Tokyo Sympathy Tower
Roman

Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2025
ISBN
9783455019346
Gebunden, 160 Seiten, 23,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. Japan in der nahen Zukunft. Statt Kriminelle zu bestrafen, begegnet man ihnen mit Milde und Mitgefühl. So soll die renommierte Architektin Sara Machina nun ein modernes Gefängnis gestalten. Im Zentrum Tokios wird ein Luxusturm für die innovative Inhaftierung von Straftätern entstehen. Doch Sara zweifelt an dem Konzept: verdienen Verbrecher es wirklich, dass man ihnen Wohlwollen entgegenbringt? Schon der Name "Sympathy Tower" behagt ihr nicht. In ihrer kreativen Krise wendet sie sich ratsuchend an einen Chatbot, nur um festzustellen, dass auch dieser nicht frei von Ideologie antwortet...
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 26.01.2026
Wäre Rezensentin Judith Leister Michel Foucault, hätte ihr Rie Qudans dystopischer Roman noch mehr Freude gemacht. Das im Roman zentrale Thema eines geradezu biblischen Hochhausprojekts in Tokyo versetzt die Autorin nicht nur mit Untergangsfantasien und Gedanken über "parasoziale Beziehungen", sondern auch mit jeder Menge "subversiver Energie" und Entsprechungen des Gefängnis-Panoptikums, wie es Foucault in "Überwachen und Strafen" behandelt, informiert uns Leister. So ausgeklügelt die Themenwelt des Romans ist (Globalisierung, KI, Ökonomisierung komen vor), so schwer zu goutieren erscheinen Leister allerdings die Vernachlässigung von Plot und Figurenzeichnung und die bisweilen undurchschaubare parodistische Unterwanderung der Geschichte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2025
Rezensent Steffen Gnam liest Rie Qudans preisgekrönten Roman als luzide Satire auf eine "generalgesäuberte Sprache" und ein Japan, das Harmonie zur Ideologie erhebt. Die Architektin Sara Makina, Siegerin im Wettbewerb um den "Tokyo Sympathy Tower", interessiert sich eigentlich nur für die Funktionalität ihres Entwurfs. Ob des verniedlichenden Namens für das Gebäude, das als "inklusives Mustergefängnis" dienen soll, überkommt sie jedoch bald Unbehagen. Von hier ausgehend entfaltet Qudan eine dystopische Geschichte über die toxische politische Korrektheit einer Welt, in der Kriminelle in "Homo miserabilis" und Wärter in "Supporter" verwandelt werden, erfahren wir. Das futuristische Tokio dient Qudan als Bühne für eine Meditation über die Möglichkeiten und Grenzen inklusiver Sprache, über Gleichheit im Gegensatz zur Verharmlosung von Kriminalität. Sara, der Boutiqueangestellte Takuto und der "drittklassige" US-Journalist Max Klein schildern das Geschehen aus ihrer jeweiligen Perspektive, erklärt Gnam: Wie sich in der Bevölkerung Widerstand gegen das toxische Gebäude regt und wie der Turm in der Folge ein unheimliches Eigenleben entwickelt. Qudan zeige, so der Kritiker, wie politische Korrektheit, Glücksideologien und Architektur zu Werkzeugen der Entfremdung werden: bis am Ende "jedes Wort" gelöscht werden soll.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 04.06.2025
Was für ein "dreistes" Buch, lacht Rezensent Samuel Hamen: So knapp und doch so prall gefüllt mit Diskursen zu Technologie-Glauben, KI, Philosophie urbaner Architektur und Wirklichkeitsverlust. Und das alles in einer Form aus Allegorie, Theorie und Essay. Hamen folgt hier Architektin Sara Makina, die einen Architekturwettbewerb mit dem titelgebenden Gefängnisturm gewinnen will; viel diskutiert sie mit ihrem fünfzehn Jahre jüngeren Partner Takuto über einen passenden Namen, erfahren wir. Anhand dieses Thema verhandelt das Buch die Frage: "Was ist Text, was ist Kunst heute?", klärt Hamen auf, der nicht zuletzt bewundert, wie radikal Qudan über KI, Macht und Sprache nachdenkt. Und dass einige Passagen durch KI entstanden sind, findet Hamen ebenfalls spannend.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 09.05.2025
Rie Qudans "Tokyo Sympathy Tower" ist lupenreine Science-Fiction, allerdings nicht von der eindeutigen, actionreichen, plotgetriebenen Art. Was diesen Roman auszeichnet, erklärt Rezensent Martin Oehlen, ist sein intellektueller Gehalt, der "kontemplative Reiz", den er auf seine Leserinnen und Leser ausübt. Auf elegante und originelle Weise verbindet die japanische Autorin hier Architektur mit Philosophie, Ideologie und Sprache, so Oehlen. Eine Architektin entwirft einen Turm, den Tokyo Sympathy Tower, als Edelgefängnis für Verurteilte in einer Gesellschaft, die Empathie und Inklusion fördert, statt Egoismus und Konkurrenz, lesen wir. In dieser Welt spielt es eine wesentliche Rolle, wie über wen gesprochen wird. Der Zusammenhang von Sprache, Identität und Wirklichkeit ist also ein zentrales Thema dieses Romans - da scheint es nur logisch, dass Rie Qudan sich auch mit Sprachmodellen wie ChatGPT befasst und diese selbst zur Wort kommen lässt. Oehlen kann somit nichts Verwerfliches an der Tatsache finden, dass Qudan, wie sie in einer Dankesrede bekannte, einige Passagen mithilfe von ChatGPT verfasst hat, zumal es in diesen Passagen eine fiktive KI ist, die spricht. Dass Qudan mit diesem facettenreichen Text den Akutagawa Literaturpreis erhielt, für den sie sich in jener erwähnten Rede bedankte, scheint dem Rezensenten also absolut berechtigt.