Europa steht vor seiner wohl größten Herausforderung seit Ende des 2. Weltkriegs. Wird die Rückkehr der Nationalstaaten zu neuen Kriegen in Europa führen? Was wird aus der jahrzehntelangen engen Verbindung zwischen den USA und Europa? Sind die Werte des Westens Vergangenheit? Stehen wir am Ende des transatlantischen Zeitalters? Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Er schien schon zum Greifen nah: Der große Traum eines geeinten Europas. Ohne Binnengrenzen, verbunden durch eine einheitliche Währung und einen gemeinsamen Binnenmarkt, abgesichert durch die NATO und die enge Kooperation mit den USA. Europa schien eine Supermacht der neuen Art werden zu können: Friedfertig, demokratisch, vielfältig und auf Augenhöhe mit Russland und den USA, Indien und China. Doch dieser Traum scheint das zu bleiben, was er ist: Nur ein Traum, der schlimmstenfalls zum Albtraum mutiert.
Ein längst überwunden geglaubter Nationalismus feiert sein vehementes Comeback, der Flüchtlingsstrom lässt die hässliche Fratze von Rassismus und Fremdenhass wiederauferstehen, die Angst vor Islam und Terror beflügelt Antidemokraten und Verfechter einer uniformen Gesellschaft, die finanz- und wirtschaftspolitischen Krisen zerstören den Glauben an eine gemeinsame Zukunft. Der Zerfall der EU scheint unumkehrbar. Doch mit ihr würde nicht nur eines der größten politischen Projekte der Gegenwart kollabieren, sondern auch ein entscheidender Teil der globalen Nachkriegsordnung.
William Drozdiak beschreibt nicht nur, wie es zu dem prekären Zustand der EU kommen konnte. Seine Analyse zeigt darüber hinaus, wie ein zerrüttetes Europa gleichzeitig den Modellcharakter der westlichen Demokratien verliert und riskiert, nach jahrzehntelanger Stabilität erneut in einen Zustand politischer Abhängigkeiten, wirtschaftlicher Unsicherheit und sozialer Unruhe zu versinken. Insbesondere Deutschlands politische Entwicklung wird darüber entscheiden, welchen Weg Europa in den nächsten Jahren nehmen wird.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 15.02.2018
Rezensent Thomas Speckmann lässt sich die ernüchternde Geschichte Europas von dem Präsident des American Council on Germany, William Drozdiak, erzählen. Der Kritiker liest hier, dass die Träume von einem geeinten Europa ohne Binnengrenzen, verbunden durch eine Währung, abgesichert durch die Nato und in enger Kooperation mit den USA bald platzte und stattdessen mit dem Flüchtlingsstrom Rassismus und Fremdenhass zurückkehrten. Dass die Stabilität bröckelt und die EU zu zerfallen droht, erfährt der Rezensent in diesem wenig erbaulichen, aber lesenswerten Werk ebenfalls.
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