Yassin Al-Haj Saleh

Hannah Arendt in Syrien

Cover: Hannah Arendt in Syrien
Matthes und Seitz, Berlin 2025
ISBN 9783751830492
Broschiert, 122 Seiten, 14,00 EUR

Klappentext

Aus dem Arabischen von Günther Orth. Als politische Denkerin hat sich Hannah Arendt aus der Erfahrung ihrer Zeit heraus mit dem Bösen beschäftigt. Die unfassbaren Gräueltaten der Nazis konnte sie erst selbst nicht fassen, weil es ihr militärisch schlicht nicht notwendig schien, Frauen, Männer und Kinder massenhaft zu töten. Auch die Gewalt und der Schrecken des Assad-Regimes, das Syrien über mehrere Jahrzehnte in ein Gefängnis der darin Lebenden verwandelt hat, schien vielfach nicht vorstellbar. Einer, der es am eigenen Leib erlebt und überlebt hat, ist Yassin Al-Haj Saleh. In seinen vier in diesem Band erstmals aufs Deutsch vorliegenden Essays setzt er sich kritisch mit Hannah Arendts Denken auseinander, um daraus Begriffe einer Philosophie zu entwickeln, die in der syrischen Erfahrung situiert ist: Denken als eine undogmatische Form des Mit-Denkens, das Absente als ein Drittes, das den Dialog übersteigt, Staat und Zeit als eine Beziehung, die sich im Totalitären verbindet, und schließlich eine Ausarbeitung des Begriffs des Bösen, das hier nicht nur als banal gedacht wird, sondern auch als körperlich intim wie in den Foltergefängnissen Syriens und so normalisiert wie im Krieg gegen den Terror.

Buch in der Debatte

9punkt 04.12.2025
Vor 50 Jahren ist die Philosophin Hannah Arendt gestorben. Der syrische Schriftsteller Yassin al-Haj Saleh überträgt Arendts politische Theorie in seinen Essays auf die Zeit der Assad-Herrschaft in Syrien. Im Zeit-Gespräch erklärt er, wie sich der Begriff des radikalen Bösen auf die Folterer in den syrischen Gefängnissen übertragen lässt, in denen er selbst ganze sechzehn Jahre saß. Al-Haj Saleh spricht hier aber auch vom "intimen" Bösen: "In Syrien habe ich das beobachtet, was ich 'manuelle Herrschaft' nenne: Die Hand war das Hauptorgan der Macht. Sie schlägt und foltert mit physischer Kraft. Es gibt keine Distanz zum Körper des Opfers. Heute erlaubt fortgeschrittene Technologie, Millionen Menschen zu töten, während der Täter elegant im Anzug dasitzt und die zerstörten Körper nicht sieht. Aber in Syrien dominierte, aufgrund fehlender Bürokratisierung und nur moderater Technologisierung, die manuelle Herrschaft. Auch ich wurde gefoltert. Dabei spürt man manchmal, dass der Folterer kreativ wird, er erfindet aus Langeweile etwas Neues."Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Politikwissenschaftlerin und Hannah Arendt-Biografin Grit Straßenberger betont im FR-interview mit Michael Hesse Hannah Arendts Fähigkeit, sich durch neue Einsichten von ihren Ansichten zu lösen und gänzlich neu zu denken. Dies gilt vor allem für den Eichmann-Prozess: "'I changed my mind'. Die Erfahrung des Prozesses, das Lesen der Akten: All das habe sie zu der Überzeugung gebracht, dass nicht die metaphysische Radikalität, sondern die furchtbare Banalität des Bösen die angemessene Kategorie sei. Radikal sei, streng genommen, nur das Gute, das Böse sei in diesem Sinne banal. Das ist, und darauf würde ich bestehen, keine Banalisierung der Taten und keine Entschuldung des Täters. Es ist der Versuch, darauf hinzuweisen, dass sich auch vermeintlich normale Menschen an solchen Verbrechen beteiligen können. Es heißt ausdrücklich nicht, in jedem Menschen stecke ein Eichmann - das hat sie vehement bestritten. Sie wollte sagen: Eichmann war ein Verwaltungsmassenmörder, der genau wusste, was er tat, der Abläufe mitorganisierte, sich aber keine eigenen Gedanken über die Bedeutung dieses Tuns machte." Unser Resümee

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