Was hat der "Jahrhundertprozess" über die angebliche Kindsmörderin Monika Weimar in den 1980er Jahren mit dem Verfahren gegen Agtli Zeinenmacher, die im 15. Jahrhundert als Diebin ertränkt wurde, gemein? Über die Darstellungsweise Monika Weimars in den Medien als schamlose Hure, eiskalte Lügnerin und Rabenmutter wurden negative Weiblichkeitsstereotypen evoziert, die im Umkehrschluss Bilder der natürlichen Mutter, der anständigen Ehefrau konstruierten und damit die für Frauen geltende Normalität (re)produzierten. Was hier für die Gegenwart gilt, trifft auch für die Vergangenheit zu. Ohne ins "Deftig-Anekdotische" abzugleiten und ohne "Farblos-Abstraktes" zu kultivieren, beleuchtet die Autorin geschlechtsspezifische Rollenerwartungen, Verhaltensnormen und Stereotypen, die Kriminalität, Weiblichkeit und Normalität als Gegenstand erst konstituieren. Grundlage der Untersuchung bilden die Zürcher Gerichtsprotokolle, die eine Fülle detaillierter Informationen über Konfliktstoffe, -formen und -orte sowie über Alltagsbeziehungen enthalten, wie sie in mittelalterlichen Quellen dieser Art selten vorkommen...
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.09.2003
Der mit "uha" zeichnende Rezensent bespricht einen typischen Fall von "zu viel des Guten". Sibylle Malamud hat hier eine in Teilen hervorragende Dissertation vorgelegt, stellt er fest. Sie habe den neusten Forschungsstand mit einbezogen, und dies nicht nur im Bereich der "historischen Kriminalitätsforschung", sondern auch in anderen Bereichen von Relevanz für ihr Thema, wie zum Beispiel im Bereich der Diskurstheorie. Sie habe Sozialprofile der Täterinnen erstellt, die Umstände der jeweiligen Taten rekonstruiert, diese statistisch ausgewertet, so dass sie "eine beeindruckende Fülle an Ergebnissen" präsentieren könne. Doch leider versucht sie zu viele Fragestellungen in ihre Untersuchungen einzubeziehen und mittels verschiedener Theorien zu beleuchten; dies hemmt im Endeffekt den "Gang der Untersuchung" und bringt die Quellen "zum Verstummen", bedauert der Rezensent.
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