Der vergessene Widerstand
Jüdinnen und Juden im Kampf gegen den Holocaust

C.H. Beck Verlag, München 2025
ISBN
9783406830303
Gebunden, 383 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Die Nationalsozialisten sahen für Menschen jüdischer Abstammung nur eine Rolle vor: die des passiven Opfers. Dass sich in Deutschland und den besetzten Gebieten zehntausende Jüdinnen und Juden aktiv gegen diese Zuschreibung wehrten, ist bis heute kaum bekannt. Ihre vergessenen Geschichten hat Holocaust-Experte Stephan Lehnstaedt für dieses Buch zusammengetragen. Erstmals gibt er damit einen Überblick über die Aktivitäten des jüdischen Widerstands und erinnert an einen beispiellosen Kampf gegen die Entmenschlichung - ein Ringen um Würde, Kultur und das Recht zu leben.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.11.2025
Ein insgesamt gelungenes Buch zum jüdischen Widerstand gegen den Holocaust legt Stephan Lehnstaedt hier vor, so Rezensent René Schlott, der gleichwohl ein paar Einwände vorbringt. Lehnstaedt, der eine Professur für Holocaust-Studien an der Berliner Touro University innehat, zeichnet entlang zahlreicher bereits bekannter Quellen und Sekundärliteratur nach, wie Juden in ganz Europa Aktionen gegen die Nazis planten und teilweise durchführten, wir lernen unter anderem Szlamek Winer kennen, der vor der Ermordung von Juden in Gaswägen warnte, und erfahren von einem Aufstand im Ghetto Nieśwież. Lehnstaedt nutzt einen eher breiten Begriff von Widerstand, der alle Aktionen umfasst, die darauf abzielen, die Macht der Nazis zu verringern, nicht immer leuchtet das Schlott ein, etwa, wenn Suizid unter Widerstand gefasst wird. Akte des Aufzeichnens wiederum hält Schlott genauso wie Lehnstaedt für wichtige Widerstandshandlungen, außerdem schätzt er an dem Buch, dass es darstellt, wie sich der jüdische Widerstand intensivierte, als die Ausmaße der Vernichtungspläne klar wurden. Insgesamt hat der Rezensent den Eindruck, dass der Autor den Umfang der Widerstandsaktionen ein wenig überschätzt. Das ändert nichts an dem positiven Fazit, das Schlott zieht.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.07.2025
Ein wichtiges Korrektiv zum Klischeebild der Juden als passive Opfer liefert Stephan Lehnstaedt hier laut Rezensent Thomas Speckmann ab. Lehnstädt, Professor für Holocaust-Studien in Berlin, zeichnet die unterschiedlichen Formen dieses Widerstands nach, so Speckmann, neben den bekannteren Episoden wie dem Aufstand im Warschauer Ghetto tauchen auch viele vergessene Figuren auf, wie etwa Oswald Rufeisen, der mehrere hundert Menschen vor der Ermordung durch die Nazis rettete. Explizit wendet sich der Autor Speckmann zufolge gegen die Erzählung von einer jüdischen Passivität, die teils bis in biblische Zeiten rückprojiziert wird. Lehnstaedt hingegen legt Wert darauf, dass Widerstand nicht nur da wichtig ist, wo er Erfolg hat - die Gründe dafür, dass der jüdische Kampf gegen den Nationalsozialismus nirgendwo dauerhaft erfolgreich war, liegen, stellt sein Buch dar, im ungleichen Kräfteverhältnis zwischen den beiden Parteien. Insgesamt plädiert das Buch dafür, den Holocaust nicht nur von seiner Totalität her zu denken, tatsächlich waren die Nazis selbst beeindruckt davon, wie heftig Juden und vor allem auch Jüdinnen sich widersetzten. Speckmanns Fazit: ein wichtiger Forschungsbeitrag, durchaus auch mit Blick auf Standardwerke von Autoren wie Raul Hilberg, die andere Schwerpunkte setzen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 19.06.2025
Rezensent Thomas Groß liest Stephan Lehnstaedts Buch über jüdischen Widerstand im Holocaust mit Gewinn: Er stellt darin allerhand Widerständler vor, die bislang nahezu vergessen waren, insbesondere die, die still, fast unbemerkt, Flugblätter gedruckt und verteilt oder Archive angelegt und damit ihr Leben riskiert und oftmals auch verloren haben. Mit verschiedenen Quellen von Tagebüchern bis Archivmaterialien zeige Lehnstaedt beispielsweise die Geschichte des Passfälschers Kaminsky oder die des Übersetzers Oswald Rufeisen, der hunderten Ghettoinsassen in Belarus das Leben rettete. Für Groß handelt es sich bei diesem Buch um eines, das den Widerständlern die "Würde handelnder Subjekte" zurückgibt und darauf aufmerksam macht, welche "Irrwege" die Erinnerung an sie bisweilen gegangen ist.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 26.05.2025
Gut informiert fühlt sich Rezensent Markus Roth von Stephan Lehnstaedts Buch über jüdischen Widerstand gegen den Holocaust. Lehnstaedt stellt laut Roth die diversen Aktivitäten dar, mit denen Juden bereits ab 1928, später dann in der NS-Zeit und auch in den Ghettos und Vernichtungslagern Widerstand leisteten, wobei zu bedenken ist, dass es den Juden, anders als anderen Widerständlern, nicht um politische Ziele ging, sondern um die eigene Existenz. Aus diesem Grund fallen für Lehnstaedt alle Handlungen unter Widerstand, die den Vernichtungsplänen entgegenstanden, von der Dokumentation der Naziverbrechen über karitative Organisationen bis hin zu Fluchthilfe und dem Aufbau von Kampftruppen. Lehnstaedt zeigt auf, so der Rezensent, dass auch in den Ghettos und Lagern nicht nur symbolisch Widerstand geleistet wurde, tatsächlich ging es um den praktischen Kampf gegen die deutsche Übermacht. Der Historiker Roth beschreibt das Buch insgesamt als einen relevanten Forschungsbeitrag.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 23.04.2025
Rezensent Konstantin Sakkas würdigt Stephan Lehnstaedts differenzierte Darstellung des jüdischen Widerstands als wichtigen Beitrag zur Holocaustforschung. Das Buch zeigt eindrucksvoll, dass jüdischer Widerstand keineswegs marginal war, sondern sich - aus der "Totalität der Verfolgung" heraus - in vielen Formen äußerte: von kulturellem Überleben über Fluchthilfe bis zum bewaffneten Kampf, erfahren wir. Ein wichtiges Kriterium für den Widerstand ist die Illegalität, erfährt Sakkas von Lehnstaedt. Der Autor macht deutlich, dass sich Juden nicht "wie die Schafe zur Schlachtbank" führen ließen, sondern trotz extremer Bedingungen Widerstand gegen die Nazis leisteten, staunt der Kritiker. Durch zahlreiche Fallbeispiele und präzise begriffliche Arbeit gelingt es Lehnstaedt, den "Mythos der Passivität" zu entkräften - und gleichzeitig neue Perspektiven auf erinnerungskulturelle Leerstellen zu eröffnen, lobt der Kritiker.