Aus dem Französischen von Felix Kurz. Mit ca. 45 Schwarzweiß-Abbildungen. "Going nowhere very rapidly" - so bewarb eine US-amerikanische Firma für Fitnessgeräte schon in den 1920er Jahren ein Laufband zur körperlichen Ertüchtigung. Für Yves Pagès, Autor, Verleger und Sammler kulturgeschichtlicher Kuriositäten aller Art, ist das Laufband im Fitnessstudio ein geradezu metaphysisches Modell des Kapitalismus: eine unaufhörliche Bewegung auf der Stelle, in der ein Sisyphus wie aus "Moderne Zeiten" dem Avatar eines ökonomischen perpetuum mobile hinterherhetzt. Das Prinzip ist allgegenwärtig, ob als Rolltreppe oder Kassenband, als Fließ- und Förderband in Fabriken und Bergbau, als Heimtrainer oder moving walkway am Flughafen. Fasziniert setzt Pagès zur Recherche an, durchforstet Patent-Anmeldungen, Berichte von Industriemessen, Werbungen, Filme und Literatur, um Vorläufer und ausgestorbene Nebenzweige in der langen Evolution des Laufbands nachzuverfolgen. Er erzählt , wie aus einer Technologie zur Schonung von Nutztieren im Lauf der Geschichte erst eine schikanierende Disziplinarmaßnahme in englischen Gefängnissen und in Kolonialregimen wird und schließlich eine begehrte und teuer bezahlte Form der Selbstoptimierung und -kasteiung im spätkapitalistischen Lifestyle."Travail à la chaîne" - der französische Begriff für Fließbandarbeit - lässt sich wörtlich mit "Arbeit an der Kette" übersetzen. Deutlicher und vielschichtiger kann man die Realität des Kapitalismus kaum darstellen.
Gute Unterhaltung und kluge Gesellschaftskritik in einem bekommt Rezensent Matthias Becker mit Yves Pagès' Kulturgeschichte des Laufbandes geboten: Er erfährt hier zum Beispiel, dass die ersten Laufbänder in Form beweglicher Treppenstufen als sogenannte "Disziplin-Mühlen" in englischen Gefängnissen im 18. Jahrhundert eingesetzt wurden - Häftlinge mussten sie bis zu zehn Stunden am Tag in Gang halten, meist völlig ohne Sinn. Auch, dass die ersten Laufbänder, die als Fitnessgeräte in Haushalte Einzug hielten, als "Torture de luxe", also "Luxusfolter" beworben wurden, kann der Kritiker hier lernen. Der Autor bekenne sich "offensiv zur Abschweifung", was den Kritiker an eine "Genealogie im Sinne Michel Foucaults" erinnert, ohne festes System und ergebnisoffen. Es macht Becker durchaus Spaß mit Pagès die zahlreichen Verwicklungen und unbekannten Geschichte um das Laufband herum zu entdecken, sein Stil ist "klar, unprätentiös und pointiert". Auch Pagès' anhand von Laufband und Fitnesswahn aufgefächerter Kapitalismuskritik will der Kritiker gerne folgen, lediglich stellenweise wirkt das Ganze ein klein wenig überfrachtet - trotzdem eine lohnende Lektüre!
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