Die Schoah und das Ende des Zweiten Weltkriegs liegen weit zurück, es leben nur noch wenige Zeitzeugen und Zeitzeuginnen. Ihre Vergangenheit jedoch hinterlässt bis heute Spuren in den Familien. Geprägt durch eine Katastrophe, die sie nicht selbst erlebt haben, haben viele Nachkommen der Täter, Komplizen, Handlanger, Mitläufer und Opportunisten seelische Wunden, deren Ursachen sie oft nur vage kennen: zwischenmenschliche Kälte, Schuldgefühle, Ängste, Einsamkeit, ein Gefühl der Entwurzelung. In vielen Familien sind bleiernes Schweigen, verdrängte Erinnerungen, wohlgehütete Geheimnisse, hartnäckige Lügen allgegenwärtig - ein erdrückendes Erbe, dessen Gift bis heute wirkt. Doch nun bricht dieser Panzer des Schweigens auf: Da sie keine Konfrontation mit den Großeltern oder Eltern mehr fürchten müssen, recherchieren immer mehr Menschen ihre Familiengeschichte und spüren nach, wie sich diese auf die eigenen Lebensmuster ausgewirkt hat.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 05.05.2025
Als eine Ergänzung zur akademischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit haben Stephan Lebert und Louis Lewitan laut Rezensent Sebastian Schoepp ihr Buch angelegt. Sie untersuchen, wie Deutsche die eigene Familiengeschichte der Jahre 1933 bis 1945 aufgearbeitet oder, häufiger, nicht aufgearbeitet haben. Lange trauten sich die Menschen nicht, an diesen Erinnerungen zu rühren, fasst Schoepp die Lektüre zusammen, die Autoren sprechen nun mit teils prominenten, teils nicht prominenten Personen und legen eine psychologische Analyse der Gespräche vor. Ein wenig skeptisch fragt sich der Kritiker, wie weit man mit oft ambivalent bleibenden privaten Erinnerungen kommt, wenn nicht gleichzeitig die historischen Kontexte mitgeliefert werden. Dennoch hofft auch der Rezensent, dass der Ansatz Leberts und Lewitans blinde Flecken in der deutschen Erinnerungskultur zu schließen in der Lage ist.
Lange Zeit herrschte in deutschen Familien über die Nazizeit, zumal wenn sie wie so oft verwickelt waren, das berühmte "kommunikative Schweigen". Das geht jetzt zu Ende, sagt der deutsch-französische Psychologe Louis Lewitan im Gespräch mit Harry Nutt in der FR - vielleicht auch weil die Täter nun gar nicht mehr leben? Jedenfalls ist es "heute legitim, Zweifel an den Erlebnisberichten der Väter und Großväter zu haben, etwa an der Behauptung, 'danebengeschossen' zu haben oder daran, dass die Großmütter und Mütter von 'alledem nichts gewusst haben'. Achtzig Jahre nach der sogenannten 'Stunde Null' können die in einer Demokratie aufgewachsenen Bürger und Bürgerinnen dieses Landes Fragen stellen, ohne als Verräter gebrandmarkt oder als Lügner abgestempelt zu werden. Das ist der Vorteil, wenn man in einer Demokratie lebt." Zusammen mit Stephan Lebert legt Lewitan in diesen Tagen das Buch "Der blinde Fleck" vor. Unser Resümee
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