Ute Daniel erzählt eine faszinierende Geschichte vom Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit der parlamentarischen Demokratie in Deutschland und Britannien und fragt, wie diese Regierungsform so umgestaltet werden kann, dass ihr Ziel nicht vor allem darin besteht, handlungsfähige Regierungen zu bilden. Die heroische Version zur Geschichte der parlamentarischen Demokratie hält sich hartnäckig: Diese Regierungsform habe sich durchgesetzt, weil unsere Vorfahren für ihre Rechte gekämpft haben. Unter dem Druck von Wahlrechts- und Protestbewegungen sei den Herrschenden abgezwungen worden, der breiten Bevölkerung Mitspracherechte einzuräumen. Tatsächlich gab es diese mutigen Männer und Frauen, diese Protestbewegungen und Wahlrechtskämpfe; ihnen allen jedoch ist gemein, dass ihr Einfluss auf die real existierende Politik des 19. Jahrhunderts marginal war. Die parlamentarische Regierungsform ging aus gänzlich anders gelagerten Gründen hervor. Ihnen geht die Historikerin in ihrer postheroischen Politikgeschichte nach.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.07.2020
Rezensentin Birte Förster ist der Meinung, dass das Konzept einer postheroischen Demokratiegeschichte mit Blick auf die Praktiken des Regierens, wie es die Historikerin Ute Daniel in ihrem Essay verfolgt, nicht ausreicht, um der Geschichte der Demokratie neue Aspekte abzugewinnen. Eine "praxisorientierte", inklusive Demokratiegeschichte hält Förster hier für fruchtbarer. Dass sich die Autorin "metapherngewaltig" gegen eine Erfolgsgeschichte der Demokratie stemmt, beeindruckt Förster wenig, wenngleich Daniels "Kipp-Punkte"-Konzept ihr charmant erscheint, da es Gegensätze zwischen Regierungsbildung und Parlament offenbart. Insgesamt aber scheint die Autorin der Rezensentin offene Türen einzurennen, indem sie Entwicklungen als "postheroisch" labelt, die in der Geschichtswissenschaft "bereits formuliert" wurden. Über die konventionelle Stoßrichtung der Darstellung kann das aber nicht hinwegtäuschen, findet Förster.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.07.2020
Rezensent Philip Manow scheint unzufrieden mit Ute Daniels Versuch einer postheroischen Demokratiegeschichte. Das liegt daran, dass er der Meinung ist, der Gegensatz heroisch/postheroisch verfehle das Anliegen der Autorin, und eine "Differenz nach innen und außen" träfe es bedeutend besser, wenngleich die Binnenperspektive so neu auch nicht ist, wie Manow meint. Hier fällt dem Rezensenten außerdem auf, dass die Autorin neuere politikwissenschaftliche Literatur zum Thema kaum zur Kenntnis nimmt, was laut Manow dazu führt, dass die Arbeit letztlich doch als konventionell ereignisgeschichtlicher Überblick erscheint, mit Bismarck und Co. als heroisch Handelnde.
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