Frühjahr 2003

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
04.04.2003. Alles ist erleuchtet: Die Lyrik von Inger Christensen, die Tagebücher von Rudi Dutschke, ein Nagetier, das Uhren repariert, der Gaza-Streifen, die Wege nach Rom, der Fortschritt. Behaupten wir in den "Büchern der Saison, Ausgabe Frühjahr 2003".
Immerhin: Es ist zwar Krieg, aber es ist auch Frühling. Wie in jeder Saison durchblättert der Perlentaucher die Literaturbeilagen der großen Zeitungen auf der Suche nach den "Büchern der Saison" und der einen oder anderen Trouvaille am Rande. Eine thematische Aufschlüsselung der Literaturbeilagen finden Sie übrigens hier.

Die Beilagen lasen sich anregend diesmal, und wir glauben auch einen regelrechten Roman der Saison ankündigen zu können - nämlich Jonathan Safran Foers "Alles ist erleuchtet", auch wenn er nicht in ganz so hohen Tönen gefeiert wird wie seinerzeit Jonathan Franzens "Korrekturen". Aber zuerst Gedichte.


Lyrik

Wer liest in Deutschland Inger Christensen, die seit Jahren als Kandidatin für den Nobelpreis gehandelt wird? Wer würdigt die Verdienste des Kleinheinrich Verlags um die dänische Literatur? Zum Beispiel Thomas Kling, selber Lyriker, in der Zeit. Er ist geradezu überwältigt, dass Inger Christensens Gedichte aus dem Band "det/das" nach 35 Jahre nun erstmals auf Deutsch vorliegen. Sie ist für ihn eine der besten Dichterinnen unserer Zeit, und er erklärt auch, warum: zum Beispiel, weil sie ihre Kunst aus der Alltagssprache, diesem "zarten und gewalttätigen Widerborst" zieht. Guido Graf hat den Band schon im Januar in der FR besprochen. Auch für ihn hat Christensen in der "sprachlichen Verbundenheit mit der Wirklichkeit" einen "Geheimniszustand". Der Übersetzer Hans Grössel hat für ihn "bewundernswerte" Arbeit geleistet.


Romane

Jonathan Safran Foers Roman "Alles ist erleuchtet" wurde vielfach gefeiert. Ein junger Amerikaner kommt in die Ukraine und begibt sich auf die Spuren seiner Vorfahren und des längst ausgelöschten Schtetls. Ein Roman, der völlig frei ist von "saurem Kitsch" und romantisierender Schtetl-Folklore, versichert Ijoma Mangold in der SZ, der in Foer ein "atemberaubendes Talent" entdeckt. Ulrich Sonnenschein schimpft in seiner Kritik in der FR zwar zuerst ein wenig auf den Medienrummel, der um den Erstling von Foer gemacht wird, gibt sich aber dann selbst den ausgiebigsten Schwärmereien hin. Ein "erstaunlicher Erstling", ein "schräges Roadmovie" sei das. Sonnenschein stellt Foer auf eine Stufe mit Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides, den beiden anderen großen Entdeckungen im amerikanischen Roman der letzten Jahre. Nur Angela Schader macht in der NZZ Abstriche -- manches "fantastische Beiwerk" hat sie gestört. Am Ende aber bleibt auch für sie "der Widerschein eines Feuerwerks von Ideen und sprachlichen Einfällen".

Zwei deutsche Romane teilen sich die Ehre der ganz großen Besprechungen in den Frühjahrsbeilagen, Daniel Kehlmanns "Ich und Kaminski" und Sibylle Lewitscharoffs "Montgomery". Ein auf schäbige Weise ehrgeiziger Kunstkritiker trifft in "Ich und Kaminski" einen alternden Meister aus der großen Zeit der Pop Art -- erzählt wird der Roman dabei interessanterweise aus der Perspektive des Kritikers. Ein wundervoller Schundroman aus dem Reich der Kunst und Medien sei das, schwärmt Andreas Nentwich in der Zeit: "So ansteckend lustvoll und hinreißend unglaubwürdig wie Kehlmann strapaziert die trivialen Genres nur, wer sie um Haupteslänge überragt". Für Beatrix Langner in der NZZ knüpft Kehlmann aber nicht nur an Trivialgenres, sondern auch an Avantgarde-Bewegungen wie "Oulipo" an. Sie liest den Roman als "Hypertext über Mythen und Diskurse der Kunst und ihrer Akteure" -- spannend wie ein guter Kriminalroman soll er trotzdem sein. Und Gustav Seibt erkennt in der SZ die Vorbilder eher im guten alten deutschen Künstlerroman, gewürzt mit den Talenten der jüngsten Autoren: Denn nichts können junge Autoren a la Kehlmann so gut wie Peinlichkeiten beschreiben, schwärmt Seibt.

Schnell und viel besprochen wurde auch Sibylle Lewitscharoffs Roman "Montgomery", wenn auch nicht ganz so einhellig wie Kehlmanns "Ich und Kaminski". Der Roman spielt 1999 in Rom. Erzählt werden acht Tage aus dem Leben des Filmproduzenten Montgomery Cassini-Stahl, erläutert der Klappentext. Cassini-Stahl hat ein heikles Projekt -- eine Neuverfilmung von Jud Süß, um der historischen Figur des Joseph Süß Oppenheimer, der im Nazifilm zur antisemitischen Fratze wurde, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Thomas Steinfeld, Literaturchef der SZ, fühlt sich beschwingt: Dies sei trotz des leichten Tons eines der schwärzesten Bücher der Zeit, was für unseren Rezensenten an der "fast somnambulen" aber treffsicheren Sprache liegt, mit der sich die Autorin durch die Geschichte bewegt. Weniger begeistert zeigt sich Verena Auffermann in der Zeit -- sie hätte sich von der Autorin lieber einen Stuttgart- statt eines Rom-Romans gewünscht.

Selten wurden in einer Saison so viele deutsche Romane und Erzählungen in den höchsten Tönen gefeiert. In Wolfgang Hilbigs Erzählungen "Der Schlaf der Gerechten" begeben sich die Protagonisten in Erinnerungsreisen in ihre Vergangenheit - die Rezensenten sind tief bewegt. Gabriele Killert hat sich von diesen "schönen, traum-analogen" Erzählungen in der Zeit sichtlich bezaubern lassen, in denen Wolfgang Hilbig vom Weh und Wunder der Selbstwerdung erzählt. Und Sibylle Cramer in der FR traut Wolfgang Hilbig nach der Lektüre seiner autobiografischen Erzählungen so einiges zu, sogar die literarische Rettung der Welt, denn bliebe eines Tages von der Welt nichts übrig als Schutt und Asche, Hilbig würde auch das noch in "erzählerisches Geschmeide" verwandeln, meint sie. Reinhard Jirgls sprachartistischer Roman "Die Unvollendeten" über die Vertreibung der Sudetendeutschen findet höchste Anerkennung bei Tilman Spreckelsen in der FAZ ("Ein in avantgardistischer Manier verfasster Roman") und bei Burkhard Müller in der SZ, der hier nebenbei eine "Gegenwartssatire" über den Lteraturbetrieb findet.

Auf Jubel stieß schließlich Stephan Wackwitz' Familienroman "Ein unsichtbares Land" in dem sich der Autor, der in den Siebzigern jung war, mit seinem Großvater, einem Kapp-Putschisten und Deutschnationalen auseinandersetzt. Ein faszinierender, in die "Geschichte verknoteter Familienroman" ist das für Lothar Müller in der SZ, eine "autobiografische Leistung von höchstem Rang", findet Oliver Fink in der FR.

Geradezu liebevoll besprochen wurden auch Undine Gruenters Erzählungen "Sommergäste in Trouville", ein nachgelassener Band der jüngst verstorbenen Autorin, der die Atmosphäre dieses etwas verblichenen Badeorts aufleben lässt. "Erotik im Wartestand, Etüden der Einsamkeit" fand hier Andrea Köhler in der NZZ. Joseph Hanimann feiert Gruenter in der FAZ als "eine Wiedergängerin des jungen Marcel Proust im Pastiche-Kleid der Belle-Epoque". Für Dorothea Dieckman in der Zeit übertreffen die Erzählungen gar die "Meisterschaft von Ingeborg Bachmanns letzten heiter-bitteren Erzählungen".

Unter den Debüts ragen die allenthalben sehr respektvoll besprochenen Erzählungen "Ich aber bin hier geboren" von Gregor Sander heraus. Als "Stilleben gefrorener Momente in orientierungslosen Leben einer haltlosen Zeit" bezeichnet sie Heinz Ludwig Arnold in der FAZ, der es interessant findet, dass der Ost-West-Gegensatz bei diesem jungen Autor nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Hans-Peter Kunisch schätzt bei Sanders Figuren in der Zeit die "trotzige Akzeptanz der eigenen Loser-Existenz".

Unter den internationalen Autoren wurde Kader Abdolahs Roman "Die geheime Schrift" mit großem Interesse aufgenommen. Er erzählt von der Emigration einer Familie aus dem Iran in die Niederlande. Ein absolut hingerissener Karl-Markus Gauß feiert das Buch in der Zeit als "politische Chronik, uraltes iranisches Märchen und postmodernen Roman" zugleich. Daniel Bax liest ihn in der taz als komplexe Auseinandersetzung zwischen westlicher und orientalischer Kultur.

Pablo Tussets Roman wurde bisher nur einmal besprochen. Aber sein Titel fällt auf: "Das Beste was einem Croissant passieren kann", und sein Protagonist stößt auf unsere volle Sympathie: "Pablo Jos Miralles, genannt Balu, ist hauptberuflich Sohn betuchter Eltern aus bester katalanischer Hochbourgeoisie, fett, faul, politisch unkorrekt", heißt es im Klappentext. Selten gelingt es einem Debütroman, derben Humor mit philosophischem Hintersinn und stilistischer Eleganz zu verbinden, jubelt Jutta Person in der SZ. Sie vergleicht den Roman mit dem Film "The Big Lebowski".

Zygmunt Haupt wurde in Polen von Andrzej Stasiuk wiederentdeckt, der auch das Vorwort zu vorliegenden Ausgabe schrieb. Nur Richard Kämmerlings hat "Ein Ring aus Papier" bisher besprochen - seine Kritik für die FAZ war aber so engagiert, dass das Buch die Hervorhebung lohnen könnte. Der 1975 gestorbene Haupt lässt hier in Erinnerungen an seine Kindheit das Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie wiederauferstehen. Eine "unverwechselbare erzählerische Physiognomie" hat Kämmerlings hier entdeckt, "einen Malstrom von Sprache, Erinnerung und Geschichte", eine "schwere und todesverfallene" Sprache und "groteske Szenen" aus der verschwundenen Welt Osteuropas.

Und am Ende ein Roman, den wirklich jeder kennt: Jerome D. Salingers "Fänger im Roggen", endlich neu übersetzt nach der ungeglätteten Originalausgabe. Reinhard Baumgart feiert in der Zeit ein "Wiedersehen nach langer Zeit", aber er äußert sich leise enttäuscht über Eike Schönfelds Neuübersetzung. Er nennt sie zwar gelungen, findet aber auch den Helden in seiner "Weinerlichkeit und Übertreibungsemphase" zur Kenntlichkeit entstellt. Auch Burkhard Spinnen in der SZ und Paul Ingendaay in der FAZ haben sich gerne auf die Zeitreisen begeben, und beide loben die Übersetzung, Spinnen weil sie die "Sprachmelange" des Protagonisten aus "Hingerotztem und Hochreflektiertem" so gut treffe, Ingendaay, weil sie sich der Sprache des Protagonisten "wie eine zweite Haut" anschmiege.


Briefe und Tagebücher

Rudi, wir lesen weiter. Rudi Dutschkes "Tagebücher" sind bald 25 Jahre nach seinem Tod von seiner Frau Grete herausgegeben worden und wurden von Rezensenten der entsprechenden Generation mit Rührung gelesen. "Mit großer Anteilnahme" berichtet Barbara Sichtermann in der FR von ihrer Lektüre und fand alles wieder: die politischen Bestandsaufnahmen, das tägliche Rehaprogramm, die Kontaktpflege, die Resignation und die nie ganz verebbende Hoffnung, "wie es aussieht unzensiert, allen Privatkram einschließend". Sichtermann hat das "mit großer Anteilnahme" getan. "Ein Dokument: berührend, aufregend, Applaus und Kritik gleichermaßen provozierend. Anteilnahme allemal", befindet auch Fritz J. Raddatz in der Zeit. Und Jochen Hieber freut sich in der FAZ, nun auch den privaten Dutschke kennengelernt zu haben.


Kinder- und Jugendbücher

"Brando" ist eindeutig der Jugendroman der Saison, viel besprochen, einhellig gefeiert. Ein Roman aus dem Milieu der schwedischen Vorstädte, der zeigt, dass auch das schwedische Sozialsystem zum Glück nicht jeden Brennpunkt entschärfen kann. Wilfried von Bredow schätzt in der FAZ Engströms "ätzend-schonungsloser Blick" auf die sozialen Unerfreulichkeiten" - "kombiniert mit einem beißenden, aber niemals zynischen Witz". Und auch Konrad Heidkamp spendet dem Roman in der Zeit ein großes Lob: "Jeder kommt mit seiner Geschichte zu Wort, jede ist tragikomisch, und keiner macht sich lächerlich." Alois Prinz' "Lieber wütend als traurig" über das Leben der Ulrike Meinhof ist sicherlich das kühnste Jugendbuch der Saison. Die Rezensenten haben es geschätzt. Für Dietmar Dath in der FAZ ist es der Beweis, dass man über die Meinhof fast einen "stimmungsvollen, aufgeräumten Entwicklungsroman" schreiben kann. Und Barbara Sichtermann schreibt in der Zeit: "In einer bündigen, unaufgeregten Sprache...vereinfacht (Prinz) ohne zu versimpeln, er popularisiert, ohne zu verflachen."

Zoran Drvenkars Kinderbuch mit Zeichnungen Ole Könnecke "Du schon wieder" hat zwei sehr engagierte Besprechungen bekommen. Es erzählt laut Klappentext die Geschichte von Rocki und Fredo. "Der eine ist zu groß, der andere zu klein. Nicht einmal ihre Eltern können mit ihnen etwas anfangen und schicken sie deswegen in die Welt hinaus. Wären die beiden Freunde, wäre das alles nicht so schlimm. Aber Fredo mag Rocki nicht besonders, weil der nie runterschaut. Und Rocki mag Fredo nicht, weil der nie raufschaut. Ein Kinderbuch, "wie es nur alle paar Jahre vorkommt", bejubelt Andreas Platthaus in der FAZ dieses "geradezu abgründig verschachtelte" Buch mit Zeichnungen, "die so noch niemals richtig vorgekommen sind". Andreas C. Knigge wünscht "Du schon wieder" in der FR ebenfalls weite Verbreitung.

Groß besprochen wurde auch Michael Hoeyes "Hermux Tantamoq - Im Wettlauf mit der Zeit", die Geschichte eines Nagetiers, das besondere Talente in der Uhrmacherkunst entfaltet. Hier geht es so menschlich zu, dass man fast vergisst, es mit Mäusen zu tun zu haben, schreibt Reinhard Osteroth in der Zeit. Nico Bleutge hebt in der SZ die menschlichen Tücken und Schwächen dieses alltagsnah gezeichneten Universums als besonders liebenswert hervor.

Schließlich zwei Bilderbücher. "Guten Appetit!" von Katy Couprie und Antonin Louchard möchte bereits die ganz Kleinen ans gute Essen heranführen - zur Begeisterung von Patrick Bahners in der FAZ. "Ist das zum Essen oder zum Einreiben?" fragt er zum Beispiel angesichts einer abgebildeten "schaumstoffartigen gelb-weißen Masse", die sich als Kartoffelbrei entpuppt. Jens Thiele lobt in der Zeit, dass das Buch in seinem Perspektiv- und Ideenreichtum der kindlichen Erfahrung folge, die sich ihre Wirklichkeit erst durch Anschauung zusammensetze und für die Fantasie und Realität noch nah beieinander liegen. Und schließlich ein Buch mit dem schönen Titel "Kuh" von Angelo Rinaldi (Illustration) und Malachy Doyle, das Ute Blaich in der Zeit zu einer Hymne hinriss. Hier scheint einfach alles zu stimmen, vom Text, einer "kleinen sanften Erzählung", bis zu den "minutiös gemalten, traumschönen" Bildern. Ein "poetisches Sachbuch".

Die Sachbücher der Saison finden Sie hier.