Aufrecht
Überleben im Zeitalter der Extreme

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518432624
Gebunden, 389 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Eva Bonné. Als Lea Ypi im Internet ein ihr unbekanntes Foto entdeckt, das ihre Großeltern 1941 beim Après-Ski in den italienischen Alpen zeigt, fragt sie sich, was sie wirklich über ihre Familie weiß. Warum hat ihre geliebte Großmutter Leman, genannt Nini, Französisch gesprochen, wenn sie doch in Saloniki aufgewachsen war, als Enkelin eines Würdenträgers? Was hatte sie bewogen, als junge Frau Griechenland zu verlassen und auf eigene Faust nach Tirana zu gehen? Wie war sie mit Asllan zusammengekommen, ihrem Mann, der bald für viele Jahre in einer "Universität" verschwand? Und warum lächelte sie im Schnee von Cortina und zu einer Zeit, in der es nichts zu lachen gab, weil in Europa ein grausamer Krieg tobte? Lea reist an die Orte von Lemans Leben, um es Stück für Stück anhand von Archivalien, Akten und Anekdoten zu rekonstruieren. Gebannt folgt man ihr in die untergegangene Welt der osmanischen Aristokratie, an die Wiege der neuen Nationalstaaten auf dem Balkan und natürlich nach Albanien, erst unter faschistischer Besatzung, dann unter kommunistischer Herrschaft.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.12.2025
Nicht vollkommen glücklich wird Rezensentin Marianna Lieder mit Lea Ypis neuem Buch. Das widmet sich Leman Ypi, der Großmutter der Autorin, deren bewegte Lebensgeschichte in Thessaloniki zu Zeiten des Osmanischen Reichs beginnt und sich später im stalinistischen Albanien fortsetzt, wo Leman Ypi heiratet - ihr Mann wird viele Jahre lang in einem Arbeitslager interniert. Ypis Buch hat mehrere Ebenen: Einerseits beschreibt die Autorin ihre eigenen Recherchen in Archiven auf der Suche nach Spuren der Großmutter, andererseits schmückt sie das Leben Leman Ypis mit den Mitteln der Fiktion aus, insbesondere wenn sie das Aufwachsen eines Oberschichtsmädchens im Osmanischen Reich schildert. Ein bisschen zu "pittoresk" wirkt das manchmal auf Lieder, die sich außerdem daran stört, dass Ypi ihre Großmutter ziemlich idealisiert. So recht wollen die beiden Stränge der Erzählung, die Recherche und die Fiktion, nicht zueinander passen, was auch damit zu tun hat, dass ein Archivfund Ypis die Authentizität der Lebensgeschichte der Großmutter grundsätzlich in Frage stellt, kritisiert die Rezensentin außerdem. Für Lieder jedenfalls fällt der Vergleich mit dem starken Vorgängerbuch "Frei" negativ aus - mit ihrem neuen Buch hat sich Ypi womöglich ein bisschen verhoben.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 11.10.2025
Rezensentin Marie Schmidt liest mit Lea Ypis "Aufrecht" die wahrlich "unschlagbare Geschichte" von Lea Ypis Großmutter Leman Ypi - auch wenn der Rezensentin die literarische Methode hier nicht völlig einleuchtet. Wie bereits in ihrem 2021 erschienenen autobiografischen Buch "Frei" gewinnt die Philosophin ihre Erzählung auch hier wieder aus einer Mischung von recherchiertem Wissen, eigenen Erinnerungen, Fiktionen, "Irrtum und Enttäuschung". Allerdings bleibt das Konzept abstrakter als im Vorgänger, ihre Erzählung will künstlerisch frei sein, ist dann aber doch formal recht konventionell, bemerkt Schmidt. Und trotzdem liest man mit Spannung und intellektuellem Gewinn von dieser Frau, die in einer osmanischen Beamtenfamilie, als Teil der Elite einer albanischen Minderheit in Saloniki aufwächst, dann durch den "Bevölkerungsaustausch" nach Tirana kommt, Asllan Ypi heiratet, der mit dem späteren Diktator Hoxha befreundet war. Asllan kommt wegen Hochverrats ins Gefängnis kommt, sodass seine Frau sich und ihre Kinder allein durchbringen muss - eine Frau, die auch in widrigsten Umständen ihre Würde bewahrt. Würde - das ist das zentrale Prinzip, das Ypi hier verhandelt, lesen wir, nachdem sie in "Frei" das Konzept der Freiheit literarisch untersuchte. Nicht jede ihrer Erkenntnisse leuchtet auch der Rezensentin ein. Entscheidender ist für diese aber sowieso die würdebewahrende erzählerische Praxis dieser Autorin.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 25.09.2025
Interessiert folgt Rezensentin Katharina Döbler Lea Ypis Spurensuche im Zuge einer Recherche über die Großmutter der Autorin. Teils stützt sich dieselbe auf archivierte Spitzelberichte, die notorisch unzuverlässig sind - aber Ypi strebt ohnehin laut Döbler eine freiere Form des Schreibens zwischen Fiktion, Erinnerung und Rekonstruktion an, auch im Anschluss an ihre philosophischen Schriften. Leman Leskoviku hieß die Großmutter jedenfalls und sie lebte ein aufregendes Leben zwischen Istanbul, Saloniki und Albanien, ethnische und politische Spannungen prägen diese Biografie. All das wird ausführlich, manchmal vielleicht gar zu ausführlich dargestellt und ausgeschmückt, lehrreich ist es freilich, findet Döbler, durchweg, nicht zuletzt aufgrund des beigefügten grafischen Materials in Form von Karten und einer Zeittafel. All das stehe in hartem Kontrast mit den einsilbigen Berichten, die Ypi in den Archiven ausfindig macht. Die Rezension läuft nicht auf eine eindeutige Wertung hinaus, alles in allem scheint Döbler jedoch bei der Lektüre auf ihre Kosten gekommen zu sein.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 18.09.2025
Ein faszinierendes, vielschichtiges, in mindestens einem Detail auch ein bisschen problematisches Buch legt Lea Ypi hier vor, so Rezensent Alexander Cammann. Die albanischstämmige, linke Historikerin Ypi widmet sich darin, meint man jedenfalls zunächst, ihrer Großmutter Leman "Nini" Ypi, Anstoß zum Buch gibt eine Fotografie der Frau, beziehungsweise die wütenden Kommentare von Facebooknutzern zu dem Bild. Um ihre Großmutter zu verteidigen, die auf dem Bild mit einem Mussolini-Kollaborateur abgebildet ist, hat Ypi jetzt dieses Buch verfasst, das Geschichtsreflexion, biografische Recherche und Fiktion geschickt verschränkt, erklärt der Rezensent. Basierend auf Archivfunden geht es zurück ins Leben Ninis, ins multiethnische Saloniki zunächst, wo Nini aufwächst, später lässt sie sich trotz Anfeindungen in Albanien nieder, wo ihre Familie von der kommunistischen Diktatur verfolgt wird. Die Schlüsselstelle des Buches: Es stellt sich schließlich heraus, dass Ypi der falschen Nini hinterher recherchiert hat, tatsächlich ist die, deren Leben sie entlang der Quellen, aber auch ihrer eigenen literarischen Phantasie reimaginiert hat, gar nicht mit ihr verwandt. Im Folgenden überlegt sich Cammann, was von dieser Volte zu halten ist: Sie fügt dem Nachdenken über Geschichte und Fiktion sicherlich neue Facetten hinzu, aus der Perspektive eines Historikers ist sie hingegen problematisch, findet er, da sie zum Beispiel, entlastenden Mythen hinsichtlich des real existierenden Sozialismus zuarbeiten kann. In all seiner Ambivalenz bekommt das Buch für Cammann dennoch viel von der Zeit, die es beschreibt, zu fassen.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 06.09.2025
Rezensent Dirk Schümer empfiehlt Lea Ypis Ritt durch das Zeitalter der Extreme, das die Autorin zusammen mit ihrer albanischen Familie und besonders der renitenten Großmutter besucht, die sich allen Anfechtungen durch Rassismen und Ideologien im 20. Jahrhundert widersetzte. Entzückt ist Schümer vom literarischen Eintauchen in die osmanische Vielvölkerstadt Thessaloniki und die Extravaganzen einer gebildeten Oberschicht, auch wenn er ahnt, dass vieles hier erfunden ist. Als Leser fühlt er sich gern live dabei bei den Dramen und Kaffeehaus-Rendezvous', die auch mal ein Enver Hoxha frequentiert. Schümer fühlt sich an einen Graham-Greene-Agententhriller erinnert und begeistert sich unter anderem für die geistreichen, sicher nicht immer ganz wirklichkeitsnahen Dialoge. Auch wenn Ypi gegen Schluss etwas die Puste auszugehen scheint, wie Schümer merkt, ist die pointenreiche Lektüre für ihn doch offensichtlich ein Genuss.