Klappentext
Seit der Aufhebung der staatlichen Schutzmaßnahmen macht sich in allen politischen Lagern ein Pandemierevisionismus breit. Die Gefahr, die vom Virus ausging, wird kleingeredet, der Gesundheitsschutz als übertrieben bezeichnet oder sogar ins Lächerliche gezogen, die Notwendigkeit weiterer Prävention negiert, an Long Covid leidende Menschen werden stigmatisiert und die Bedürfnisse von vulnerablen Personen kommen in der Diskussion kaum mehr vor. In diesem multidisziplinären Sammelband wird dem Revisionismus auf den Grund gegangen. Autor*innen und Wissenschaftler*innen aus den Bereichen Medizin, Evolutionsbiologie, Pflege, Arbeits- und Gesundheitswissenschaften, Gewerkschaftsarbeit, Philosophie, Politikwissenschaften kommen dabei zu Wort. Neben einer kurzen Sozialgeschichte der Pandemie werden auch die kapitalistische Seuchenproduktion, die Rolle des Staates während der Pandemie, die Zustände der Gesundheitssysteme, ideologische Kollateralschäden der Durchseuchung und die mangelnde Versorgung für Long-Covid- und ME/ CFS-Patient*innen behandelt. Ausgehend vom Befund, dass die gesamte Pandemie hindurch Behindertenfeindlichkeit und Sozialdarwinismus eine tragende Rolle spielten, liegt ein Fokus auch auf der Frage, was geschehen muss, damit vulnerable Personen ungefährdet Teil dieser Gesellschaft sein können. Mit Beiträgen u.a. von Thomas Ebermann, Natascha Strobl, Stefan Dietl, Wolfgang Hien, Peer Heinelt, Eva Hottenroth und Karin Fischer.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 27.12.2025
Nach der Lektüre dieses von Frédéric Valin und Paul Schuberth herausgegebenen Sammelbandes versteht Rezensent Benjamin Moldenhauer die Pandemie auch als Phase, in der auf menschenverachtende Weise darüber gesprochen wurde, welche Menschen zu vernachlässigen sind. Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl arbeitet sozialdarwinistische Tendenzen heraus, vorerkrankte Menschen waren Politikern wie Boris Palmer egal, lesen wir. Der Publizist Thomas Ebermann macht klar, dass die Wirtschaft auch deshalb nicht eingebrochen ist, weil wirtschaftliche Sektoren, im Gegensatz zu kulturellen oder sozialen als "systemrelevant" klassifiziert wurden. Besonders perfide zeigte sich das am Beispiel der Spargelproduktion, deren katastrophale Bedingungen sich während Covid noch verschlimmerten, wie Stefan Dietl zeigt, wenn er an den ersten verstorbenen Erntehelfer Nicolae Bahan erinnert. Es kristallisiert sich das Bild einer "Barbarei im Demokratischen" heraus, bei der Leben insgesamt weniger zählt als Produktivität. Insgesamt liest Moldenhauer aufschlussreiche Perspektiven zu einer Ausnahmesituation, die die Schwachstellen und Probleme einer Gesellschaft gnadenlos offengelegt hat.