Italien ohne Pasta, Wien ohne Mehlspeis, Böhmen ohne knedlík, Zuckerbäckerei ohne Zuckerbäckerstil: Nach "Vom Essen zwischen den Kriegen" öffnet Walter Schübler ein weiteres Mal sein kulinarisches Archiv. In seinem neuen Buch widmet er sich den zentraleuropäischen Nationalküchen und ihren größten Kritikern: Adolf Loos, der leidenschaftlich über die Wiener Küche und das Mehlspeisg'frieß wetterte, der Pasta-Schmäher Filippo Tommaso Marinetti mit seinem Manifest zur Revolutionierung der italienischen Küche, der tschechoslowakische Gesundheitsminister Ladislav Procházka, der seinem Volk die böhmische Küche austreiben wollte, und der deutsche Konditor Bernhard Lambrecht, unter den Zeitgenossen besser bekannt als "Lenin der Tortenwelt". Sie alle rüttelten in den 1920er-Jahren selbstbewusst und medienwirksam am kulinarischen Selbstverständnis ihre Länder.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2025
Rezensentin Anna Vollmer hat Spaß an Walter Schüblers kulturgeschichtlich pointiertem Buch. Locker und kenntnisreich zeigt Schübler, wie Essensfragen stets Emotionen, Ideologien und Identität berühren und schnell zum "Kulturkampfpotential" werden. Anhand von vier historischen Provokateuren rekonstruiert er hitzige wie absurde Debatten, in denen Gesundheit, Nation und Moral verhandelt werden. Wir begegnen dem Pasta-feindlichen, faschistischen Futuristen Filippo Tommaso Marinetti, der aus nationalistischen Gründen den Reis stärken wollte. Außerdem dem Tortenreformer Bernhard Lambrecht, der die deutschen Torten für ästhetisch zu überladen hielt. Gleichzeitig schaudert die Kritikerin bei den politischen Hintergedanken mancher Ernährungskonzepte: Etwa, wenn Kriegstüchtigkeit zum Hauptkriterium für Essen werden soll oder wenn die Reformer von vor hundert Jahren schon unangenehm klingen, wie heutige Ernährungs-Gurus. Das Buch sei unterhaltsam, klug und ein Vergnügen für alle, die gern mitdenken, am liebsten "bei einem Stück Torte".
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