Unter der Leitmetaphorik der leeren Zentrale wird erstmals nicht nur das Ruinenfeld des Nachkriegsberlin mittels eines stadtarchäologischen Zugangs erschlossen, sondern ein literaturgeschichtliches Terrain aus dem Schutt der Überlieferung geholt, das sich sukzessive als Denkfeld sui generis erschließt. Durch dieses Feld zieht sich ein epochaler Riss, der auf neuen Deutungswegen durchwandert wird, um, - u. a. anhand von Archivbeständen - übersehene wirkungsgeschichtliche Linien für ein anderes Verständnis der deutschen Nachkriegsliteratur zugewinnen.Im Zeichen der Neuorientierung wird Berlin als inoffizieller locus communis gedeutet, der von West und Ost - wie vom Exil - als Suchpunkt für persönliche wie geschichtliche Erfahrungen angesteuert wurde. Der Ort brachte so unterschiedliche Schriftsteller:innen wie Wolfgang Koeppen, Günther Anders, Marie Luise Kaschnitz oder Peter Huchel ins Zwiegespräch. Zur Ausgrabung dieses Berliner Mosaiks aus poetischen Bruchstücken bedient sich die Arbeit eines eigenen hermeneutisch-phänomenologischen Verfahrens, das aus der Kraft des Unbegrifflichen, der Unhintergehbarkeit der Bilder und Erfahrungen jener Nachkriegsflaneure, ihre Befunde zieht.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2025
Rezensentin Nicole Henneberg spaziert mit Till Greite und zahlreichen Literaten angeregt durch das Nachkriegsberlin. Greite widmet sich im besprochenen Buch der Frage, wie Schriftsteller nach dem Krieg auf das zerbombte Berlin blickten, das oft als leeres Zentrum Deutschlands beschrieben wurde. Unter anderem von Gottfried Benn, einem Autoren, der sich zeitweise den Nazis andiente, während andere, Oskar Loerke etwa, den Nationalsozialismus ablehnten oder, wie Günther Anders, ins Exil gingen. Greite beschreibt sie laut Henneberg allesamt als Rückkehrer, die die Spuren des Krieges verstört registrieren. Das übersetzt sich dann in eine Sprache, die nach Ausdrucksmöglichkeiten des Unsagbaren teils auch aufgrund von Scham sucht, etwa bei Wolfgang Koeppen. Am Werk von Johannes Bobrowski zeige Greite, dass das Jahr 1945 keinen krassen Bruch bedeutete, sondern alte und neue Diktatur eng verflochten waren. Eindrucksvoll, findet Henneberg.
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