Philippe Descola

Jenseits von Natur und Kultur

Cover: Jenseits von Natur und Kultur
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
ISBN 9783518585689
Gebunden, 638 Seiten, 39,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Seit der Zeit der Renaissance ist unser Weltbild von einer zentralen Unterscheidung bestimmt: der zwischen Natur und Kultur. Dort die von Naturgesetzen regierte, unpersönliche Welt der Tiere und Dinge, hier die Menschenwelt mit ihrer individuellen und kulturellen Vielfalt. Diese fundamentale Trennung beherrscht unser ganzes Denken und Handeln. In seinem faszinierenden Buch zeigt der französische Anthropologe und Schüler von Claude Levi-Strauss, Philippe Descola, dass diese Kosmologie alles andere als selbstverständlich ist. Dabei stützt er sich auf reiches Material aus zum Teil eigenen anthropologischen Feldforschungen bei Naturvölkern und indigenen Kulturen in Afrika, Amazonien, Neuguinea oder Sibirien. Descola führt uns vor Augen, dass deren Weltbilder ganz andersartig aufgebaut sind als das unsere mit seinen "zwei Etagen" von Natur und Kultur. So betrachten manche Kulturen Dinge als beseelt oder glauben, daß verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Tieren und Menschen bestehen. Descola plädiert für eine monistische Anthropologie und entwirft eine Typologie unterschiedlichster Weltbilder. Auf diesem Wege lassen sich neben dem westlichen dualistischen Naturalismus totemistische, animistische oder analogistische Kosmologien entdecken. Eine fesselnde Reise in fremde Welten, die uns unsere eigene mit anderen Augen sehen lässt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.03.2012

Viele Menschen fürchten heute, weiß Rezensent Michael Hampe, dass die im aufgeklärten denken übliche Trennung von Natur und Kultur "nicht gut ausgehen wird". Deswegen nimmt er dieses Buch sehr dankbar auf, in dem der französische Anthropologe Philippe Descola andere Kosmologien in den Blick nimmt, die diese Trennung nicht machen. Animistische oder totemistische Lebensformen also. So lernt der Rezensent, wie die Indianer Amerikas, die Ureinwohner Sibiriens oder die Aborigines in Australien mit Tieren und Pflanzen koexistieren: Sie kommunizieren mit ihnen und leben in "vertragsähnlichen Verhältnissen" mit ihnen. Dabei sei Descola kein "naiver Romantiker", versichert Hampe, der dem Buch nicht nur wesentliche Gefahren unserer Naturentfremdung entnommen hat, sondern auch Einsichten in die europäische Geschichte. Lob spendet er auch der Übersetzerin Eva Moldenhauer für Akkuratesse und Stilsicherheit.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.12.2011

Helmut Höge scheint nichts dagegen zu haben, wenn das Schilfrohr anfängt zu denken oder Schatten sich zum Abendessen setzen. Philippe Descola, Schüler von Claude Levi-Strauss, plädiert zwar nicht für die Ausweitung der Menschenrechte auf Tiere, wie es andernorts bereits diskutiert wird, die friedliche Koexistenz von animistischen, totemistischen, analogischen und weiteren Weltbildern ist allerdings sein Anliegen, wie Höge herausfindet, indem er dem Autor auf seinen Reisen in den Amazonas folgt, wo Descola von der Evidenz der Natur zur Vorstellung ihrer Universalität gelangt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2011

Nein, direkt kommt der Leser mit Philippe Descola, einem Schüler von Levi-Strauss, nicht ans Ziel, das legt Helmut Mayer dem Text und seinem Autor allerdings als Vorteil aus. Denn um zu einer Neubeschreibung eines Natur- und Weltverhältnisses zu gelangen, die etwa animistische und totemistische Momente nicht als defizient inkludiert, sondern als Möglichkeiten eigenen Rechts, scheinen Mayer Descolas wieder aufgelegte Berichte und Forschungen aus Amazonien ein wichtiger Wegstein zu sein. Das Projekt nennt Mayer wahrhaftig umfangreich und vermisst seine anthropologische und auch philosophische Tragweite, während er vom Autor zunächst ideengeschichtlich-genealogisch über unsere Kultur-Natur-Dichotomie informiert wird. Die folgende Darstellung verschiedener Ontologien (Naturalismus, Animismus, Totemismus), über die der Autor soziale Organisationsformen erläutert, findet Mayer höchst reizvoll. Und beeindruckend, erinnert sie ihn doch an die Relativität unserer etwas ins Wanken geratenen Perspektive. Da kann der erforschte Stamm am Amazonas noch so winzig sein.
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