugendlichen in ihrer Alltagstristesse als extrem männlich und extrem gewaltbereit, aber auch auf innovative Weise sprachbegabt zeigten. Frauen kommen, erfahren wir, eher in kümmernden Nebenrollen vor, oder als "Kapitalchayas", das sind Mädchen mit viel Geld. Das schnelle Tempo und die Mischung aus Brutalität und Zärtlichkeit entwickelt für Pienkowski trotz kleinere Schwächen wie Wiederholungen und einer gewissen Abnutzung des Humors einen Sog, der sich nicht zuletzt der "verblüffend stimmigen poetischen Linie" verdanke.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.03.2025

Rezensent Bernhard Heckler macht sich zu Beginn seiner Besprechung zunächst einmal über die extensive Vermarktung lustig, die der Debütroman des Norwegers Oliver Lovrenski erfahren hat, der "ganz, ganz, ganz jung" ist und in "sehr, sehr, sehr gegenwärtiger" Manier das Buch zum Teil auf dem Handy geschrieben hat. Die Handlung umfasst die vier Jungs Ivor, der der Ich-Erzähler ist, Arjan, Jonas und Marco, die in einem "Gangsterdrama, Schrägstrich Ghettoromanze" unterwegs sind, sich ständig betrinken und auch sonst keine Drogen oder andere Abgründe wie Prügeleien auslassen. Die Kapitel sind kurz, erklärt Heckler, alles ist kleingeschrieben und mit Emojis sowie einem Glossar versehen, um die Street Credibility der Gang ja erfassen zu können. Der ironische Gestus des Kritikers wird aber dadurch ein wenig aufgeweicht, dass er zugibt, Lovrenski habe wirklich Talent zum Erzählen einer tatsächlich gegenwärtig und authentisch wirkenden Geschichte. Ihn stört nur, dass mit der Vermarktung des Buches eine Rezeptionshaltung befeuert werde, hinter deren Erwartungen der Autor nur zurückfallen könne.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.03.2025

Rezensent David Hugendick trifft sich mit Oliver Lovrenski und bespricht dessen Debütroman, der in Norwegen für Furore sorgte und nun, gut übersetzt von Karoline Hippe, auch auf Deutsch vorliegt. Eine Wucht ist dieses episodisch erzählte Buch, ruft Hugendick. Er folgt gebannt vier Osloer Jungs mit Migrationshintergrund durch deren Alltag. Die Sprache ist rau und ungeschliffen, setzt sich aus diversen ethnischen Slangs zusammen, die Interpunktion ist kreativ und auch sonst ist man hier meilenweit entfernt vom fancy Literaturbetrieb, lobt der Kritiker. Man muss schon bis zu Knut Hamsun zurückgehen, um in der norwegischen Literatur etwas ähnliches zu finden, schwärmt er. Die Welt, die Lovrenski beschreibt, ist jedenfalls laut Kritiker ziemlich finster: die Figuren entstammen zerrütteten Familien, ihre Welt dreht sich um Drogen, "para" (Geld) und Zukunftsträume, die höchstwahrscheinlich nicht Wirklichkeit werden. Ein wütendes Buch ist das, meint Hugendick abschließend, aber kein pädagogisches. Botschaften habe Lovrenski so wenig zu bieten wie Ironie, Therapeutisches oder coole Ästhetik. Hier ist alles waschechtes "Kebab-Norwegisch".

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 01.03.2025

Dieser Roman "knallt", findet Rezensentin Eva Biringer, aber so richtig: Er knallt einem eine Realität vor den Latz, die den meisten Leserinnen und Lesern wohl bisher verborgen gewesen sein dürfte. Als "geisterfahrenden Coming-of-Age-Roman" bezeichnet Biringer Oliver Lovrenskis Roman, in dem der 22-jährige Norweger mit polnisch-kroatischen Wurzeln vom Alltag als junger Mensch in der migrantischen Community Norwegens erzählt. Dazu gehören: Drogenhandel und -konsum, Rassismus-Erfahrungen, Gewalt, Alkoholismus, zerrüttete Familienverhältnisse, aber auch Stabilität verleihende Werte wie Loyalität, die die andere, die Wahlfamilie zusammenhalten. Zudem einiges, das die Rezensentin zunächst überrascht: Religiösität, eine ohne Scham geäußerte Sehnsucht nach Geborgenheit und geordneten Verhältnissen, und eine grundlegende Toleranz, Sanftheit und Aufgeklärtheit. Lovrenski erzählt von diesen Ambivalenzen humorvoll, spannungsreich, "sprachlich genial", wie die Rezensentin findet, in feuernden, slanggeladenen Episoden, die oft nur wenige Zeilen lang sind - drastisch, direkt und dennoch poetisch. Ein großartiges literarisches Experiment, das Karolin Hippe meisterhaft ins Deutsche übertragen hat, schließt die Kritikerin.

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