Unter deutscher Besatzung
Europa 1939-1945

C.H. Beck Verlag, München 2024
ISBN
9783406817359
Gebunden, 652 Seiten, 38,00
EUR
Klappentext
Mit 21 Abbildungen und 1 Karte. Von Norwegen bis Griechenland, von Frankreich bis in die Sowjetunion - Wie lebten die Menschen unter deutscher Besatzung? Auf dem Höhepunkt der deutschen Machtentfaltung im Zweiten Weltkrieg lebten von Norwegen bis Griechenland und von Frankreich bis in die Sowjetunion 230 Millionen Menschen unter deutscher Herrschaft. Sie alle mussten sich mit den Besatzern arrangieren und machten Erfahrungen, die bis heute nachwirken. In ihrem Alltagsleben, am Arbeitsplatz, im Umgang mit Behörden und Militärs. Und jeder Kontakt mit den Besatzern konnte in Gewalt umschlagen. Tatjana Tönsmeyer hat die erste Geschichte des deutsch besetzten Europas geschrieben, die die Perspektive der Besetzten und nicht der Besatzer einnimmt - und legt damit ein dunkles Erbe frei, das unterschwellig immer noch im Verhältnis der europäischen Nachbarn zu Deutschland präsent ist.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 14.12.2024
Im Zweiten Weltkrieg dauerten die Besetzungen der meisten Länder deutlich länger als die aktiven Kämpfe, lernt Rezensent Gerrit ter Horst von der Historikerin Tatjana Tönsmeyer, und Deutschland war ein "überaus paradoxer Besatzer." Das zeigt ihm dieses kenntnisreiche Buch, dessen großes Verdienst es ist, übergreifend über die Besatzungspolitik zu informieren, mit historischen Quellen wie auch Augenzeugenberichten - einerseits versuchten die Deutschen wirtschaftlich maximalen Nutzen aus den besetzten Gebieten zu ziehen und eine feste Ordnung zu etablieren, andererseits betrieben sie ihre rassistische Vernichtungspolitik, von denen die jüdische Bevölkerung, wie auch vulnerable Gruppen wie Sinti und Roma besonders betroffen waren. Einzelnen Gruppen war es möglich, sich mit den Besatzern zu "arrangieren" - insbesondere der Judenhass war nicht auf die Nazis beschränkt, schildert ter Horst. Es gab aber auch Solidarität mit den Verfolgten, liest der Kritiker bei Tönsmeyer, die hier ein Buch geschrieben hat, das es den Nachgeborenen hilft, die Zeit besser zu verstehen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 21.11.2024
Zwischen "Raubökonomie und Rassenwahn" haben sich die deutschen Besatzungen im Zweiten Weltkrieg bewegt, lernt Rezensent Wolfgang Schneider in der groß angelegten systematischen Studie der Wuppertaler Professorin Tatjana Tönsmeyer zu diesem Thema. Während es im besetzen Frankreich eher möglich war, sich mit den deutschen Besatzern zu arrangieren, hat die "Herrenmenschenattitüde" umso härter zugeschlagen, je weiter es in den Osten ging, expliziert Schneider. Er lernt zudem, dass sich Besatzer und Besetzte oftmals in ihrem Antisemitismus einig waren und dass 80% der Wirtschaft jener Länder dem Erhalt des deutschen Kriegsimperiums dienen mussten. Insgesamt zeigt er sich sehr beeindruckt von der großen Forschungsleistung, die Tatjana Tönsmeyer hier vorgelegt hat.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 11.11.2024
Tatjana Tönsmeyer ist Professorin für Neuere und Neueste Geschichte in Wuppertal und hat ein Buch geschrieben über die deutschen Besatzungen während des Zweiten Weltkriegs, berichtet Kritiker Clemens Klünemann. Sie bezieht sich überwiegend auf sogenannte "Ego-Dokumente", um in ihrem Werk die Perspektive der Betroffenen abbilden zu können, erfahren wir, allerdings geraten dabei die Unterschiede zwischen den einzelnen Nationen etwas zu kurz: Klünemann weißt darauf hin, dass ideologische Unterschiede in der jeweiligen Anschauung des Landes zwangsläufig auch eine unterschiedliche Behandlung der Bevölkerung zur Folge hatten. Der Rezensent vermisst ebenfalls eine Auseinandersetzung mit Kollaborateuren, die Tönsmeyer bewusst aus ihrem Text ausschließt, lobt aber ihre Bestrebungen, das "dunkle Erbe des liberalen Europas" zu beleuchten, das wir auch heute wieder mit Bezug auf den Ukrainekrieg spüren.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.11.2024
Laut Rezensent Robert Gerwarth schließt das Buch der Historikerin Tatjana Tönsmeyer eine Lücke. Eine Monografie zum Thema Besatzungsherrschaft, die auf nichtdeutschen Quellen und auf der Sicht der Besetzten basiert, hat er noch nicht gelesen. Genau das leistet die Studie, meint Gerwarth, wenn sie empirisch dicht und vergleichend deutsche Besatzung als gesamteuropäische Erfahrung darstellt. Chronologisch schreitet Tönsmeyer von der Okkupation bis zur Nachkriegszeit voran und schreibt "flüssig" über die schlechte Versorgungslage, die Abwesenheit der Männer und die Allzuständigkeit und die Qualen der Frauen in den besetzten Gebieten, über Zwangsarbeit, Widerstand und Kollaboration, erläutert der Rezensent. Was abgesehen von der Schoa das Besondere an der nationalsozialistschen Besatzung war und es von anderen Besatzungen etwa durch die Sowjets oder die Japaner unterscheidet, darüber liest Gerwarth leider nichts in diesem Band.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 17.10.2024
Ein wichtiges Thema behandelt Tatjana Tönsmeyers Buch laut Rezensent Otto Langels: die Erfahrungen, die Menschen in ganz Europa während des Zweiten Weltkriegs in von Deutschland besetzten Gebieten gemacht hatten und die sich deutlich von dem Bild unterscheiden, das deutsche Besatzungssoldaten in Briefen in die Heimat vermittelten. Zu Themen zählen, heißt es weiter, Frauen, die Beziehungen mit deutschen Soldaten eingingen und deshalb nach dem Krieg attackiert wurde, das heimliche und nicht so heimliche Wohlwollen von Teilen der lokalen Bevölkerung, auf das die deutschen antisemitischen Exzesse teilweise in Osteueropa stießen, sowie das deutsche Terrorsystem, das auch darauf setzte, dass die Unterdrückten sich, um kleine Vorteile zu erringen, gegenseitig denunzierten. Was den Widerstand gegen das NS-Regime angeht, interessiert sich Tönsmeyer Langels zufolge vor allem für kleine, in den Alltag eingebettete Widerstandsformen. Tönsmeyers auf Quellen in zahlreichen Sprachen basierende Buch zieht keine Vergleiche zu anderen Besatzungsregime, meint der Rezensent abschließend, der das Buch freilich uneingeschränkt empfehlen kann, auch über den Kreis von Fachleuten hinaus.