Seit Jahren streiten wir, und der Ton wird rauer: Befördert die Rede von Heimat und Verwurzelung oder gar Patriotismus ein rückwärtsgewandtes, engstirniges Denken, das über kurz oder lang zu neuem Chauvinismus, Rassismus und Nationalismus führen wird? Oder ist das Beharren auf unseren kulturellen, historisch gewachsenenen Besonderheiten in Zeiten von Migration, Globalisierung und Technokratisierung nicht vielmehr Grundbedingung dafür, jene weltoffene Liberalität und Zivilität zu wahren, zu der das heutige Deutschland ja inzwischen längst gefunden hat? Anknüpfend an Themen, die sie bereits in ihrem Bestseller "Die deutsche Seele" (zusammen mit Richard Wagner) erkundet hat, wendet Thea Dorn sich nun den aktuellen Schicksalsfragen unserer Gesellschaft zu - differenziert, unaufgeregt und dennoch leidenschaftlich.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.06.2018
Rezensent Stephan Wackwitz liest Thea Dorns Buch als aktuellen Beitrag zur kulturellen Säkularisierung und politisch aktualisierte Version ihrer und Richard Wagners Enzyklopädie "Die deutsche Seele" von 2011. Der Vereinnahmung durch deutsch-nationalkonservative Kräfte stellt sich die Autorin damit laut Rezensent so polemisch-apologetisch wie witzig erfolgreich entgegen. Dorns "Tiefenausleuchtung" von Materialien, Personen, Perioden deutscher Kulturgeschichte in Sachen Demokratie eröffnet Wackwitz nicht nur Denkräume, sondern macht ihn auch mit unbekannten Aufklärern wie Thomas Abbt und Wilhelm Abraham Teller bekannt. Dass die Autorin die Individualpsychologie in diesem Kontext mitunter überstrapaziert, merkt Wackwitz kritisch an. Insgesamt aber ein gelungener Leitfaden für demokratisch Denkende, die Orientierung suchen, findet er.
Rezensent Rudolf Walther winkt erwartbar ab bei Thea Dorns Bekenntnisbuch. Worüber auch immer sie spricht - die deutsche Liebe zur Natur, den Wald oder den Begriff Heimat - es fehlt Walther an Argumenten. Die Zitate lässt er nicht gelten. Auch Dorns Abgrenzung von Merkel und den Rechtsradikalen überzeugt den Rezensenten nicht. Finster findet er, wie Dorn Begriffe wie "Heimat", "Kultur", "Nation" und "Volk" in einen Topf wirft. Alles Nebel und aufgeblasener Kulturpessimismus, schimpft er.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 15.05.2018
Rezensent Jens Bisky hat Thea Dorns "Plädoyer" für einen aufgeklärten Patriotismus mit gemischten Gefühlen gelesen. Dorns Ansatz, statt einer "Leitkultur" den Begriff einer "Leitzivilität" zu etablieren und den Verfassungspatriotismus um einen Kulturpatriotismus zu ergänzen, findet der Kritiker nicht verkehrt, zudem anhand von zahlreichen Zitaten aus klassischen Texten über Fichte bis Mann und Elias gut belegt. Zugleich muss Bisky während der Lektüre feststellen, dass die Philosophin und Schriftstellerin den Begriff des Patriotismus nicht klar genug definiert und zu viele Meldungen und Äußerungen, etwa zu Flüchtlingen, Europa oder dem Islam aufgreift. Gern hätte der Rezensent zudem etwas über neue Formen der Gemeinschaft jenseits des bildungsbürgerlichen Kanons erfahren. Als Anlass zur Debatte kann er das Buch jedoch empfehlen.
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