Denker der Dekolonisation
Zur Aktualität von Frantz Fanon

Dietz Verlag, Bonn 2025
ISBN
9783320024314
Broschiert, 184 Seiten, 18,00
EUR
Klappentext
Frantz Fanon (1925-1961) hat mit seinem Buch "Die Verdammten dieser Erde" 1961 einen Klassiker der radikalen politischen Theorie geschrieben, der von Befreiungsbewegungen aus dem globalen Süden ebenso wie von der Studierendenbewegung in den westlichen Metropolen als "Bibel der Dekolonisierung" begeistert aufgenommen wurde. Denker:innen aus dem Umfeld der postkolonialen Theorie konzentrierten sich hingegen auf den "frühen Fanon" und lasen dessen Erstlingswerk "Schwarze Haut, weiße Masken" als innovative Theorie des Rassismus, vernachlässigten darüber aber den "aktivistischen" Fanon. Philipp Dorestal rekonstruiert Fanons Gedankengebäude und zeigt dessen inneren Zusammenhang unter Rückgriff auf bisher auf Deutsch noch nicht vorliegende Schriften zu Psychiatrie und Politik auf. Fanon entwickelte, so wird in Dorestals Buch deutlich, eine originelle materialistische Theorie von Rassismus, kolonialer Entfremdung und der politischen Dimension von Begehren, die sich in enger Auseinandersetzung mit, aber auch in Abgrenzung zu Denker:innen wie Hegel, Marx, Sartre, de Beauvoir und Césaire formte. Fanon schuf so eine unorthodoxe Form des Marxismus, der die Gegebenheiten des globalen Südens unter der Kolonialherrschaft zu denken versucht und Fragen aufwarf, die auch heute noch von großer Aktualität sind.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 29.07.2025
Eine insgesamt gute Schrift zu Frantz Fanon legt Philipp Dorestal vor, findet Rezensent Claus Leggewie. Der Autor beschäftigt sich mit Fanons zentralen Schriften sowie mit einigen bislang nicht auf Deutsch vorliegenden Aufsätzen. Er verhandelt die Ideen des Psychiaters und Revolutionärs zu Rassismus, Karl Marx oder "zeitgenössischen Befreiungskonzepten wie der Negritude". Auch auf die Rolle der Gewalt bei Fanon geht Dorestal Leggewie zufolge ein und macht klar, dass die Affirmation antikolonialer Gewalt im Kontext des Kolonialismus, über den Fanon schreibt, schlüssig ist, was jedoch keineswegs heißt, dass spätere Terrorgruppierungen sich in ihren Taktiken zurecht auf Fanon berufen haben. Vielmehr muss Fanon, so Dorestal, in seiner Zeitgebundenheit analysiert werden, seine Schriften können keineswegs eins zu eins auf gegenwärtige Probleme übertragen werden. Und doch, meint der Rezensent nach der Lektüre, sind womöglich gerade die Frühschriften, die sich unter anderem mit kollektiven Entfremdungsprozessen beschäftigen, angesichts der Rückkehr barbarischer Zustände in unserer Gegenwart wieder hochgradig aktuell.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 19.07.2025
Viel lernen kann man aus dieses Buch über das Denken Frantz Fanons, meint Rezensent Jens Kastner. Philipp Dorestal nähert sich Fanon, dessen Schriften zu Rassismus und kolonialer Gewalt früher die Studentenbewegung inspirierten und heute an Universitäten interdisziplinär diskutiert werden, angenehm nüchtern, freut sich Kastner. Dorestal blicke unter anderem auf die diversen Einflüsse aus Disziplinen wie Philosophie und Literatur, die sich in Fanons Schriften finden, dabei steht die koloniale Erfahrung im Zentrum der Analyse: als etwas, was Denken und Handeln sowohl der Kolonialisten als auch der Kolonisierten prägt, so der Kritiker. Auch auf Querverbindungen der Arbeit Fanons zum Beispiel zu Albert Memmi geht Dorestal laut Rezensent ein, Erwähnung findet auch die Rolle von Frauen in seinen Büchern - nicht immer wurde sie ausreichend berücksichtigt. Gewalt sah Fanon als unabdingbar im Kampf gegen koloniale Strukturen an - tatsächlich wird das auch von vielen, die sich positiv auf ihn beziehen, nicht nur nicht bestritten, sondern immer noch als Vorbild gesehen, macht Dorestal deutlich. Wie auch immer man heute dazu stehen mag, sicher ist jedenfalls, dass man an Fanon nicht vorbei kommt, wenn es um antirassistisches Denken geht, insbesondere deshalb, weil es sich allen Formen von Mythologisierung widersetzt, schließt der Kritiker, der die Lektüre gern empfiehlt.