Liebe
Roman

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2026
ISBN
9783462002041
Gebunden, 176 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Max stellt künstliche Augen her. Er ist Okularist. In seiner Praxis, über der Flamme des Bunsenbrenners, formt er feine Glaskugeln, versieht sie mit farbigen Äderchen, Iris und Pupille. Max weiß von der stillen Sprache der Blicke. An den Blitzschlag der Liebe aber glaubt er mit Anfang sechzig nicht mehr. Bis er eines Sommerabends Anna begegnet und ihn die Gefühle in ungekannter Wucht überwältigen. Anna geht es genauso, doch sie ist verheiratet, und so bleiben den beiden immer nur Tage, das zu leben, was nicht sein darf. Und immer sind da die Erinnerungen, die Träume, die Schatten. Das stürzt Max in Verzweiflung, denn er weiß, er hat seine große Liebe gefunden. Und er ahnt, dass sie ihn auf eine unheimliche Probe stellen wird.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 18.04.2026
Schon vor über dreißig Jahren wurde die Literatur Thomas Hettches in den höchsten Tönen gelobt, da reiht sich Rezensent Tobias Haberl gerne ein: Poetologisch ist Hettche mit dem Roman über eine späte, beglückende Liebe an dem Punkt angekommen, an dem er die Frage nach den Möglichkeiten der Literatur gar nicht mehr (aus)stellen muss, sondern einfach in "feiner, fragiler Prosa" zeigt. Max stellt Glasaugen her, er ist Anfang 60 und lernt auf einer Party Anna kennen, im Dunkeln, aber ein einzelner Blick in einem kurzen Moment des Lichts reicht, um sich zu verlieben, schildert Haberl. Eigentlich ist sie vergeben, aber glücklich ist sie nicht, sie will nicht fremdgehen, aber gegen Gefühle ist man machtlos - davon liest der Kritiker leise, innehaltend, und hat hinterher einen neuen Blick auf die Zeit- und Alterslosigkeit der Liebe. Eine einzige Szene beanstandet er, als es um eine frühere Partnerin von Max mit einem Glasauge geht, lässt sich aber ansonsten gerne von der Sinnlichkeit dieses Textes mitreißen.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 04.04.2026
Rezensent Helmut Böttiger ist rundum begeistert von Thomas Hettches neuem Roman, der mit einem simplen Titel auskommt, hinter dem sich ein anspruchsvoller Text verbirgt: Max und Anna, beide über 60, treffen sich zufällig auf einer Feier an der Ostsee. Im Dunkeln setzt sich Max auf einen der Liegestühle am Steg, im andern sitzt Anna, Böttiger bekommt das Geflecht des Textes zu spüren, der nicht vieles konkret machen muss, um doch eine Menge zu vermitteln. Beide gehen nach dieser Nacht zunächst in ihr altes Leben zurück: Max ist Okularist, er stellt Glasaugen her, das schlägt sich laut Kritiker auch in der "Geschliffenheit" des Textes nieder. Immer wieder treffen sie sich für ein Wochenende zusammen, Anna ist eigentlich noch verheiratet. Die wellenartigen Bewegungen, die das Buch macht, werden von der Erzählstimme gut aufgefangen, versichert Böttiger, auch die Exkurse zur Liebe in der Theorie von Hegel bis Foucault gefallen ihm. Für ihn entwickelt der Roman eine große Kraft, über die Liebe und all ihre Verwirrungen zu erzählen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.03.2026
Am liebsten würde Rezensent Daniel Haas das Misslingen des Romans von Thomas Hettche dem Lektorat anlasten. Allein Hettches Anteil am Misslingen des Textes scheint zu eindeutig. Der Autor möchte eine Lovestory für Ü60 schreiben und zugleich das Phänomen der Liebe erklären. Beides geht schief, daran lässt Haas keinen Zweifel. Dass Hettche Affekte bündig beschreiben kann, wie Haas einräumt, ändert daran nur wenig. Zu peinlich sind die Liebesszenen, zu hoch die Aphorismen-Taktung und zu wohlfeil die Hegel-Zitate, vom liebesseligen Kitsch mancher Sätze zu schweigen, erklärt der Rezensent. Das hat die Boomer-Liebe nicht verdient, findet er.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 19.03.2026
Liebe "im Herbst des Lebens" ist das Thema von Thomas Hettches neuem Roman, verrät Rezensent Dirk Fuhrig: Max und Anna sind um die 60, als sie sich schlagartig ineinander verlieben, er war vorher getrennt, sie in einer mittelmäßigen Ehe. Sie zögert, entscheidet sich aber doch für Max, erfahren wir. Für Fuhrig überzeugen die Metaphern: Sie lieben sich "wie man bei großem Durst ein Glas Wasser hinunterstürzt". Bevor es kitschig wird, kommt aber immer Humor durch, versichert er. Bedauerlich findet der Kritiker, dass Hettche versucht, die Geschichte in einen tiefgründigen Zusammenhang zu pressen - die Verbindungen zu Hegel überzeugen ihn nicht. Auch dass die Corona-Pandemie Anlass bietet, ein sehr holzschnittartiges Patchwork-Familienporträt zu zeichnen, missfällt ihm, er hätte sich lieber nur die Liebesgeschichte statt der Überfrachtung gewünscht.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 16.03.2026
Liebesromane gibt es ja viele, so Rezensent Jörg Magenau, aber deutlich weniger, die auch die Frage nach der Liebe an sich stellen: Thomas Hettche buchstabiert diese Frage anhand der Elemente der Liebe aus, für ihn Sprache, Zeitlichkeit und Sinnlichkeit. Der Roman wird vom Ende aus erzählt, als der Liebende Max seine Partnerin Anna ins Krankenhaus verabschiedet, kennengelernt haben sie sich zehn Jahre zuvor auf einer Party, schon im fortgeschrittenen Alter, wie Magenau schildert. Anna ist eigentlich verheiratet, wirft aber die Vernunft über Bord, um Max zu lieben - ein Topos, der prinzipiell Gefahr läuft, kitschig zu werden, den Hettche aber bravourös schildert, gefühlvoll und eindringlich, wie der Kritiker versichert. Erzählerisch wird hier für ihn etwas klar, das einfach und komplex zugleich ist: Man liebt, "weil man liebt".
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 14.03.2026
Rezensent Richard Kämmerlings freut sich über diesen dynamisch-kraftvollen Liebesroman von Thomas Hettche: Drin ist, was draufsteht, der Titel verrät schon das zentrale Thema, so der Kritiker. Max und Anna, beide über 60, lernen sich bei einer Party kennen und verlieben sich recht stürmisch, er ist Single, sie ist in einer Beziehung, die sie nicht ganz glücklich macht, wie Kämmerlings liest. Annas Loslösung aus der bisherigen Ehe sei ein kleines Hindernis im Glück der Verliebten, aber eines, das überwunden werden könne. Der Kritiker freut sich auch über die kulturhistorisch belegten Motive, die - wie ETA Hoffmanns schwarze Romantik - zwischendurch eingespielt werden, aber auch über Max' Beruf: Er stellt Glasaugen her, ein schöner Kontrast zum "Augenspiel der Liebe", findet der Kritiker. Ein gelungener Text über ein großes Gefühl, findet er. Dass Hettche an die Liebe als Himmelsmacht glaubt, imponiert ihm sehr.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 12.03.2026
Rezensent Ijoma Mangold ist erstaunt, in diesem Roman fast sowas wie ein Happy End zu lesen - eine Liebe mit glücklichem Ausgang gibt es ja selten in der anspruchsvollen Literatur: Thomas Hettche schreibt über Max und Anna, die bereits in der zweiten Lebenshälfte sind, als sie sich kennen- und lieben lernen. Sie treffen sich auf einer Feier an der Ostsee, weil sie zufällig im Dunkeln in zwei nebeneinander stehenden Liegestühlen sitzen und sich unterhalten, ohne sich zu sehen, wie Mangold schildert. Anna ist eigentlich verheiratet, verlässt ihren Mann aber nach langem Zögern für Max und geht mit ihm eine Beziehung ein. Etwas konventionell ist der Roman da geraten, wo es um die körperliche Liebe geht, so der Kritiker, "stark" ist er hingegen, wenn es um die Endlichkeit geht, die für beide in ihrem Alter schon eine andere Präsenz einnimmt. Mangold überzeugt die Innigkeit der Liebe, die Hettche hier im Corona-Zeitalter ansiedelt. Auf die Frage, was Liebe eigentlich ist, gibt der Autor keine Antwort, trotz großer "psychologischer Genauigkeit". Aber ein Roman, der darauf eine Antwort hätte, wäre vermutlich auch viel weniger gut als dieser hier, sinniert der überzeugte Kritiker.