Efeu - Die Kulturrundschau
Ein Prozess ständiger Metamorphosen
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.06.2026. Auch seriöse Autorenfilmer wie Martin Scorsese und Steven Soderbergh arbeiten jetzt mit KI-Unternehmen zusammen: Vielleicht kann so die Vision des Regisseurs genauer umgesetzt werden, überlegt die NZZ. Die Literatur der DDR ist spätestens nach der Wende "ausradiert" worden, behauptet Carsten Gansel in seinem neuen Buch - die SZ ist skeptisch. Die Welt feiert in einer Jasper Johns Retrospektive im Guggenheim Bilbao die Möglichkeiten der Malerei. Und der Tagesspiegel hat in der Zitadelle Spandau eine beunruhigend sinnliche Begegnung mit einer Hitler-Büste.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
06.06.2026
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Film
KI erreicht den seriösen US-Autorenfilm - ein Dammbruch? Der Aufschrei ist jedenfalls groß, dass Martin Scorsese eine Liaison mit dem Freiburger KI-Startup Black Forest eingeht. Von deren Bildgenerator verspricht sich Scorsese eine maßgebliche kreative Stütze, berichtet Hannes Boos in der NZZ: "Statt wie bis anhin jede Szene Bild für Bild manuell für das Storyboard zu skizzieren, soll künftig der Computer diese Arbeit übernehmen." Und "vielleicht liegt hier tatsächlich eine der interessantesten Möglichkeiten von KI im Film: dass Regisseure ihre Vorstellungen unmittelbarer in Bilder übersetzen können. Scorsese würde wohl sagen: Das Kino kommt damit der Vision im Kopf des Regisseurs ein Stück näher. Seine Kritiker würden dagegenhalten, dass Film nie nur das Werk einer einzelnen Person gewesen ist: Auch Storyboard-Zeichner, Schauspieler, Kameraleute und Set-Designer prägen das Kunstwerk mit ihren eigenen Ideen. Welche dieser beiden Auffassungen die überzeugendere ist, dürfte die Branche noch lange beschäftigen."
Passend dazu: Auch Steven Soderbergh hat für seinen Dokumentarfilm "John Lennon: The Last Interview" gemeinsam mit dem Facebook-Konzern Meta mit KI gearbeitet - und dabei quasi mit Regieanweisungen per Prompt KI-Füllsequenzen generiert. Im FAZ-Gespräch mit Mariam Schaghaghi sieht der Regisseur für seine Zunft zwei Fragen: "Erstens: 'Warum benutze ich dieses Werkzeug?' Die zweite, wohl wichtigere: 'Ist das Ergebnis, das ich damit bekomme, besser als jede andere Version mit anderer Technologie?'... Wir müssen in den nächsten Jahren natürlich herausfinden, wie wir Grenzen definieren. ... Was mir wichtig ist: Ich möchte unbedingt meine Zustimmung dazu geben, getäuscht zu werden! Daher ist Transparenz so wichtig."
Tilman Baumgärtel begibt sich für den Perlentaucher in die Welt der Microdramen, die komplett anhand von Reels auf Instagram und TikTok erzählt werden, also "Seifenopern, die auf dem Handy gebingwatcht werden." Es "dominieren eindeutige Figuren, überdeutliche Gesten, kurze Sätze und maximale Konfrontation. Die Charaktere sind Archetypen, die das Publikum in Sekundenschnelle einordnen kann." Aber überraschend: "Microdramen sind ein gigantischer und exponentiell wachsender Markt."
Im Vergleich zu all diesen Themen wirkt die Wenders-Debatte über den Umgang mit Nastassja Kinskis Nacktszene in einem 50 Jahre alten Film dann irgendwie doch fast wie aus der Zeit gefallen. Wenders' Frage, ob es legitim sei, Filme im Nachhinein zu ändern, ist längst beantwortet, hält der Medienwissenschaftler Gerhard Schweppenhäuser dem Regisseur in einem Gastbeitrag in der FAZ entgegen: Dass Künstler ihre Werke im Nachhinein verändern, anpassen oder korrigieren ist nichts außergewöhnliches, natürlich "hat der Regisseur ein Recht zur nachträglichen Änderung. ... Nirgends steht geschrieben, dass ein Director's Cut länger sein muss als die Kinofassung."
Weiteres: Yelizaveta Landenberger porträtiert für "Bilder und Zeiten" der FAZ die Animationsfilmkünstlerin Dana Kavelina, die in ihren Arbeiten die Schrecken des Krieges in der Ukraine aufgreift: "Ihrem Blick entnimmt man unermesslichen Schmerz". Denis Sasse denkt im Filmdienst über den Trend zur nostalgisch-eskapistischen Spielzeug-Filmadaption ("Barbie", aktuell im Kino: "Masters of the Universe") nach, die "weniger sentimentale Rückschau als Reaktivierung eines kindlichen Blicks auf die Welt" sei.
Besprochen werden Maryna Tkachuks Dokumentarfilm "Family Album" (FAS), Angela Schanelecs "Meine Frau weint" (FAS), Jan Komasas "Good Boy" (SZ), die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Kap der Angst", für die Javier Bardem in die Fußstapfen von Robert de Niro tritt (Welt), die Ausstellung "Marilyn Monroe: A Portrait" in London (FAZ) und die ZDF-Doku "Fleisch" über Missstände in der tierverarbeitendenden Industrie (FAZ).
Passend dazu: Auch Steven Soderbergh hat für seinen Dokumentarfilm "John Lennon: The Last Interview" gemeinsam mit dem Facebook-Konzern Meta mit KI gearbeitet - und dabei quasi mit Regieanweisungen per Prompt KI-Füllsequenzen generiert. Im FAZ-Gespräch mit Mariam Schaghaghi sieht der Regisseur für seine Zunft zwei Fragen: "Erstens: 'Warum benutze ich dieses Werkzeug?' Die zweite, wohl wichtigere: 'Ist das Ergebnis, das ich damit bekomme, besser als jede andere Version mit anderer Technologie?'... Wir müssen in den nächsten Jahren natürlich herausfinden, wie wir Grenzen definieren. ... Was mir wichtig ist: Ich möchte unbedingt meine Zustimmung dazu geben, getäuscht zu werden! Daher ist Transparenz so wichtig."
Tilman Baumgärtel begibt sich für den Perlentaucher in die Welt der Microdramen, die komplett anhand von Reels auf Instagram und TikTok erzählt werden, also "Seifenopern, die auf dem Handy gebingwatcht werden." Es "dominieren eindeutige Figuren, überdeutliche Gesten, kurze Sätze und maximale Konfrontation. Die Charaktere sind Archetypen, die das Publikum in Sekundenschnelle einordnen kann." Aber überraschend: "Microdramen sind ein gigantischer und exponentiell wachsender Markt."
Im Vergleich zu all diesen Themen wirkt die Wenders-Debatte über den Umgang mit Nastassja Kinskis Nacktszene in einem 50 Jahre alten Film dann irgendwie doch fast wie aus der Zeit gefallen. Wenders' Frage, ob es legitim sei, Filme im Nachhinein zu ändern, ist längst beantwortet, hält der Medienwissenschaftler Gerhard Schweppenhäuser dem Regisseur in einem Gastbeitrag in der FAZ entgegen: Dass Künstler ihre Werke im Nachhinein verändern, anpassen oder korrigieren ist nichts außergewöhnliches, natürlich "hat der Regisseur ein Recht zur nachträglichen Änderung. ... Nirgends steht geschrieben, dass ein Director's Cut länger sein muss als die Kinofassung."
Weiteres: Yelizaveta Landenberger porträtiert für "Bilder und Zeiten" der FAZ die Animationsfilmkünstlerin Dana Kavelina, die in ihren Arbeiten die Schrecken des Krieges in der Ukraine aufgreift: "Ihrem Blick entnimmt man unermesslichen Schmerz". Denis Sasse denkt im Filmdienst über den Trend zur nostalgisch-eskapistischen Spielzeug-Filmadaption ("Barbie", aktuell im Kino: "Masters of the Universe") nach, die "weniger sentimentale Rückschau als Reaktivierung eines kindlichen Blicks auf die Welt" sei.
Besprochen werden Maryna Tkachuks Dokumentarfilm "Family Album" (FAS), Angela Schanelecs "Meine Frau weint" (FAS), Jan Komasas "Good Boy" (SZ), die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Kap der Angst", für die Javier Bardem in die Fußstapfen von Robert de Niro tritt (Welt), die Ausstellung "Marilyn Monroe: A Portrait" in London (FAZ) und die ZDF-Doku "Fleisch" über Missstände in der tierverarbeitendenden Industrie (FAZ).
Literatur

Jens Uthoff berichtet in der taz von der Buchmesse in Kyjiw unter den Eindrücken der massiven russischen Drohnenangriffe der letzten Tage und notiert: "Kriegstagebücher und Lyrik sind in der Ukraine weiterhin sehr gefragt. Doch nun beginnt vielleicht schon eine neue Phase der Literatur in Kriegszeiten, die des Vergleichs, des Suchens nach einer neuen Sprache."
Die Schriftstellerin Marica Bodrožić stellt sich in einem Essay in "Bilder und Zeiten" der FAZ drängende Fragen im Zeitalter von Polarisierung und eskalierender Konflikte: "Auf welche Weise können wir der Schönheit standhalten? Wie sie nicht dem Grauen opfern, das uns umzingelt? ... Immerzu wird der Krieg an uns herangetragen und steuert auch die Sprache, die wir sprechen. Dies innerlich abzulehnen, ohne selbst von der Härte einverleibt zu werden, die uns begegnet, transzendiert die eigene Identität."
Weiteres: "Ein Prozess ständiger Metamorphosen des Bachmann-Bildes ist im Gange", schreibt Sigrid Löffler in der Literarischen Welt über Ingeborg Bachmann, die vor hundert Jahren geboren wurde. Für das "Literarische Leben" der FAZ spricht Daniel Stähr mit der dänischen Schriftstellerin Asta Olivia Nordenhof, deren Romanzyklus "Scandinavian Star" derzeit auf Deutsch erscheint. In "Bilder und Zeiten" der FAZ schreibt Astrid Kaminski über den griechischen Ort Messolongi, wo Lord Byron einst starb. Katajun Amirpur schreibt in der NZZ zum Tod von der Comiczeichnerin Marjane Satrapi (weitere Nachrufe bereits hier). Lars von Törne meldet im Tagesspiegel die Auszeichnungen vom Comicsalon Erlangen: Als bester deutschsprachiger Künstler wurde Franz Suess geehrt, als bester deutschsprachiger Comic "Der verkehrte Himmel" von Mikael Ross und als bester internationaler Comic "In den trüben Gewässern Istanbuls" von Özge Samancı.
Besprochen werden unter anderem Joachim Bessings "Wachs und Gold" (taz), Olivia Laings "Crudo" (FR), Ingvar Ambjørnsens "Niemand da" (taz), Ahmad Milad Karimis Essay "Die Schönheit des Judentums. Eine muslimische Liebeserklärung" (Standard), Flix' und Reinhard Kleists Lucky-Luke-Hommage "Die Grimm Brothers" (WamS), Gusel Jachinas Roman "Eisen" über den Filmregisseur Sergei Eisenstein (FAZ), Paul Ingendaays "Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936-1939" (LitWelt) und Patrick Radden Keefes "Der Sohn des Oligarchen: Über die globale Macht der Superreichen und den Niedergang einer Weltstadt" (FAS). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Musik
"Fulminant" ist das bereits 2019 entstandene, aber erst jetzt veröffentlichte gemeinsame Album der deutschen Elektro-Frickler Mouse on Mars mit dem 2021 verstorbenen Dub-Meister Lee "Scratch" Perry, schwämt Lars Fleischmann in der taz. "Hyperaktiv fliegen Soundeffektkometen, Synthiewolken und stotterndes Gefleusch durch die Songkulisse. ... Perry selbst bleibt da nur das textliche Mäandern. Zwischen Rastafari-Anbetung und Dada-Cut-up beschreibt es eine metaphorische Weltreise: New York, London, Babylon, Berlin. Perry singt die eigenen Harmonien hoch, croont, rappt und hosiannat virtuos. ... Typisch für das Duo Mouse On Mouse unterlaufen die Stücke Erwartungen, der Sound morpht mit viel elektronischer Magie zu vielgesichtigen Hybriden, die sich vom großen Tisch der Musikgeschichte zwischen hawaiianischer Folklore und Techno bedienen." Dazu passend bespricht Julian Weber in der taz einen Band mit Fotos aus Perrys legendärem Black-Ark-Studio. Mehr zum Album bereits hier.
Vítězslava Kaprálovás rare "Suita rustica", nun von den Berliner Philharmonikern unter Jakub Hrůša gespielt, ist "eine Entdeckung", schreibt Ulrich Amling im Tagesspiegel. Die Komponistin war 1940 im Alter von gerade einmal 25 Jahren auf der Flucht vor den Nazis gestorben. "Ihr Fünfzehnminüter rettet Witz und Gefühlstiefe durch die Düsternis. Die Komponistin versöhnt die Moderne, mit der sie als Strawinsky-Verehrerin und Martinů-Schülerin bestens vertraut war, mit einer spukhaften Lust an Feenstaub. Hrůša rückt das in ein silbriges, fein durchhörbares Klangbild."
Weiteres: Michael Stallknecht (NZZ) und Jürgen König (in einer "Langen Nacht" von Dlf Kultur) erinnern an den vor zweihundert Jahren verstorbenen Komponisten Carl Maria von Weber. Yelizaveta Landenberger ärgert sich in ihrer taz-Kolumne über den in Versprechungen wie "Ferienkommunismus" allzu leichtfertigen Umgang des Berliner Umlandfestivals Fusion mit dem symbolischen Erbe der Sowjetunion. Besprochen werden der Livestream von Madonnas Konzert am New Yorker Times Square (Tsp), Paul McCartneys "The Boys Of Dungeon Lane" (FR) und das Album "Future Present Past" von Irreversible Entanglements (FR).
Vítězslava Kaprálovás rare "Suita rustica", nun von den Berliner Philharmonikern unter Jakub Hrůša gespielt, ist "eine Entdeckung", schreibt Ulrich Amling im Tagesspiegel. Die Komponistin war 1940 im Alter von gerade einmal 25 Jahren auf der Flucht vor den Nazis gestorben. "Ihr Fünfzehnminüter rettet Witz und Gefühlstiefe durch die Düsternis. Die Komponistin versöhnt die Moderne, mit der sie als Strawinsky-Verehrerin und Martinů-Schülerin bestens vertraut war, mit einer spukhaften Lust an Feenstaub. Hrůša rückt das in ein silbriges, fein durchhörbares Klangbild."
Weiteres: Michael Stallknecht (NZZ) und Jürgen König (in einer "Langen Nacht" von Dlf Kultur) erinnern an den vor zweihundert Jahren verstorbenen Komponisten Carl Maria von Weber. Yelizaveta Landenberger ärgert sich in ihrer taz-Kolumne über den in Versprechungen wie "Ferienkommunismus" allzu leichtfertigen Umgang des Berliner Umlandfestivals Fusion mit dem symbolischen Erbe der Sowjetunion. Besprochen werden der Livestream von Madonnas Konzert am New Yorker Times Square (Tsp), Paul McCartneys "The Boys Of Dungeon Lane" (FR) und das Album "Future Present Past" von Irreversible Entanglements (FR).
Bühne

Der künstlerische Direktor Ioannis Mandafounis der "Dresden Frankfurt Dance Company" sorgt dafür, dass FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster im Schauspielhaus Frankfurt endlich wieder Stücke auf "zeitgenössischem Tanzweltniveau" genießen kann. So zum Beispiel die Choreographie "Several Rhythms Sort Thoughtfully" von Thomas Bradley: "Bradleys Stück für fünf Tänzer in Patchwork-Anzügen beginnt mit Gängen in großer Ruhe und bleibt auf unaufgeregte Weise eigen, überlegt und sehr elegant. Es öffnet den Blick für die Schönheiten einer komplett schwarzen, entkleideten Bühne, die von wundervollen Lichtstimmungen räumlich gestaltet wird, indem etwa knallhelle Lichtflure auf den Boden geworfen werden, in die es manche Tänzer förmlich hineinzuziehen scheint. Überwiegend aber herrscht das Erwartungen evozierende Theater-Nichts, das Kahle: no Drama. Dahinein stellen sich die fünf Tänzerinnen und Tänzer mit dem ihnen eigenen Mut. Das allein zu beobachten, ist fantastisch."
"Im dritten Jahr zeigt Raus Intendanz erste Abnutzungen", stellt Uwe Mattheiß in der taz mit Blick auf den Streit um die Ein- und Ausladung Peter Thiels zu den Wiener Festwochen (unsere Resümees) fest: "Rau wurde engagiert, um den Wiener Festwochen Reichweite zurückzubringen, die sie mit den Jahren verloren hatten. Was vor ihm geschah, ist allerdings weniger der Hand seiner Vorgänger geschuldet als dem Strukturwandel im kulturellen Feld. Am besten ging es den Festwochen, als die Arbeitsteilung des Kulturbetriebs noch intakt war. Repertoiretheater spielten den Kanon der gymnasialen Oberstufe rauf und runter; Festivalkultur öffnete den Blick auf Außenseiter, ästhetische Innovationen und die Gurus der (Post-)Moderne. Rau bringt Impact zurück, verteilt aber die Aufmerksamkeitsressourcen von unten nach oben. Das nimmt dem Theaterprogramm den Sauerstoff, das zumindest bis zur Festivalhälfte auch schwächer aufgestellt ist als die beiden Jahre zuvor."
Weitere Artikel: Jürgen Kuttners Reihe "Videoschnipsel" an der Berliner Volksbühne wird nicht verlängert werden, bedauert Peter Laudenbach in der SZ und hält es für eine Fehlentscheidung dieses ganz "eigene Genre zwischen höherem Quatsch, Geistesblitzen und gekonnter Publikumsüberforderung" fallen zu lassen. Besprochen werden Kay Metzgers Inszenierung der Wagner-Oper "Meistersinger von Nürnberg" am Theater Ulm (FAZ) und zwei Einakter an der Wiener Kammeroper: Bohuslav Martinůs "Zweimal Alexander" und Mieczyslaw Weinbergs "Lady Magnesia" (FAZ).
Kunst
"Einn fast unübersehbares Experimentierfeld" ist das Werk des amerikanischen Malers Jasper Johns, das Hans-Joachim Müller für die Welt in der großen Retrospektive im Guggenheim Bilbao bewundern kann: "Es ist durchaus verführerisch, im 'Flaggen'-Motiv eine ironische Anspielung auf die nationale Rolle des abstrakten Expressionismus zu vermuten, der im Kalten Krieg kulturelle Frontdienste leisten sollte. Zumal Johns ja immer nur das US-Symbol gemalt hat und nie zum Flaggentausch bereit war. Keine Trikolore, kein Schwarz-Rot-Gold. Aber wenn man dann zusieht, wie der Maler aus der 'Flagge
auf orangenem Feld' die drei Farben 'yellow, red, blue' destilliert und sie wie auf einer blühenden Wiese verteilt, dann ist man sich doch sicher, dass das Motiv über den Anspielungsverdacht hinaus vor allem dazu dient, unendliche malerische Möglichkeiten zu eröffnen."
In den "Giftschrank der Geschichte" kann Tagesspiegel-Kritikerin Birgit Rieger im Schaudepot in der Zitadelle Spandau greifen. Dort lagern nämlich "Toxische Kulturgüter", also Kunst zum Beispiel aus der NS-Zeit oder der DDR, die man irgendwann von den Straßen entfernen ließ. Die Berliner Künstler Simone Zaugg und Pfelder mit Amer Al Akel wurden eingeladen, sich mit dieser problematischen Kunst auseinanderzusetzen und tun das in der Ausstellung "Zeitfelder - Time Fields" auf ihre ganz eigene Weise, berichtet Rieger, indem sie die Denkmäler kurzerhand in Hochbeeten vergraben: "Die Pflanzen im Beet wie Eibe, Eisenhut und Thuja sind allesamt giftig, manches blüht, was in den dunkel-feuchten Kellern nicht selbstverständlich ist. In der Erde liegen zwei Marmorköpfe aus der NS-Zeit sowie eine Büste von Adolf Hitler, die 2023 gefunden worden ist (...) Man darf alles betasten. Wenn man dann in der Ausstellung - von den Künstlern ermuntert - den Finger ins Beet steckt, spürt man dicht unter der Oberfläche etwas Hartes. Vermutlich Hitlers Marmorschädel, sehen kann man ihn nicht. Tastend erkundet man die Topografie. Die ungewohnte körperlich-sinnliche Begegnung mit der deutschen Geschichte und ihrem schlimmsten Massenmörder löst unterschiedlichste Assoziationen aus. Was bleibt, ist Schmutz unterm Fingernagel und ein starkes Unbehagen."
Weitere Artikel: Nach langem juristischem Streit hatte das Georg-Kolbe-Museum den "Tänzerinnenbrunnen" an die ursprünglichen Erben zurückgegeben (unser Resümee). "Nun ist der Brunnen für 4,98 Millionen Euro (inklusive Aufgeld) versteigert worden", berichtet Marcus Woeller in der Welt: "Ob der Brunnen womöglich als Dauerleihgabe im Garten des Museums bleiben darf, wird die Zukunft zeigen. Dort wäre er wohl gut aufgehoben, denn die kunsthistorische Erschließung des Werks ist längst nicht abgeschlossen."
auf orangenem Feld' die drei Farben 'yellow, red, blue' destilliert und sie wie auf einer blühenden Wiese verteilt, dann ist man sich doch sicher, dass das Motiv über den Anspielungsverdacht hinaus vor allem dazu dient, unendliche malerische Möglichkeiten zu eröffnen."
In den "Giftschrank der Geschichte" kann Tagesspiegel-Kritikerin Birgit Rieger im Schaudepot in der Zitadelle Spandau greifen. Dort lagern nämlich "Toxische Kulturgüter", also Kunst zum Beispiel aus der NS-Zeit oder der DDR, die man irgendwann von den Straßen entfernen ließ. Die Berliner Künstler Simone Zaugg und Pfelder mit Amer Al Akel wurden eingeladen, sich mit dieser problematischen Kunst auseinanderzusetzen und tun das in der Ausstellung "Zeitfelder - Time Fields" auf ihre ganz eigene Weise, berichtet Rieger, indem sie die Denkmäler kurzerhand in Hochbeeten vergraben: "Die Pflanzen im Beet wie Eibe, Eisenhut und Thuja sind allesamt giftig, manches blüht, was in den dunkel-feuchten Kellern nicht selbstverständlich ist. In der Erde liegen zwei Marmorköpfe aus der NS-Zeit sowie eine Büste von Adolf Hitler, die 2023 gefunden worden ist (...) Man darf alles betasten. Wenn man dann in der Ausstellung - von den Künstlern ermuntert - den Finger ins Beet steckt, spürt man dicht unter der Oberfläche etwas Hartes. Vermutlich Hitlers Marmorschädel, sehen kann man ihn nicht. Tastend erkundet man die Topografie. Die ungewohnte körperlich-sinnliche Begegnung mit der deutschen Geschichte und ihrem schlimmsten Massenmörder löst unterschiedlichste Assoziationen aus. Was bleibt, ist Schmutz unterm Fingernagel und ein starkes Unbehagen."
Weitere Artikel: Nach langem juristischem Streit hatte das Georg-Kolbe-Museum den "Tänzerinnenbrunnen" an die ursprünglichen Erben zurückgegeben (unser Resümee). "Nun ist der Brunnen für 4,98 Millionen Euro (inklusive Aufgeld) versteigert worden", berichtet Marcus Woeller in der Welt: "Ob der Brunnen womöglich als Dauerleihgabe im Garten des Museums bleiben darf, wird die Zukunft zeigen. Dort wäre er wohl gut aufgehoben, denn die kunsthistorische Erschließung des Werks ist längst nicht abgeschlossen."
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