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04.06.2026. Wim Wenders bittet Nastassja Kinski plötzlich um Entschuldigung und will den Film fürs erste aus der Öffentlichkeit ziehen: Kalkül, glaubt der Tagesspiegel. Wenders wurde von "Sittenleuchtern und Puritanern" der Schauprozess gemacht, ärgert sich artechock. Die SZ wirft Boualem Sansal, dessen neues Buch "La Légende" in Frankreich erschienen ist, "maßlose Gehässigkeit" vor. Die NZZ gruselt sich in Basel dank Pierre Huyghe vor einsamen Wesen mit pelzigen Ärmchen.
Wendung bei Wenders! Nachdem er für sein Statement beim Deutschen Filmpreis teils heftig gescholten wurde, kündigt der Regisseur nun im Zuge der Debatte um die Nacktszene der damals minderjährigen NastassjaKinski in "Falsche Bewegung" an, den Film fürs Erste aus der Öffentlichkeit abzuziehen. "Ich sehe, dass Nastassja Kinski damals hätte besser beschützt werden müssen. Dafür bitte ich Dich um Entschuldigung, Nastassja, ohne Wenn und Aber", heißt es in einem Statement auf der Website der Wim Wenders Stiftung. "Es ist nötig, dass unsere Gesellschaft angemessene Umgangsweisen für strittige Filmwerke des 20. Jahrhunderts findet und sich neuen Lernprozessen und inklusiven Perspektiven in Bezug auf Filme stellt. In dieser wichtigen Debatte werden wir einen breiten Austausch suchen. ... Erst danach, auch wenn es länger dauern sollte, und nachdem wir eine einvernehmliche Lösung, auch in Absprache mit Nastassja Kinski, haben vorlegen können, werden wir den Film wieder freigeben."
"Ende der Woche wäre der Fall laut Kinskis Anwalt Christian Schertz vor Gericht gegangen, was Wenders' Reputation als Lichtgestalt des deutschen Films vermutlich irreparabelbeschädigt hätte", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Es hat ein paar Tage gebraucht, bis Wenders vom hohen Ross des Großkünstlers abgestiegen ist und die Machtstrukturen reflektiert, die an einem Filmset herrschen. ... Wie viel Einsicht hinter seinem Eingeständnis steckt oder - wie im Fall seiner Filmpreisrede - wie viel Kalkül, ist schwer zu beurteilen."
Auf Artechockärgert sich Rüdiger Suchsland über den Verlauf der Debatte: Wenders werde von "Sittenleuchtern und Puritanern" ein Schauprozess gemacht. Doch wenn, "dann sollte man ihm einen solchen Prozess in ästhetischen Fragen machen. Denn manche Filme von Wim Wenders kann man heute überhaupt nicht mehr angucken. Sie sind künstlerisch unerträglich, und vor allem deswegen spannend, weil man sich dann wundert, dass man so etwas jemals für Kunst halten konnte. ... Die Tatsache, dass jetzt plötzlich alle sich für 'Falsche Bewegung' (1975) interessieren, könnte dazu führen, dass man sich diesen Film einmal wirklich anguckt und sich fragt, was sie eigentlich gemacht haben und gedacht haben, damals in den 1970ern. Aber nicht in der Weise, dass man die Sekunden zählt, in dem der nackte Busen von Nastassja Kinski zu sehen ist, sondern dass man die über Dialoge über Männer- und Frauenbilder, über die Vorstellung von Sehnsucht, über die Idee, was Deutschland ist, wundert und nachdenkt."
"Dao" von Alain Gomis Schwenk ins Gegenwartskino: "Alain Gomis' Epos 'Dao' strotzt in seiner dreistündigen Laufzeit nur so vor Lebendigkeit und emotionalem Facettenreichtum", schreibt Tilman Schumacher im Perlentaucher. Im Mittelpunkt steht die Geschichte einer französisch-guinesischen Familie über Kontinente hinweg. Dies "ist entgegen aller vermeintlichen Metaphysik ein Film, der es versteht, ein Netz aus menschlichen Beziehungen zu weben, das nie künstlich und bloß erdacht, sondern immer als von erlebten Erfahrungen abgeleitet erscheint. ... Ohne viel Diskurssprech zu bemühen, gelingt es der Raum und Zeit überwindenden Kraft des Kinos, eine mehrstimmige Migrations-, Familien- und Kolonialgeschichte sichtbar zu machen. ... Gomis' Film ist bei allem unbestreitbaren Hang zum Konzeptualismus (...) in erster Linie sinnlich, geradezuhaptisch, mit ehrlichem Interesse an der durch die Gemeinschaftsrituale hindurchstrahlenden Individualität seiner Figuren."
Weitere Artikel: Fürs NDspricht Inga Dreyer mit Kilian Armando Friedrich über dessen Putzkolonnen-Drama "Ich verstehe Ihren Unmut", für den er teils auf eigene Erfahrungen als Mini-JobberfüreineGebäudereinigungsfirma zurückgreifen konnte. Im Perlentaucherbescheinigt Alice Fischer dem Film "eine unaufgeregte Authentizität, ohne Voyeurismus oder Sozialkitsch". Christian Bartels empfiehlt im Filmdienst den StreamingdienstFilmfriend, der ausschließlich mit einem Ausweis einer Öffentlichen Bibliothek und also entsprechend günstig nutzbar ist und sich zudem um eine faire Entlohnung der Filmschaffenden bemüht. Gut, dass die HBO-Serie "Euphoria", für ihre erste Staffel einst hochgelobt, nach dem Ende der aktuellen Staffel nun eingestellt wird, findet Inga Barthels im Tagesspiegel, denn zuletzt "wirkte das Ganze doch wie die Fantasien eines Teenager-Jungen, der zu viele Quentin-Tarantino-Filme geschaut hat".
Besprochen werden Jan Komasas Komödie "Good Boy - Wir wollen nur dein Bestes" (taz, SZ), Simon Ostermanns "Sommer auf Asphalt" mit Christoph Maria Herbst und Mala Emde (Welt), Travis Knights Spielzeug-Adaption "Masters of the Universe" ("kracht und macht Spaß - wenn man keine großen Ansprüche hat", versichert Florian Kaindl in der SZ) und eine Edelausgabe auf BluRay von BillyWilders Klassiker "Manche mögen's heiß" (FD).
Jon Rafman, Main Stream Media Network, 2025, Video still, Courtesy the artist und Sprüth Magers Amüsant, gruselig und doch "betörend" findet Boris Pofalla in der Welt die erste Werkschau des Kanadiers Jon Rafman in der Kunsthalle Nordrhein-Westfalen. An der Seite des Künstlers begegnet Pofalla verlorenen Seelen auf Serverfarmen, lugt in versiffte Gamerzimmer und staunt, wie der Künstler alles, was das Bildschirmzeitalter bisher hervorgebracht hat, zu Kunst macht, mittels Videoinstallationen oder Gemälde, etwa in der Serie "ebrah k'dabri": "Umgangssprachlich ist die hebräische Formel als 'Abrakadabra' bekannt und bedeutet sinngemäß: 'Ich erschaffe durch das Wort' oder 'Ich erschaffe, wie ich spreche'. Es sind auf die Leinwände aufgedruckte Darstellungen von Menschen in extremen Situationen. Geschmolzene Visagen. Unwahrscheinliche Körper. Es sind wirklich interessante Bilder, geschaffen mit Prompts, also mit Worten. Aus der Maschine so etwas an sich Unzureichendes herauszuholen, war vor ein paar Jahren einfach möglich. Heute, sagt Rafman, ist die Bilderstellung viel zu ausgefuchst, um derart krude Darstellungen auszugeben, man müsste sie sozusagen künstlich wieder verdummen."
Und auch Philipp Meier (NZZ) wird in eine andere Welt katapultiert, wenn ihm in der Pierre-Huyghe-Schau in der Fondation Beyeler in Baselatmende fötale Gebilde in Glaskästen oder sich über den Boden windende "milchig weiße" Regenwürmer begegnen. Dabei spielt Huyghe stets mit unserer für "Unheimlich-Lebendiges begabten Vorstellungskraft", etwa in der Arbeit Videoarbeit "Human Mask" von 2014, die uns in eine seit Fukushima verlassene japanische Kneipe führt, in der ein Wesen mit Mädchenmaske umherirrt: "Es tappt in die Küche, wo in verrotteten Nahrungsmitteln Insektenlarven gedeihen. Es hockt auf Tatami-Matten, schreckt manchmal auf durch ein fernes Grollen. Von draußen hört man den blechern hallenden Singsang einer weiblichen Lautsprecherstimme auf Japanisch, die in dem radioaktiv verseuchten Sperrgebiet Warnhinweise durchgibt. Aus der dunklen Schuluniform des maskierten Wesens kommen pelzige Ärmchen und Beinchen zum Vorschein. Man wird gewahr, dass die Kreatur ein verkleideter Affe ist. Für die 19-minütige Videoarbeit drehte Pierre Huyghe mit dem dressiertenMakaken-ÄffchenFuku-chan, das in einer Sake-Kneipe im Norden Tokios als Servierfräulein mit Perücke und Nō-artiger Maske die Gäste bediente."
Ein vollständiges Panorama frühsowjetischer Avantgardekunst bietet die Sammlung von George Costakis zwar nicht, dafür umso mehr Überraschungen aus der Bandbreite der Avantgarde von 1910 bis 1930, staunt Bernhard Schulz (taz) in der Ausstellung "The Avant-Garde World" in der Athener Nationalgalerie. Etwa den "hierzulande unbekannten Solomon Nikritin, dessen Werk erstaunlich genug fast immer figurativ blieb, aber alles andere als naturalistisch oder gar heroisch. Seine 'Schreiende Frau' und vor allem die monochrome 'Trinkende Frau', beide von 1928, sind denkbar weit entfernt von den zunehmenden Vorgaben der kommunistischen Partei. Aber das gilt ebenso für die wie ein Puzzle zergliederte Malerei von Pawel Filonow, etwa den 'Kopf' von 1926."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In Frankreich ist "La Légende" erschienen, Boualem Sansals Buch nicht nur über sein Jahr in Gefangenschaft des algerischen Regimes, sondern auch über die Umstände seiner Freilassung. In jener Passage "taucht das Buch ab in eine maßlose Gehässigkeit gegen die, die sich unermüdlich für ihn engagiert hatten", stutzt Oliver Meiler in der SZ. Hintergrund: Frankreich und Sansals Verlag hätten sich gegenüber Algerien allzu servil verhalten. Ein besseres Lektorat und generell etwas mehr Ausgeruhtheit hätten dem Buch wahrscheinlich genutzt, meint Meiler: "Doch Sansal und Bolloré wollten nicht warten. ... Das Buch soll das politische Klima befeuern. 2027 finden in Frankreich Präsidentschaftswahlen statt, und die favorisierte extreme Rechte stilisiert die alten Animositäten zwischen Frankreich und Algerien, seiner früheren Kolonie, gern hoch zum Kampf der Zivilisationen."
Außerdem: Im NDgibt Vincent Sauer Tipps aus der Welt der avantgardistisch-experimentellen Literatur, darunter Sonja vom Brockes Lyrikband "Blauer Ton", den unsere Lyrik-Kolumnistin Marie Luise Knott bereits an dieser Stelle vorgestellt hat. Helene Röhnsch resümiert in der FAZ die Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die in Halberstadt zum Thema "Freundschaft in Zeiten des Streits" stattfand. Besprochen werden unter anderem Asako Yuzukis "Tokyo Girls Club" (taz) und JérômeLeroys "Die kleine Faschistin" (Jungle World). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Beate Scheder trifft sich für die taz mit der neuen Intendantin des Berliner Gorki Theaters Çağla Ilk und deren Dramaturg Ludwig Haugk, die ihr die Pläne für die kommende Spielzeit verraten. Auch tagsüber soll das Gorki künftig geöffnet sein, überhaupt wolle man offener werden: "Künstler:innen und Regisseur:innen habe sie deshalb ausgewählt, die offen seien für ein 'übergreifendes Denken'. Die immer wieder eine andere Wahrnehmung schaffen. Von einer anderen 'Weltwahrnehmung' spricht Haugk gar. Und die sich ein bisschen weniger an Begriffen festhalten. Dem des Sprechtheaters etwa, das Kritiker:innen am Gorki bereits jetzt vermissen. Oder dem des postmigrantischen Theaters."
Weitere Artikel: Für die tazresümiert heute Hilka Dirks die Pressekonferenz, auf der Matthias Lilienthal seine Pläne für die neue Spielzeit der Volksbühne bekannt gab. Besprochen wird außerdem das Stück "9/11 Frames Per Second" von Claudia Rankine, Myassa Kraitt, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Sivan Ben Yishai und Eyal Raz am Schauspielhaus Wien (nachtkritik).
Sehr dankbar nimmt VAN-Kritiker Albrecht Selge das Angebot des auf den Nachwuchs der Musikhochschulen spezialisierten Berliner Festivals Crescendo in Anspruch, selten gespielte Stücke live zu erleben - darunter "Farben der Frühe", eine Arbeit von Mathias Spahlinger aus dem Jahr 2005 für sieben Klaviere. Dabei erklingen "zwar weniger als die 11.000 Saiten von Georg Friedrich Haas, aber hier vergehen einem Hören und Sehen ohnehin ganz anders als im haasschen Mikrotonrausch. Denn bei Spahlinger sind die sieben Flügel klassisch gestimmt und werden praeter propter traditionell gespielt, getastet und geschlagen. Das vierzigminütige Klangergebnis ist gleichwohl extrem" und lässt einen "von einer rauschhaften Erfahrung erfasst werden, bald erschlagener Weise, bald selig davongetragen. Hier Klangballungen, dort 'gleiche Töne', die ganz verschieden seitwärts durch den Fächerflügel schwirren; ein immergleiches, immer verschiedenes Des ist es, das im zentralen dritten Satz nicht etwa monoton einlullt, sondern im Gegenteil in radikaler Konzentration Ohrwelten öffnet."
Weitere Artikel: Hartmut Welscher spricht für VAN mit dem Geiger Augustin Hadelich, der nach ersten Jahren als "Wunderkind" im deutschen Klassikbetrieb in die USA migrieren musste, um Karriere zu machen, nur um jetzt auch von europäischen Konzerthäusern als Talent entdeckt zu werden. Olga Prykhodko stöbert für VAN in den Archiven nach Arbeiten von Maksym Berezowsky, die erst um 2000 herum dort wiederentdeckt wurden. Merle Krafeld spricht für VAN mit der Dirigentin RomelyPfund, die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum feiert. Martin Rempe blickt für VAN zurück auf zwanzig Jahre Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, das sich hier online nutzen lässt und von dem Rempe sich wünscht, dass es künftig mit einem KI-Chatbot insbesondere für interessierte Laien noch nutzbarer gemacht werde. In der NZZ gratuliert Christian Wildhagen Cecilia Bartoli zum sechzigsten Geburtstag. Besprochen wird eine Netflix-Doku über KylieMinogue (Freitag).
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