Ein Jahr lang, vom Geburtstag 2009 bis zum Geburtstag 2010, hat der große deutsche Publizist und Schriftsteller sich und seine Zeit kritisch und selbstkritisch unter die Lupe genommen. Dabei hat er ganz genau hingeschaut. Ob es um Bundeswehreinsätze in Afghanistan, Aufstände in Teheran, den Einsturz des Kölner Stadtarchivs, eine Huldigung an Herta Müller oder Einblicke in seine persönliche Arbeitsweise geht - es sind Aufzeichnungen, die zeigen, wie eng verbunden dieses Leben mit den großen Strömungen und Bewegungen unserer Zeit ist. Gleichzeitig aber gestatten sie einen tiefen Einblick ins Private, ohne Voyeure zu bedienen oder den Mutterwitz des Autors zu verbergen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.10.2010
Friedmar Apel hat nicht nur die seltsame Kuschelei mit dem Stofftier irritiert, mit der Ralph Giordano an seinem sechsundachtzigsten Geburtstag sein Tagebuch beginnt. Allerdings wird die innige Szene sogleich von den zu erwartenden meinungsfreudigen, schimpfenden und mahnenden Ausrufen des Autors abgelöst, stellt der Rezensent fest. Etwas genervt nimmt er die ihm "krampfhaft" erscheinenden Abgrenzungen gegenüber "Idioten, Anpassern und Feiglingen" zur Kenntnis, und er bemerkt, dass Giordano wirklich jedes Ereignis der Gegenwart irgendwie auf sich bezieht, seien es die gefälschten Iranwahlen oder das eingestürzte Kölner Stadtarchiv. Besonders negativ aber ist ihm die "aneignende Bewunderung" dieser Tagebucheinträge, die Georg Elser oder Victor Klemperer genauso umschließt wie Thilo Sarrazin, aufgefallen. Wenn Giordano dann in der Nobelpreisträgerin Herta Müller eine Seelenverwandte ausmacht, dann zeigt sich Apel regelrecht peinlich berührt von dieser "Distanzlosigkeit". Und die Einblicke, die der Rezensent hier in die intime "Selbstbespiegelung" bis hin zu Blutuntersuchungsergebnissen erhält, hätte er sich auch gern geschenkt.
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