Wie reagierte der politische Liberalismus auf den sozialen und wirtschaftlichen Wandel im Zeitalter der Hochindustrialisierung? Wie wirkungsvoll waren dessen Leitbilder im Übergang zur industriellen Massengesellschaft? Mit der Wende Bismarcks zur sozialstaatlichen Intervention Ende der 1870er Jahre begann das liberale Bürgertum, das Verhältnis von individueller Freiheit und sozialer Gerechtigkeit neu zu überdenken. Dieses Buch befasst sich mit den wesentlichen Ebenen der liberalen Bewegung - mit Parteien und Parlamentsfraktionen ebenso wie mit dem Netzwerk bürgerlich-liberaler Kommunikation. Es entsteht eine Fallstudie über den Zusammenhang von parlamentarischen Entscheidungsprozessen und öffentlichem Meinungs- und Massenmarkt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.2002
Matthias Alexander hält Wolther von Kieseritzkys Buch über liberale Politik im kaiserlichen Deutschland zwischen 1878 und 1893 - zwischen Bismarck, Machtstaat und Arbeiterbewegung also - für ein ziemlich aufwändiges und einigermaßen gelungenes Unterfangen. So lobt der Rezensent, dass Kieseritzky präzise die innerliberalen Auseinandersetzungen und die parlamentarischen Debatten mit dem politischen Gegner aus der Zeit zusammenfasst, als Bismarcks Interventionsstaat und die Erfolge der Sozialdemokratie den Vertretern liberaler Positionen starke Nerven abverlangten. Alexander bedauert allerdings, dass der Autor die - wenigen - sozialpolitischen Akzente vernachlässigt, die die Liberalen gesetzt hätten, denn zumindest auf kommunaler Ebene seien sie durchaus sozial aufgeschlossen und zu pragmatischen Lösungen bereit gewesen. Da aber die Liberalismusforschung die großen Linien bereits herausgearbeitet habt, lautet indes das Fazit des Rezensenten, ist das Buch vor allem "für Spezialisten interessant, die das Interesse für argumentative Nuancen aufbringen".
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