Herausgegeben von Wolfram Bayer, Martin Huber und Wolfgang Mittermayer. Als öffentlichkeitsscheu galt Thomas Bernhard - doch seine ersten Schreibversuche unternahm er als Reporter einer Zeitung. Leserbriefe schrieb er gerne, seine letzte Publikation ist ein Brief an die 'Salzkammergut-Zeitung'. Inzwischen ist klar: Thomas Bernhard hat durch Artikel, Interviews, Reden, Feuilletons sein Bild als Mensch und Schriftsteller ganz präzise konturiert. Es ist ihm zwar nicht gelungen, mit der öffentlichen Meinung so zu spielen, dass sie ihn genauso betrachtet, wie er sich betrachtet wissen wollte, doch der sich der Medien bedienende Autor setzte alles daran, sich als eine Figur seiner Romane zu inszenieren. Die vorliegende Ausgabe versammelt zum ersten Mal sämtliche zwischen 1950 und 1989 von Thomas Bernhard für die Öffentlichkeit bestimmten Texte - von den Gerichtsreportagen im Salzburg der fünfziger Jahre über die Tiraden der sechziger und siebziger Jahre gegen Gott und den Rest der Welt bis zu den Interviews im Zusammenhang mit 'Heldenplatz' kurz vor seinem Tod.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.12.2015
Freudig verkündet Rezensent Karl-Markus Gauß das Erscheinen dieses Doppelbands, der die große Thomas-Bernhard-Werkausgabe abschließt. Die Auswahl der Herausgeber, die sich nur auf jene journalistischen Arbeiten, Reden, Interviews und Leserbriefe beschränkt, die eindeutig Bernhard zuzuordnen sind, findet der Kritiker klug und seriös, auch die Kommentierung erscheint ihm überzeugend. Die Texte selbst liest der Rezensent mit größtem Interesse: Gauß kann kaum glauben, wie aus dem jungen Journalisten, der häufig so nachlässig, klischeehaft und voreingenommen schreibt, dass dem Leser die Schamesröte ins Gesicht steigt, ein derart bedeutender Autor werden konnte. Allein Bernhards Besprechungen von Leseabenden "abgehalfterter" Salzburger Nazipoeten lassen jede Kritik und Ironie vermissen, loben dafür aber umso mehr Innigkeit, Ernsthaftigkeit und Naturempfinden der Dichter, berichtet der Rezensent. Die Texte über die Salzburger Heimat findet Gauß kitschig; mit Entsetzen liest er insbesondere die meist obrigkeitshörigen Gerichtsreportagen, etwa wenn Bernhard das Foltern von Jugendlichen einer Erziehungsanstalt verteidigt. Nichtsdestotrotz hat der Rezensent hier auch gelungene Texte, etwa einfühlsame Flüchtlingsreportagen oder herrliche Interviews, entdeckt.
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