Olivier Razac

Politische Geschichte des Stacheldraht

Prärie, Schützengraben, Lager
Cover: Politische Geschichte des Stacheldraht
Diaphanes Verlag, Berlin 2003
ISBN 9783935300315
Kartoniert, 104 Seiten, 12,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Maria Muhle. Um drei historische Zeitabschnitte - die Ausrottung der nordamerikanischen Indianer, den ersten Weltkrieg, das Konzentrationslager der Nazis - gruppiert der junge Philosoph Olivier Razac seine Studie über den Stacheldraht. Entwickelt wurde der Stacheldraht im 19. Jahrhundert: Die Kolonisatoren des nordamerikanischen Westens gebrauchten ihn gleichsam als zivilisatorische Waffe zum Schutz der Rinderherden vor wilden Tieren und Indianern sowie zur Trennung und Aufteilung des Raumes, um Besitzansprüche zu markieren und durchzusetzen. Ebenso billig und einfach in der Herstellung wie gering an Gewicht, war der Stacheldraht von Beginn an ein überaus nützliches und effizientes Instrument der Abgrenzung und Abwehr, was zu seinem massiven militärischen Einsatz führte: Stacheldrahtverhaue markierten das unzugängliche Niemandsland zwischen den Schützengräben des Ersten Weltkrieges. Die Verwaltung des Raumes durch den Stacheldraht erreicht schließlich mit dem Konzentrationslager ihre grauenvollste Gestalt. Als Instrument totalitärer Macht dient er der absoluten Beherrschung menschlicher Existenz und zieht die Linie zwischen Leben und Tod.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.10.2003

Der französische Philosoph Olivier Razac hat dem Stacheldraht, der zugleich "Linie und Dolch" ist, eine eigene Studie gewidmet, erklärt der Rezensent Andreas Bernhard. Razacs entwickle seine politische Theorie vom "materiellen Detail" aus, und dabei dienen ihm drei der "Erscheinungsorte" des Stacheldrahts als Paradigma: die amerikanische Prärie am Ende des 19. Jahrhunderts, die Schützengräben im Ersten Weltkrieg und die Konzentrationslager der Nationalsozialisten. Der Stacheldraht verlaufe nicht als Grenze zwischen zwei Hälften, sondern zwischen einem Außen und einem Innen, er schaffe einen "Ausnahmeraum", einen "außerhalb einer Ordnung liegenden Bezirk". Daher, so der Rezensent, sei er von Anbeginn stets mit "Gesetzesänderungen" und politischer Ordnung verbunden. Razac mache deutlich, dass die "Schwelle des Eigenen und des Fremden", die durch den Stacheldraht "stärker als durch jedes andere Zeichen" festgelegt sei, zu einer Schwelle zwischen "Mensch und Tier" werde. Einziger "Schwachpunkt" einer sonst sehr überzeugenden Studie ist für den Rezensenten Razacs Versuch einer "Analogie zwischen den historischen Funktionsweisen" des Stacheldrahts, weil er da, der Theorie zuliebe, die "topografischen Differenzen" zu sehr einebene.

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