Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 21.01.2004
War Nietzsche nicht doch ein heimlicher Christ? Das hätten sie wohl gerne gehabt, die vielen Autoren, die laut Jan-Heiner Tück sich alle Mühe gegeben haben, Nietzsches "antichristliche Aversion in einer Art Umarmungsstrategie" zu ersticken. Der Rezensent schließt sich diesbezüglich Peter Köster an, einem Theologen, der sich Zeit seines Lebens mit der Rezeption Nietzsches beschäftigt hat. Fast alle Interpreten, heißt es, haben den antichristlichen Impetus Nietzsches abgeschwächt, was sowohl für katholische wie protestantische Autoren gilt. Die katholische Kirche allerdings hat sich gegenüber der Moderne lange völlig abgeschottet, referiert Tück, wohingegen bei den Protestanten schon Nietzsches Freund Overbeck, ein Kirchenhistoriker, dem Ende des bürgerlichen Christentums zustimmte. Auch Ernst Troeltsch, Dietrich Bonhoeffer, Paul Tillich und Karl Barth haben sich ernsthaft mit Nietzsches Atheismus auseinandergesetzt. In heutigen Tagen steht Dorothee Sölle mit ihrem "Atheistisch an Gott glauben" für eine theologische Nietzscherezeption, die Köster allerdings so nicht gelten lasse will. Schade, dass es Köster nicht mehr zu formulieren gelungen sei, schließt Tück, "wie eine durch Nietzsche hindurchgegangene Theologie" aussehen beziehungsweise Theologie bleiben könne. Köster ist im vergangenen Sommer gestorben.
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