Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.06.2026 - Bühne

La Traviata © Julian Guidera for Garsington Opera

Gina Thomas besucht für die FAZ die Saisoneröffnungen zweier britischer Opernhäuser. Auf dem Programm stehen Evergreens: In Glyndebourne wird "Tosca" gegeben, in Garsington "La Traviata", in beiden Fällen wird die Handlung in die Epoche des historischen Faschismus verlegt. Von der britischen "Tosca" ist Thomas nicht allzu angetan ("weniger als die Summe der Teile"), deutlich mehr Freude hat sie an der Neufassung des Verdi-Klassikers. Regisseurin Louisa Muller zeichnet "das Bild einer auf dem Vulkan tanzenden Pariser Halbwelt, deren karnevalistische Ausgelassenheit den Fatalismus der Kurtisane im Angesicht des Todes spiegelt. (…) Im Zuge des Abends nimmt Violettas hedonistischer Freundeskreis zunehmend ausgefallene Züge an, als verwandle die fiebrige Phantasie der Sterbenden die Nachtschwärmer in Vorboten des Todes."
Simon Boccanegra © Ben van Duin for Nationale Opera & Ballet

Noch mehr Verdi: Holger Noltze besucht für van in Amsterdam am Nationale Opera & Ballet eine hervorragende Aufführung des "Simon Boccanegra". Eine der besten Verdi-Opern, meint Noltze, aber sie wird selten gespielt, vor allem aufgrund der äußerst komplizierten Handlung. Regisseurin Jetske Mijnssen jedoch "ist eine Meisterin sorgfältiger Personenregie, sie weiß um die große Macht der kleinen Gesten. ... Sie verlegt das Stück ins Uraufführungsjahr der revidierten Fassung 1881. Es war ja Verdis Gegenwart, auch sein Leiden am zerrissenen Italien, das ihn motivierte, den ein Vierteljahrhundert alten Stoff nochmal anzufassen. Die steifen Krägen und hochgeschlossenen Kleider zeigen ihre Träger als Gefesselte. Mehr Aktualisierung braucht es nicht. So gelingen auf der riesigbreiten Simultanbühne Bilder von archaischer Wucht und nie als fake-Historiengemälde: Darin agieren Menschen."

Weitere Artikel: Helmut Ploebst blickt im Standard voraus auf das Wiener Impulstanz-Festival, das vom 9. Juli bis zum 9. August stattfinden wird. Shirin Sojitrawalla macht sich auf nachtkritik Gedanken zum Zusammenhang von Schwimmbad und Theater. Susanne Lenz erzählt in der BlZ eine Anekdote von ihrem letzten Opernbesuch

Besprochen wird "Travelogue I - Twenty to eight" ein Frühwerk von Sasha Waltz, das das Salzburger Tanzfestival Sommerszene eröffnet. "Das Stück ist so weitsichtig angelegt, dass es potenziell alle anspricht", freut sich Helmut Ploebst im Standard.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.06.2026 - Bühne

Szene aus "Tancredi" an der Oper Frankfurt. Foto: Monika Rittershaus

Eine "kluge" Inszenierung von Rossinis Oper "Tancredi" ist Manuel Schmitt an der Oper Frankfurt gelungen, freut sich Jan Brachmann in der FAZ. Die Handlung spielt in Syrakus im Jahr 1005, es herrscht Bürgerkrieg und Amenaide, Tochter des Edelmanns Argirio, wird der Kollaboration mit den Sarazenen verdächtigt, als ein Brief an ihren verbannten Liebsten Tancredi abgefangen wird: "Im ersten Duett zwischen Amenaide und Tancredi schlägt die freudige Erregung des Wiedersehens um in eine Dur-Lyrik der Schockstarre, der Benommenheit durch die ausweglose Situation (...) Auch in den Schockfermaten des von Manuel Pujol zu höchster Beweglichkeit gebrachten Chors wiederholt sich diese geglückte Verbindung von Poesie und Realismus. Sie verdichtet sich im Klagen des Fagotts des Frankfurter Opern- und Museumorchesters, wenn Theo Lebow als Argirio gezwungen wird, das Todesurteil für seine Tochter zu unterschreiben."

FR-Kritikerin Judith von Sternburg sieht eher "konventionelles Musiktheater", applaudiert aber den Sängerinnen und Sängern: "Cláudia Ribas war hier schon im Opernstudio, ihren Tancredi beglaubigt sie mit einem dunkel grundierten, ausdrucksstarken, noch dazu unermüdlichen Mezzo. Ihre Amenaide ist Bianca Tognocchi, die sich zu brutalen Spitzentönen aufmachen muss, aber alles sitzt. Unermüdlichkeit benötigt erst recht der in drastischen Höhenlagen geforderte Theo Lebow als Argirio, aber als zähen Burschen konnte man ihn schon häufiger erleben. Das kann mal grell werden, Rossini baut echte Renommierstücke ein, in Frankfurt können sie mithalten."

Weiteres: In der NZZ resümiert Bernd Noack die Wiener Festwochen auch abseits der Debatte um Peter Thiel (unser Resümee) ("Das Publikum wollte Kunst und weniger Diskurs. Und die bekam es." Besprochen wird Daniela Löffners Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs neue "Sommersonnenwende" am Schauspiel Stuttgart (FAZ), Judy Hegarty Lovetts Inszenierung von Samuel Becketts "How it is" im Palazzo Diedo in Venedig (SZ) und Anna-Sophie Mahlers Inszenierung der Puccini-Oper "Turandot" an der Oper Stuttgart (SZ) und Berfîn Ormans Inszenierung von "Istanbul" am Stadttheater Fürth (taz)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.06.2026 - Bühne

"Sommersonnenwende", Foto: Toni Suter.


Roland Schimmelpfennigs "Sommersonnenwende", wird im Schauspiel Stuttgart uraufgeführt, Regie führt Daniela Löffner und Judith von Sternburg dreht in der FR fast durch, weil das Kinderlied "Aramsamsam" der Motor des Stücks ist und ständig wiederholt wird. Es geht um eine Familie, die sich zum Gartenfest trifft und so aneinandergerät, dass sich die Menschen bisweilen in Tiere verwandeln: "Wiederholung als Mittel des Schimmelpfennig-Theaters spielt ohnehin eine Rolle. Verwirrend, aber raffiniert die zahllosen feinen Zeitsprünge. Sie werden immer angesagt, man ist dennoch perplex. Sind sie wichtig? Ist es wichtig, an welcher Stelle man in die 'Aramsamsam'-Endlosschleife einsteigt? Insgesamt geht es nicht mit rechten Dingen zu. Dazu könnte es sogar noch justiziabel werden (Knochen, Blut, Messer). Trotzdem leuchtet das ein. So funktioniert Theater, man bleibt dabei, um erst hinterher zu begreifen, dass man letztlich nicht viel Neues erfahren hat." Das Stück stellt so auch die Frage, "ob es eigentlich gut für das Theater sei, dass meistens noch einmal erzählt werde, was schon alle wissen. Guter kniffliger Punkt."

Egbert Tholl macht in der SZ auf den Familienstreit aufmerksam, der sich am Erbe der Geschwister Isabel und Victor und ihrer Partner Albert und Patrizia entzündet und der nun nicht mehr so leicht zu lösen ist: "Das Problem: Isabel und Albert haben ein Kind adoptiert, ein Mädchen, Amina, das nicht nur Victors und Patrizias Erbschleicherpläne zum Wohle der eigenen Brut torpediert, sondern auch überhaupt nicht Patrizias Vorstellungen entspricht. Amina scheint nicht zu passen, vielleicht ist sie schwarz, fremd, wie auch immer: Enge im Hirn kracht auf die mühevolle Behauptung von geistiger Freiheit, alle vier rasen auf zunehmend vollgematschter Bühne durch die Nacht, ein klein wenig Politik sickert ins Beziehungsgeflecht. Doch letztlich weiß man: In einem Jahr werden sie sich wieder treffen. Und alles wird wieder genau so sein. Familie halt." Weitere Besprechung in der Nachtkritik.

Anne-Catherine Simon bezieht in der Presse auch noch einmal Stellung zum Fall Rau/Thiel (unsere Resümees): "Milo Rau ist hier nicht der Loser. Ihm ist allein schon mit der Idee etwas gelungen, Peter Thiel einzuladen, und mit dessen Zusage zu einer öffentlichen, kritischen, keinerlei Einschränkungen unterworfenen (Publikums)Diskussion; ganz zu schweigen von der Debatte, die auf die Bekanntgabe der Einladung folgte, sie ist an sich schon ein interessanter Spiegel öffentlicher Zustände. Abgesehen davon: Egal, was man von der Inszenierung dieser Thiel-Einladung halten mag, ja von der Einladung Thiels selbst - was zuletzt an Milo-Rau-Bashing stattgefunden hat, diskreditiert in seiner Ballung und teils gehässigen Zuspitzung nicht den Festwochen-Intendanten, sondern die Attacken auf ihn."

Erst musste das Maxim-Gorki-Theater beim Sparkurs des Berliner Senats einstecken, jetzt droht ihm auch noch eine gepfefferte Mieterhöhung - der Vermieter ist aber selbst ein Unternehmen des Landes Berlin. Für Peter Laudenbach ist in der SZ klar, was getan werden müsste: Es gäbe "eine langfristig tragfähige Lösung für die schwierige Situation der Werkstätten und die über die Stadt verteilten Probebühnen, die schon länger in Planung ist: landeseigene Proben- und Werkstatt-Räumlichkeiten für das Gorki-Theater und die Volksbühne. Die Investition könnte die Infrastruktur der Theater auf Dauer sichern und ihnen ein effizienteres, also deutlich kostengünstigeres Arbeiten ermöglichen. Bisher hatte die unter Wedl-Wilson und ihrem sprunghaften Vorgänger Joe Chialo (CDU) kurzatmig und hektisch agierende Berliner Kulturpolitik nicht die Kraft, solch eine langfristige Entscheidung zu treffen."

Weiteres: Katja Kollmann sieht sich für die taz auf dem Berliner Theatertreffen der Jugend um. Konrad Muschick stellt in der FAZ den jungen Theatermacher Mario Banushi vor, der in Venedig den Silbernen Löwen verliehen bekommt. Arno Widmann erinnert in der FR an Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung", die vor 60 Jahren uraufgeführt wurde.
 
Besprochen werden: "Polaris" am Deutschen Theater, geschrieben und inszeniert von Jan Christoph Gockel (Taz, Tagesspiegel), Silvia Costa inszeniert mit "La Musica - zwischen ihr und ihm" am Münchner Residenztheater ein Mash up von zwei Stücken von Marguerite Duras (Nachtkritik), "The Boys are Kissing" von Zak Zarafshan, inszeniert von Anne Lenk am Thalia Theater Hamburg (Nachtkritik) und Maria Lazars "Der blinde Passagier", inszeniert von Ebru Tartıcı Borchers am Staatstheater Oldenburg (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.06.2026 - Bühne

"Several Rythms Sort Thoughtfully" am Schauspielhaus Frankfurt. Foto: Dominik Mentzos. 

Der künstlerische Direktor Ioannis Mandafounis der "Dresden Frankfurt Dance Company" sorgt dafür, dass FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster im Schauspielhaus Frankfurt endlich wieder Stücke auf "zeitgenössischem Tanzweltniveau" genießen kann. So zum Beispiel die Choreographie "Several Rhythms Sort Thoughtfully" von Thomas Bradley: "Bradleys Stück für fünf Tänzer in Patchwork-Anzügen beginnt mit Gängen in großer Ruhe und bleibt auf unaufgeregte Weise eigen, überlegt und sehr elegant. Es öffnet den Blick für die Schönheiten einer komplett schwarzen, entkleideten Bühne, die von wundervollen Lichtstimmungen räumlich gestaltet wird, indem etwa knallhelle Lichtflure auf den Boden geworfen werden, in die es manche Tänzer förmlich hineinzuziehen scheint. Überwiegend aber herrscht das Erwartungen evozierende Theater-Nichts, das Kahle: no Drama. Dahinein stellen sich die fünf Tänzerinnen und Tänzer mit dem ihnen eigenen Mut. Das allein zu beobachten, ist fantastisch."

"Im dritten Jahr zeigt Raus Intendanz erste Abnutzungen", stellt Uwe Mattheiß in der taz mit Blick auf den Streit um die Ein- und Ausladung Peter Thiels zu den Wiener Festwochen (unsere Resümees) fest: "Rau wurde engagiert, um den Wiener Festwochen Reichweite zurückzubringen, die sie mit den Jahren verloren hatten. Was vor ihm geschah, ist allerdings weniger der Hand seiner Vorgänger geschuldet als dem Strukturwandel im kulturellen Feld. Am besten ging es den Festwochen, als die Arbeitsteilung des Kulturbetriebs noch intakt war. Repertoiretheater spielten den Kanon der gymnasialen Oberstufe rauf und runter; Festivalkultur öffnete den Blick auf Außenseiter, ästhetische Innovationen und die Gurus der (Post-)Moderne. Rau bringt Impact zurück, verteilt aber die Aufmerksamkeitsressourcen von unten nach oben. Das nimmt dem Theaterprogramm den Sauerstoff, das zumindest bis zur Festivalhälfte auch schwächer aufgestellt ist als die beiden Jahre zuvor."

Weitere Artikel: Jürgen Kuttners Reihe "Videoschnipsel" an der Berliner Volksbühne wird nicht verlängert werden, bedauert Peter Laudenbach in der SZ und hält es für eine Fehlentscheidung dieses ganz "eigene Genre zwischen höherem Quatsch, Geistesblitzen und gekonnter Publikumsüberforderung" fallen zu lassen. Besprochen werden Kay Metzgers Inszenierung der Wagner-Oper "Meistersinger von Nürnberg" am Theater Ulm (FAZ) und zwei Einakter an der Wiener Kammeroper: Bohuslav Martinůs "Zweimal Alexander" und Mieczyslaw Weinbergs "Lady Magnesia" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.06.2026 - Bühne

Szene aus "She Stands in the Middle of the Battlefield". Foto: Karolina Jozwiak

Gelungener Auftakt des "Impulse"-Festivals für Performance, Theater und Tanz im Dortmunder FFT, freut sich nachtkritiker Max Florian Kühlem, nachdem er Magda Szpechts Performance "She Stands in the Middle of the Battlefield" und Sheena McGrandles Tanz "Toil" gesehen hat. Dabei überzeugt vor allem das Stück der polnischen Regisseurin Szpecht, die ihr Stück einer befreundeten ukrainischen Theatermacherin widmet, die sich entschied, als Soldatin für ihr Heimatland zu kämpfen: Das Tolle an der Performance ist, "dass sie zwar immer wieder in der ganz realen Erfahrung an der Front wurzelt - und dabei die besondere Perspektive des weiblichen Körpers im überwiegend männlichen Kriegsgeschäft einnimmt. Aber sie findet darin Ambivalenzen, Uneindeutigkeiten, den Zwischenraum der Kunst. Die Regisseurin kreiert mit der starken Performerin und Musikerin Agata Różycka eine Komposition aus Schauspiel, Film und (Live-)Musik. Für die ungefilterte Kriegserfahrung collagiert sie Briefe, Chats, Sprachnachrichten oder Videos von ihrer Freundin, die bis heute als Soldatin für die Ukraine kämpft." 
 
Besprochen werden außerdem Max Kochs Inszenierung von Igor Strawinskys Oper "The Rake's Progress" (FR), das von Christian Spuck inszenierte Doppelballett "Symphony in C/Fearful Symmetries", ersteres von George Balanchine nach Georges Bizet, zweiteres von Spuck selbst nach John Adams an der Berliner Staatsoper (FAZ, mehr hier), Caroline Guiela Nguyens Stück "Valentina" bei den Ruhrfestspielen (nachtkritik), Julia Wisserts Inszenierung der "Dreigroschenoper" an Theater Dortmund (nachtkritik) und Wilke Weermanns Inszenierung von Sam Max' Stück "Wüste" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.06.2026 - Bühne

Beate Scheder trifft sich für die taz mit der neuen Intendantin des Berliner Gorki Theaters Çağla Ilk und deren Dramaturg Ludwig Haugk, die ihr die Pläne für die kommende Spielzeit verraten. Auch tagsüber soll das Gorki künftig geöffnet sein, überhaupt wolle man offener werden: "Künstler:innen und Regisseur:innen habe sie deshalb ausgewählt, die offen seien für ein 'übergreifendes Denken'. Die immer wieder eine andere Wahrnehmung schaffen. Von einer anderen 'Weltwahrnehmung' spricht Haugk gar. Und die sich ein bisschen weniger an Begriffen festhalten. Dem des Sprechtheaters etwa, das Kritiker:innen am Gorki bereits jetzt vermissen. Oder dem des postmigrantischen Theaters."

Weitere Artikel: Für die taz resümiert heute Hilka Dirks die Pressekonferenz, auf der Matthias Lilienthal seine Pläne für die neue Spielzeit der Volksbühne bekannt gab. Besprochen wird außerdem das Stück "9/11 Frames Per Second" von Claudia Rankine, Myassa Kraitt, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Sivan Ben Yishai und Eyal Raz am Schauspielhaus Wien (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.06.2026 - Bühne

Schauspiel Köln - Vergeltung, © Thomas Aurin

Rundum begeistert ist Jakob Hayner in der Welt von Sebastian Baumgartens Inszenierung des Ausnahmeromans "Vergeltung" am Schauspiel Köln. Gert Ledigs Vorlage beschreibt die alliierten Bombenangriffe im Jahr 1944 auf Deutschland und macht nachfühlbar, "was Luftkrieg wirklich heißt". Die Bühnenversion zeichnet sich vor allem durch eine allumfassende Dunkelheit aus, was passend ist, "weil der Roman viel in klaustrophobischen und engen Räumen wie Bunkern, Luftschutzkellern, Geschützständen, Bombercockpits oder Krankenlagern spielt. Außerdem lässt die Dunkelheit den Text mit der Collage aus Geräuschen und Musik noch eindrucksvoller wirken und schützt vor plumper Bebilderung des Horrors, was Baumgarten geschickt umgeht. So erwischt einen jede Zeile wie ein aus der Finsternis abgefeuertes Geschoss. 'Vergeltung' ist schlicht bombastisch. Die Inszenierung verbindet ästhetische Präzision und formale Konsequenz zu einem bahnbrechenden und grenzsprengenden Theaterereignis und haut einen um wie die Druckwelle einer Explosion, um bei der ballistischen Metaphorik zu bleiben."

"Einen Peter Thiel nicht einzuladen und zu konfrontieren, ist so, als würde man versuchen, die Wirklichkeit auszuschließen", sagt Milo Rau im Zeit-Online-Gespräch mit Sven Behrisch und Carlotta Wald. Rau äußert zwar Verständnis für seine Kritiker, hält aber dagegen: "Ich will es nicht größer machen als es ist, aber dass diese Diskussion in einem Kontext, der fast schon absurd kritisch geplant war, nicht möglich ist, zeigt: Wir schaffen es oft nicht, den demokratischen Diskursraum überhaupt noch zu betreten, oder daran zu glauben, dass wir uns überhaupt auf irgendetwas einigen können. Und sei es, dass wir uns nicht einigen. Wie gesagt, ich kann die Verweigerung einerseits verstehen. Ich glaube nur, dass diese Haltung die Demokratie am Ende abschafft. Man kann nicht in einem Safe Space warten, bis draußen die Rechten und die KI übernommen haben." Ebenfalls in der Zeit kommentiert Jens Balzer die Ausladung Thiels ("So weit, so vorhersehbar und also langweilig") und schreibt außerdem über dessen Auseinandersetzung mit dem Papst.

Matthias Lilienthal wirft seinen Schatten voraus. Im Herbst übernimmt er die Intendanz der Volksbühne, jetzt hat er auf einer Pressekonferenz Pläne für seine erste Spielzeit vorgestellt. Rüdiger Schaper zeigt sich im Tagesspiegel recht angetan: "Vor allem fällt auf: Dies ist ein Theater für Berlin. Lilienthal ist hier geboren, und er hat einst als Gründer des Hebbel am Ufer gezeigt, dass Theater ein qualifizierter Stadtraum ist. Für Berlin heißt das: Die Volksbühne versteht sich ebenso lokal wie international. Das lässt sich am Eröffnungsreigen vom 1. bis 3. Oktober erkennen." Der bietet unter anderem Arbeiten von Rimini Protokolle und Satoko Ichihara auf. Außerdem verwandelt Lilienthal die Volksbühne in ein Freibad. "Nach der Spielplan-Präsentation gab es Pommes frites für alle, von Konnopke herbeigeschafft. Berlinischer geht es nicht." In der FAZ ärgert sich Mark Siemons allerdings, dass Jürgen Kuttners "Videoschnipselvorträge", die, kulturkritisch und ironisch, aus den Tiefen der Fernseharchive schöpfen, künftig nicht mehr Teil des Programms der Volksbühne sein werden. Für die nachtkritik war Esther Slevogt auf der Pressekonferenz.

Außerdem: Atif Mohammed Nour Hussein denkt auf nachtkritik darüber nach, welche Art von Theater wir mit Blick auf aktuelle politische Gefahren gerade brauchen. Katrin Bettina Müller blickt in der taz voraus auf die Autor:InnenTheaterTage, die ab dem 6. Juni in Berlin stattfinden.

Besprochen wird Wolfgang Fortners "Blutrausch" an der Oper Frankfurt (Welt - "auf den Klangpunkt gebracht").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.06.2026 - Bühne

Szene aus "L'Agamemnone" an den Bühnen Bern. Foto: Tanja Dorendorf.


Eine neue Oper von einem "der letzten großen, noch lebenden Altmeister der Avantgarde"! SZ-Kritiker Egbert Tholl ist sehr gespannt auf die Uraufführung von Salvatore Sciarrinos "L'Agamennone" an den Bühnen Bern. Von David Hermann inszeniert, erzählt die Oper von der Rückkehr Agamemnons aus dem trojanischen Krieg und der Rache seiner Frau Klytämnestra für die Opferung der Tochter Iphigenie. Vor allem die beiden Frauen beeindrucken den Kritiker: "Iris van Wijnen ist furchterregend großartig als Klytämnestra. Sie und Patricia Westley als kluge, moderne, alles wissende Kassandra, die doch nichts verhindern kann, beherrschen den Abend. Westley verkörpert wundervoll menschlich eine Idee von Hoffnung, van Wijnen steht für die Macht und deren Untergang. Sie hat die Klytämnestra bereits in Klagenfurt gesungen, die Partie ist ihr vollkommen selbstverständlich geworden. Musik wird bei ihr Sprache, und Sprache ist Musik. Sie lauert auf jede Silbe der Choristen, voller Misstrauen, rasend schlau, immer wach. Sie ist eiskalt und doch aufgeraut im Inneren. Kassandra kennt den Schrei der Verzweiflung, Klytämnestra die tastende Konsequenz des Mordens."

Im Standard-Interview zeigt sich Milo Rau unzufrieden mit der Absage an Peter Thiel, der bei den Wiener Festwochen hätte auftreten sollen (unsere Resümees), er hätte die Aktion gerne durchgezogen, durch die vielen Absagen eingeladener Gäste sei sie aber "ganz klar Festival-gefährdend" gewesen: " Wir haben sogar Expertinnen und Experten befragt, auch sie waren für die Durchführung. Es gab aber beginnend mit der Absage von Geoffroy de Lagasnerie irgendwann erdrutschmäßig eine ganze Boykott-Bewegung von Festwochen-Teilnehmenden, die gedroht haben, abzusagen. Lagasnerie ist ein Freund von mir, ich respektiere seine Meinung, auch wenn ich glaube, dass er da irrt. Nichtsdestotrotz musste ich das Festival letztlich schützen, ich kann es nicht opfern für eine einzige Sache, die ich wichtig finde." 

In der Welt hält Jakob Hayner die Ausladung für einen Fehler: "Warum nicht den zwischen Trumpismus und Technokratie, Posthumanismus und politischer Theologie irrlichternden Thiel auftreten lassen und sich für die Diskussion mit ein paar klugen Büchern wappnen anstatt nur auf Instagram rumzujammern?" In der FAZ resümiert Hannes Hintermeier die Debatte. 

Für die Nachtkritik besuchte Julia Schafferhofer Milo Raus "Glaubenstribunal", das nun ohne Thiel stattfand: Besonders interessant findet die Kritikerin die Veranstaltung nicht, bei der eine Jury mit eingeladenen Gästen kontroverse Themen diskutieren soll, denn "das 'Glaubenstribunal' entpuppt sich als äußerst langatmige und erstaunlich harmonische Veranstaltung. Ins Kreuzverhör wird hier niemand genommen, nach Befindlichkeiten gefragt zuhauf." Zu den interessantesten Rednerinnen zählte "die ukrainische Femen-Aktivistin Inna Shevchenko, die im Exil in Paris und Wien lebt. Als sie 2012 in einer Solidaritätsaktion mit der russischen Punkband Pussy Riot in Kiew ein Holzkreuz zersägte, hätte sie sich durch religiöse und politische Macht geschnitten. Diese sehe sie als Allianz. Russlands orthodoxe Kirche segne russische Panzer und vergebe allen, die Ukrainer:innen töten." 

Weitere Artikel: Gerald Felber hat in der FAZ Neuigkeiten aus Chemnitz: Der Vorschlag der SPD, Oper und Schauspielhaus zusammenzulegen ist zum Glück vom Tisch, nachdem sich heftiger Widerstand aus Politik und Zivilgesellschaft geregt hatte (unser Resümee).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.06.2026 - Bühne

Balanchine und Spuck an der Berliner Staatsoper. Bild: Carlos Quezada.


Das Doppelballett "Symphony in C/Fearful Symmetries", ersteres von George Balanchine nach Georges Bizet, zweiteres von Christian Spuck nach John Adams, ist für Rahel Bueb in der taz ein so freudiger wie beeindruckender Abend. Spuck inszeniert die beiden zusammen aufgeführten Stücke auch an der Berliner Staatsoper, sie sind getragen von der Ausdruckskraft der Tänzerinnen und Tänzer: "Bei Balanchine gilt das Motto: maximale Präzision bis in die Fingerspitzen, nichts dem Zufall überlassen, alles unter äußerster Kontrolle. Diese Anforderung meistern die Tänzer:innen über das Stück hinweg nahezu perfekt - eine großartige Leistung. Besonders eindrücklich sind die Momente des Gleichklangs, in denen sich die gesamte Bühne synchron bewegt, sowie die kurzen, intimen Soli. Im zweiten Satz etwa lässt sich Polina Semionova langsam rückwärts in die Arme ihres Partners Martin ten Kortenaar fallen. Es ist ein Augenblick fragiler Schönheit, der den Atem kurz stocken lässt, bevor die Bewegung wieder in Fluss gerät."
 
Auch Sandra Luzina sieht für den Tagesspiegel "betörende Leichtigkeit als Hochleistungssport" und lobt das Spiel mit Spiegelungen, Symmetrie und Abweichung: "Spuck will die Macht der Symmetrien veranschaulichen, doch diese sind bei ihm nichts Unverrückbares. Er löst sie immer wieder auf, zeigt Abweichungen und kleine Störungen. Doch das mündet bei ihm nie in Anarchie. Am Ende beruhigen sich die Klänge und Polina Semionova und Cohen Aitchison-Dugas stehen allein auf der Bühne, die mit goldenen Kugeln übersät ist. Sie umkreisen einander in einem Duett, das sich ins Unendliche fortzuspinnen scheint. Bei dieser Tour de force zu Adams Musik zeigte sich das Ensemble in Topform."

Peter Thiel wurde nach Protesten nun doch von den Wiener Festwochen ausgeladen (unsere Resümees). In der SZ glaubt Christine Dössel, dass die Skandalwirkung der ganzen Angelegenheit mit Sicherheit von Milo Rau beabsichtigt war: "Es wäre wahrscheinlich naiv zu denken, Milo Rau hätte sie nicht einkalkuliert. Seit er 2023 die Leitung der Wiener Festwochen übernommen hat, sind diese wieder im Gespräch - und ausverkauft. Dass der 49-Jährige dafür auf kalkulierte Zuspitzungen setzt, ist Teil seiner Agenda. Allerdings ergibt die Einladung Thiels schon auch Sinn in einem Programm, das sich unter dem Motto 'Republic of Gods' mit den Verbindungen zwischen Religion, Tech- Kapitalismus und Realpolitik befasst. Hätte man diesen Darth Vader des Silicon Valley, der sich in einem Kampf mit dem 'Antichristen' begreift, im Theater- und Kunstkontext der Festwochen nicht einfach mal aushalten können? Jetzt können sich rechte Kulturkämpfer einmal mehr als Opfer linker Cancel-Culture-Mechanismen inszenieren - und lachen sich ins Fäustchen."

Nachtkritiker Christian Rakow hält sich auch nicht zurück: "Das ist dann also die endgültige Bankrotterklärung eines theatralen Projekts. Der Anspruch, ein Durcheinander von polarisierenden Meinungen aus dem Mediengewühl zurück in die Agora zu bringen, der sich mit Milo Raus einstmals visionärem Prozess/Tribunal-Format verband, wird sang- und klanglos beerdigt. Als sei das Ganze nie mehr als wandernder Diskurszirkus gewesen."

Besprochen werden außerdem "Die einen Schatten haben - Anleitung zur Kumpanei" von Vanessa Stern im TD Berlin (taz), "Ruf der Wildnis / Stimme des Kapitals" von Soeren Voima nach Jack London, inszeniert von Saskia Kaufmann und Raban Witt (Nachtkritik), Annie Ernaux' "Das Ereignis", inszeniert von Necati Öziri (Nachtkritik) und Trajal Harrells "Music Music" am Wiener Volkstheater (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.05.2026 - Bühne

Nach dem offenen Brief, der die Jury des Theatertreffens für die Aussetzung der Frauenquote kritisiert (unsere Resümees), schäumen die TheaterkritikerInnen - allen voran jene, die aktuell Teil der Jury sind, wie Christine Wahl im Tagesspiegel, oder Jakob Hayner (Welt), der ab 2027 in der Jury sitzen wird. Sollen die Unterzeichner doch offen sagen, dass sie statt einer Jury eine weitere Antidiskriminierungsstelle und Förderpreise verlangen, schreibt Hayner und ärgert sich, dass hier mal wieder nur eine "Symboldebatte" geführt und nicht über strukturelle Ungleichheit gesprochen wird: "Eine ehrliche Debatte über Ungleichheit im Theater beginnt mit dem längst Überfälligen: der Offenlegung von Gehältern und Gagen. Allen voran bitte die bereits erwähnten Intendanten. Schreiben Sie einen offenen Brief an sich selbst, die Theatertreffen-Jury ist der falsche Empfänger! Verpflichten Sie sich zu transparenter und gerechter Entlohnung! Dafür braucht es weder Quote noch offene Briefe, sondern nur Ehrlichkeit und ein Ende der üblichen Tartüffereien der Theaterblase. Bei der Gelegenheit sollte man endlich auch einmal darüber nachdenken, warum man Menschen aus der Arbeiterklasse im Kulturbetrieb mit der Lupe suchen muss."

Sehr ähnlich argumentiert Christine Wahl (Tsp), die zudem darauf hinweist, dass der "Anteil regieführender Frauen … von rund 28 Prozent in der Saison 2018/19 auf 43 Prozent in 2023/2024 gestiegen" ist man und Intendantinnen "gottlob nicht mehr mit der Lupe suchen" muss. In der SZ beschwichtigt Christine Lutz: "Wenn diese Debatte am Ende nur dafür gut ist, dass sich einige jetzt sehr kritisch selbst befragen, hat sie schon etwas bewirkt."

Weitere Artikel: In der FAS schreibt der Schauspieler Christian Berkel eine Hommage an die Dramatikerin Yasmina Reza. In der FAZ hält Jürgen Kaube Milo Rau für nicht mehr als einen "Diskursdarsteller" und dessen Idee, Peter Thiel zu den Wiener Festwochen einzuladen, für "reflexives Knallerbsentum". Besprochen werden David Hermanns Inszenierung von Salvatore Sciarrinos Oper "L'Agamennone" (NZZ) und das Stück "Israel & Mohamed" des spanischen Flamenco-Tänzers Israel Galván und des Theatermachers Mohamed El Khatib bei den Ruhrfestspielen (FAZ).