Philipp Staab

Systemkrise

Legitimationsprobleme im grünen Kapitalismus. Warum die grüne Transformation zu scheitern droht
Cover: Systemkrise
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518128237
Taschenbuch, 221 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Vor ein paar Jahren noch gingen Hunderttausende für ambitioniertere Klimaziele auf die Straße. Heute protestieren vor allem jene Gruppen, die von einer solchen Politik belastet würden: Landwirte, Pendler, Hauseigentümer. Das Projekt einer ökologischen Transformation scheint erschöpft. Philipp Staab diagnostiziert eine tiefgreifende Systemkrise. Die Aussicht auf Modernisierung erzeugt nicht länger Legitimität. Viele Bürger empfinden Steuerungsversuche des Staates als übergriffig. Immer öfter wird aus Abwehr sogar offene Ablehnung nicht nur der Klimawende, sondern liberaler Grundwerte und der Demokratie als solcher. Der "grüne Fortschritt", so Staab, ist selbst zur Quelle von Instabilität geworden. An die Stelle des Versprechens einer helleren Zukunft ist eine Utopie des Stillstands getreten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2025

Interessiert, aber nicht komplett überzeugt liest Rezensent Philipp Krohn Philipp Staabs Buch über die Probleme des grünen Kapitalismus. Im Anschluss an Habermas und Ulrich Beck untersucht Staab Krohn zufolge, wie sich die Zukunftsvorstellungen der Gesellschaft gewandelt haben. Zentral ist dabei für Staab der Gedanke, dass die ökologische Debatte dazu führt, dass eine bessere Zukunft nicht gedacht werden kann, es geht also bestenfalls um Besitzstandswahrung. Als neue zentrale Opposition macht der Autor Krohn zufolge die zwischen dem bedrohten Heute und dem bedrohten Morgen aus, mithilfe empirischer Untersuchungen identifiziert Staab im Weiteren divergierende Milieus, die sich zu dieser Opposition auf jeweils unterschiedliche Art verhalten und kaum noch miteinander ins Gespräch kommen können. Soweit, so einigermaßen nachvollziehbar, findet der Rezensent. Ist es allerdings wirklich unmöglich, dass auch unter ökologisch korrekten Bedingungen wieder eine neue Utopie entsteht, die gesellschaftlich anschlussfähig ist, fragt der Kritiker den Autor. Kohn lernt dennoch einiges aus diesem Buch, das ihm insgesamt allerdings ein wenig zu pessimistisch geraten scheint.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.10.2025

Ein komplexes, schlaues Buch legt Philipp Staab hier laut Rezensent Matthias Arning vor. Der Autor ist Soziologe und erklärt, weshalb das grüne Projekt einer Wende in der Klimapolitik - unter Beibehaltung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung - gescheitert ist. Staabs Analyse schließt an Habermas an, lesen wir, konkret an dessen Rede über "Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus" - wobei Staab argumentiert, dass es in der Gegenwart nicht mehr, wie noch laut Habermas in den 1970ern, um Selbstentfaltung geht, sondern eher um Besitzstandwahrung. Tatsächlich macht sich sowohl im progressiven Lager als auch bei dessen Gegnern, so Arning mit Schmidt, die Auffassung breit, dass die Zukunft keine neuen Möglichkeiten mehr bieten wird, dass es vielmehr nur noch darum gehen kann, das Schlimmste zu verhindern. Sowohl diejenigen, die so tun, als gäbe es keine Krise, als auch diejenigen, die auf vorauseilende Anpassungen der Industrie drängen, haben also, lernt Arning von Staab, keine überzeugende Zukunftsperspektive anzubieten. Was aber dann tun? Einfach Antworten auf diese Frage liefert Staab nicht, stellt der
Rezensent klar, aber er gibt viele schlaue Hinweise dazu, in welche Richtung man denken könnte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.10.2025

Als eine ernüchternde, aber auch lehrreiche Lektüre beschreibt Rezensentin Meredith Haaf dieses Buch des Soziologen Philipp Staab. Staab fragt sich darin laut Haaf, weshalb die Ökologiebewegung, trotz nach wie vor immensen Handlungsdrucks, an Schwung verliert. Den Grund findet er, im Anschluss an Habermas'sche Begrifflichkeiten, in einer politischen Kultur, der die Vision einer besseren Zukunft abhanden gekommen ist. Statt der freien Entfaltung der eigenen Persönlichkeit können auch progressive Politiker der Bevölkerung höchstens noch Besitzstandswahrung versprechen - eine Folge der misslungenen Verquickung ökologischer Fragen mit den Mechanismen des Kapitalismus. Das wiederum habe zur Folge, dass sich viele Menschen gleich ganz von proaktiver Klimapolitik abwenden und auf Stimmen setzen, die das Problem schlicht ignorieren. Allzu viele Auswege aus dieser Situation skizziert der Autor nicht, stellt die Rezensentin klar, leicht zu lesen ist das Buch aufgrund seiner Jargonlastigkeit ebenfalls nicht - eine hochrelevante Problemdiagnose stellt es gleichwohl dar.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.09.2025

Mit viel Gewinn liest Rezensent Dirk Knipphals Philipp Staabs Buch über gesellschaftliche Legitimation und deren aktuelle Krise. Staab blickt laut Knipphals aufs große Ganze und schließt dabei insbesondere an den Habermas der 1970er an, der analysierte, wie der aufkommende Wohlstand in der Bundesrepublik dem Kapitalismus einerseits Legitimation beschafft hatte und wie dann andererseits diejenigen, denen das nicht genug war, auf das individualistische Feld der Selbstverwirklichung auswichen. Heute funktioniert eben dieser Mechanismus nicht mehr, argumentiert Staab Knipphals zufolge und zwar insbesondere aufgrund des Klimawandels, der die Menschen unter Druck setzt, individuelle Lebensentwürfe in Frage stellt und auf die Perspektive des bloßen Überlebens hin zuspitzt. Knipphals findet das ziemlich schlüssig, wobei er anmerkt, dass vieles, die AfD zum Beispiel, bei Maas nicht vorkommt, überhaupt argumentiert der Soziologe nicht entlang politischer Fronten, was insgesamt eine Stärke ist. Dennoch fragt sich Knipphals, ob man weit auseinanderliegende Lebensentwürfe - zum Beispiel: SUV versus Lastenrad (beide für Fußgänger potenziell tödlich) - nicht unterschiedlich behandeln sollte. Insgesamt jedoch kann der Rezensent viel mit diesem Buch anfangen, das ihm sogar ein bisschen Hoffnung macht mit Blick auf mögliche neue, kleinteilig-problemorientierte Strategien zur Bewältigung allgegenwärtiger Krisen.

Buch in der Debatte

9punkt 14.11.2025
"Zehn Jahre nach Paris stehen wir also vor einer Situation, in der uns die technischen Mittel für eine ökologische Modernisierung gegeben sind, die aber gleichzeitig als politisches Projekt immer schlechter funktioniert", konstatiert der Soziologe Philipp Staab, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat. Aber Staab bleibt optimistisch: Es "wird deutlich, dass die Linke womöglich auf die baldige Erlösung aus dem klimapolitischen Schweigepakt hoffen darf, der sich durch das kolossale politische Scheitern der grünen Modernisierung ergeben hat. Das Bewusstsein über die ökologische Krise ist einstweilen relativ stabil. Die rechten Projektionen werden immer häufiger mit realen Katastrophen konfrontiert werden, die man dann auch nicht auf Einwanderung wird projizieren können. Das Verschobene wird wieder ans Licht drängen." Was ist zu tun? Staab gibt eine etwas abstrakte Antwort. Die politische Linke darf sich "nicht mehr hinter der Verteidigung einer liberalen Semantik verschanzen, sondern muss aktiv den Konflikt suchen und ihn dramatisch zuspitzen. Sie muss sich damit befassen, wie man ökopolitische Fortschritte in einer Situation erzielen kann, in der man selbst nach Wahlerfolgen in stürmischen Gewässern verweilt." Unser Resümee

Beliebte Bücher

Julian Barnes. Abschied(e). Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2026.Julian Barnes: Abschied(e)
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…
Elias Hirschl. Schleifen - Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2026.Elias Hirschl: Schleifen
Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In…
Dorothee Elmiger. Die Holländerinnen - Roman. Carl Hanser Verlag, München, 2025.Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen
Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter…
Leila Slimani. Trag das Feuer weiter - Roman . Luchterhand Literaturverlag, München, 2026.Leila Slimani: Trag das Feuer weiter
Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…