Tom Holert

ca. 1972

Gewalt - Umwelt - Identität - Methode
Cover: ca. 1972
Spector Books, Leipzig 2024
ISBN 9783959055710
Broschiert, 544 Seiten, 36,00 EUR

Klappentext

Mit zahlreichen Abbildungen. Unter Mitarbeit von Hannes Drißner. Um das 1972 wich das Vertrauen in die Nachkriegsordnung und die Fortschrittsmechanik der Moderne einer Atmosphäre von Ernüchterung, Verbitterung und Angst. Reihenweise zerplatzten damals die hochgespannten Erwartungen der 1960er Jahre an revolutionäre Veränderungen. Aber das ist nicht die ganze Geschichte. Tom Holerts Text/Bild-Essay führt vor, warum es lohnenswert ist, sich mit der historischen Entität "ca. 1972" aufs Neue zu beschäftigen. Statt sich auf kanonische Personen und Ereignisse zu konzentrieren, verarbeitet das Buch die historischen Fliehkräfte und rückt - vermeintlich - weniger einschlägige Akteure und Situationen ins Zentrum. Statt in der Linearität einer ereignishistorischen Erzählung konfigurieren sich die Aufschübe und Aufbrüche des Jahres 1972 so zu schillernden Gefügen kultureller, intellektueller und ästhetischer Zusammenkünfte und Zusammenbrüche. Ein Ausgangspunkt ist die visuelle Kultur der Zeit. Fotografien, Filme, Bücher, Zeitschriften, Werke bildender Kunst handeln von Unabgegoltenem und bezeugen das Denken und Handeln radikaler Zeitgenoss·innen. Auch weil politische Euphorie und Frustration immer wieder in terroristischen Akten mündeten, sollte der solidarische Transfer von Erfahrungen und Wissen dabei helfen, die Kämpfe trotz allem fortzusetzen. Dabei stellt sich heraus: "Gewalt" ist "ca. 1972" eine unumgängliche Trope der Selbstbeschreibungen und -diagnosen. So erweist sich ca. 1972 auch als ein Raum zirkulierender Methoden und Theorien - und als der Name einer Methode, Geschichte zu schreiben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.08.2024

1972 war eigentlich kein "spektakuläres Jahr", aber Rezensent Michael Hagner wird bei der Lektüre von diesem Band schnell klar, warum Holert ein ganzes Buch darüber geschrieben hat. Holert versucht sich laut Hagner an einer "Jahreszahl-Gegenkultur", indem er Bücher, Fotos, Plakate und Schallplatten auswertet und kein homogenes Bild mit Ziel Gegenwart zu zeichnen versucht, sondern etwa synchrone Betrachtungen auf dem Feld der Ökologie anstellt. Um 1972 beschäftigten sich, wird dem Rezensent klar, die unterschiedlichsten Gruppen und Akteure in Politik und Gesellschaft mit dem Thema Umwelt und Holert zeigt beispielsweise klar auf, dass es damals tatsächlich  vernünftigere Optionen gegeben hätte, mit denen die Gegenwart anders ausgesehen hätte. Auch wenn Holerts spezielle Vorgehensweise tieferes historisches Verständnis mitunter verhindert, wie Hagner feststellt, kommen dabei Haltungen aus den verschiedensten "geografischen, sozialen und kulturellen Gegenden" zusammen. Der Sachbuch-Preis aus Leipzig gehört dem Buch zu Recht, meint Hagner.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.05.2024

Erfrischend und aufschlussreich findet Kritiker Jens Kastner den Zugriff, den der Kulturwissenschaftler Tom Holert wählt, um sich der Zeit um das Jahr 1972 zu widmen: Ganz verschiedene Quellen von Konzertplakaten bis Theorietexten zieht er heran, um die Zusammenhänge zu zeigen, die diese Zeit prägen und gestalten. Feministische und indigene Gruppen finden ebenso Eingang wie ökologische Fragen und popkulturelle Momente, Holert setzt dabei "Großereignisse" wie die documenta 5 neben Phänomene, die nur von kurzer Dauer waren und demonstriert dem Rezensenten damit "die Multiperspektivität von Gegenwartserfahrung und Geschichte." Den Preis der Leipziger Buchmesse gab es dafür völlig zu recht, schließt Kastner.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 23.03.2024

Rezensent Jens-Christian Rabe blättert recht gern in Tom Holerts Buch über die (pop-)kulturellen Entwicklungen der frühen 1970er, kann jedoch auch diejenigen verstehen, die das nicht tun. Schließlich legt der Kulturhistoriker und Künstler hier kein stringent argumentiertes Sachbuch vor, führt Rabe aus, sondern etwas, das eher einem Ausstellungskatalog ähnelt. Es gibt also, stellt Rabe dar, viel Bildmaterial, die Texte wiederum sind gelegentlich etwas ungelenk akademisch, es geht um den oft wenig zielführenden Aufbruch neuer sozialer Bewegungen nach den revolutionär gestimmten 1960ern und damit um einen Grundstein der Welt, in der wir heute leben. Wer über den eher schweren Einstieg in die Texte nicht stolpert, wird mit viel Gewinn in dieser Fundgrube stöbern, vermutet Rabe.

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