Szene aus "Eichmann - wo die Nacht beginnt". Foto: Yoshiko Kusano Der Frage nach dem Ursprung des Bösen widmet sich Roger Vontobel an den Bühnen Bern mit Stefano Massinis Stück "Eichmann - wo die Nacht beginnt" und Nachtkritiker Andreas Klaeui scheint vor allem von der Leistung der Schauspieler, die Eichmann und Hannah Arendt geben, beeindruckt: Claudius Körber "spielt das Böse als das Reguläre, er spielt nicht den Zynismus, der in der Eichmann-Figur angelegt ist, das macht den Zynismus umso größer. Immer bleibt er der kleine Junge, der einen guten Eindruck machen will, der Beste im System. Am Ende sind es opportunistische Karriere-Manöver, an denen die Massaker von Millionen Menschen hängen. Lucia Kotikovas Arendt geht dem mit Überlegenheit auf die Spur, sie betrachtet ihr Objekt wie ein Insekt, die unangezündete Zigarette in der Hand, umkreist ihre Fallstudie dozierend wie im Hörsaal, nagelt Eichmann fest mit unerbittlicher Präzision, wenn er sich in Whataboutismus und Euphemismen flüchtet, begegnet seiner opportunistischen Willfährigkeit immer mal auch mit Ironie. Die Kontrolle verliert sie einzig bei der Frage nach dem Beweggrund. Warum ging Eichmann den entscheidenden Schritt weiter?"
Weitere Artikel: Im taz-Gespräch erklärt die argentinische Choreografin und Tänzerin Constanza Macras, deren Stück "Back to the Present" nun nach mehr als 20 Jahren wieder an der Volksbühne aufgeführt wird, was die Haushaltskürzungen des Senats für die Berliner Kultur bedeuten: "Ich habe in den neunziger Jahren in New York erlebt, was passiert, wenn der Kultur die Gelder gekürzt werden. Man konnte nur noch Arbeiten machen, die sich kommerziell verkaufen ließen - nicht das Beste für Kunst."
Besprochen werden Beat Furrers kolonialismuskritische Oper "Das große Feuer" nach Sara Gallardos Roman "Eisejuaz" am Opernhaus Zürich (Zeit, VAN, Backstageclassical) und Nuran David Calis' Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs "Lied vom Rand der Welt", eine Neufassung von Johann Strauss' "Zigeunerbaron" im Wiener Museumsquartier (Standard) und Maximilian Schusters Inszenierung von Marius von Mayenburgs Kammerspiel "Nachtland" an der Landesbühne Nord (taz).
Opera Forward Festival - Codes. Foto: Michel Schnater Joachim Lange besucht für die taz das Amsterdamer Opera Forward Festival. Hier wird der Versuch unternommen, die Kunstform Oper einem neuen, jüngeren Publikum nahezubringen und im Großen und Ganzen scheint dies zu gelingen. Besonders gefällt Lange "das von Gregory Caers mit 170 (!) Jugendlichen inszenierte Stück 'Codes'. Es ist faszinierend, wie hier die jungen Akteure einzeln und dann in kleinen und immer größer werdenden Gruppen nach ihren Bewegungs- und Ausdrucksritualen im Umgang mit unterschiedlichen Lebenssituationen suchen, dabei verschiedene Erfahrung machen und immer wieder in neue Bewegungsmuster übersetzen und dabei singen und auch sprechen. Man kann nur staunen, wie man eine solche Masse auf einer Bühne in ein Ensemble verwandeln kann, das mit seiner Kraft fasziniert - Einzelnen ihren Auftritt verschafft und am Ende alle in den Bann zieht."
Außerdem: Das Berliner Ensemble, berichtet der Tagesspiegel, spielt wieder Jorinde Dröse und Claude De Demos Stück "#Motherfuckinghood", das die beiden Regisseurinnen nach Mobbingvorwürfen gegen die Leitung des Hauses ausgesetzt hatten. Besprochen wird Tschaikowskis "Iolanta" in Evgeny Titovs Inszenierung an der Wiener Staatsoper (Standard, "Coming-of-Age-Geschichte im Hyperkitsch").
Szene aus "Das große Feuer" am Opernhaus Zürich. Beat Furrer hat es am Opernhaus Zürich geschafft, ein Musiktheater über das Verhältnis des Menschen zur Natur auf die Bühne zu bringen, ohne eine reine "Öko-Oper" zu konzipieren, oder zu "zeitgeistig" zu werden, freut sich Kritiker Christian Wildhagen in der NZZ. Furrer hat sich den 1971 erschienenen Roman "Eisejuaz" der argentinischen Schriftstellerin Sara Gallardo zum Vorbild genommen und erzählt in "Das große Feuer" die Geschichte vom Anführer eines indigenen Stammes, der von spanischen Kolonisatoren bedroht wird. Auf einfachen Schwarz-Weiß-Schemata ruhe sich die Oper aber nicht aus, allein schon diese Hauptfigur, genannt Eisenjuaz, ist ein komplexer Charakter der zwischen animistischem Naturverständnis und dem Einfluss der Kolonisatoren, vor allem in Gestalt des Rassisten Paqui, hin- und hergerissen ist. Musikalisch findet Wildhagen das sowieso großartig: "In einer Art obligatem Soundtrack, der dem Stück eine zweite Ebene verleiht, macht er die Stimmen des Waldes, der Tiere, ja der Flüsse und Wolken hörbar, für die einer wie Paqui keine Ohren besitzt, die aber auch in Eisejuaz, zu dessen Kummer, mehr und mehr verstummen. So farbig und suggestiv tönt das, dass man ab und an die Augen schließen und bloß lauschen möchte."
Etwas anders sieht es FAZ-Kritiker Jan Brachmann, für den Furrer und Dramaturg Thomas Stangl einen seltsamen Spagat hinlegen, wenn sie im Programmheft betonen, "dass sie keinen billigen Exotismus wollen, dass sie keine kulturelle Aneignung betreiben, dass sie den Techniken und Prinzipien westeuropäischer Kunst treu blieben, letztlich dass sie keine Kolonialisten seien. Aber natürlich machen sie dabei das Schicksal eines indigenen Volkes, dessen Kultur und Lebensraum zerstört wird, zum Brennstoff ihrer eigenen Kunst, um ihr eine größere Dringlichkeit zu verleihen." Trotzdem kann Brachmann einigen Szenen ihre Intensität nicht absprechen: "Wenn die Frauenstimmen des Vokalensembles Cantando Admont, teils vierteltönig verdichtet, als Tierengel von Eidechse, Nandu, Gürteltier und Rokokokröte auf Eisejuaz einsingen, klirrend schrill, von den wortlos schreienden Holzbläsern der Philharmonia Zürich unterstützt, wird die Begegnung mit dem Heiligen als Erfahrung von Gewalt beschrieben."
Weiteres: Egbert Tholl unterhält sich für die SZ mit dem neuen Intendanten der Hamburger Staatsoper Tobias Kratzer. Besprochen wird Christian Breys Inszenierung des Musicals "The Addams Family" am Staatstheater Mainz (FR).
Szene aus "Bauern, Bonzen und Bomben" am Staatstheater Dresden. Foto: Sebastian Hoppe "Ein Sitten- und Unsittengemälde der späten Weimarer Republik" zeichnete Hans Fallada in seinem Roman "Bauern, Bonzen und Bomben", den Tom Kühnel nun für das Staatsschauspiel Dresden auf die Bühne gebracht hat, erklärtnachtkritiker Michael Bartsch und staunt, wie frappierend die Parallelen mit der Gegenwart sind. Die "Landvolk-Proteste" von 1929 lassen ihn an die Bauerproteste letztes Jahr denken, aber die Inszenierung führe auch "eindringlich" vor, "wie Filz, Egoismus und Amoral generell Radikalisierungen begünstigen": "Die angedeutete politische Kulisse lässt KPD und NSDAP als gleich schlimme Gefahren erscheinen. In dieser Agonie der Werte wird der Ruf nach einer irgendwie gearteten Staatsräson lauter, nach einer stabileren, womöglich eisernen Ordnung. Bestürzend, wohin das führt: Auf dem Tisch der Bürgermeisterin steht neben dem SPD-Aufsteller plötzlich die Hakenkreuz-Tischflagge." Nicht gerade optimistisch, aber dafür kann sich Bartsch an einem "durchweg hochklassigen" Ensemble erfreuen: "Es knistert ununterbrochen. Grandios infam, wie uns diese arroganten, lächerlichen bis insuffizienten Typen so vertraut vorkommen."
Besprochen werden außerdem Katharina Wagners Inszenierung von Wagners "Lohengrin" am Gran Teatre del Liceu in Barcelona (Eleonore Büning feiert in der NZZ Wagners Comeback als Opernregisseurin), Oliver Frljićs Inszenierung von "Frankenstein" nach dem Roman von Mary Shelley am Gorki-Theater Berlin (nachtkritik), Julia Wisserts Adaption von Necati Öziris Roman "Vatermal" am Theater Dortmund (nachtkritik), Aureliusz Śmigiels Inszenierung von Yael Ronens und Shlomi Shabans Stück "Bucket List" am Deutschen Theater Göttingen (nachtkritik), Mirjam Loibls Stück "Das Floß der Medusa" am Theater Magdeburg (nachtkritik), Peer M. Ripbergers Inszenierung von seinem Stück "Die Sparmaßnahme" am Zimmertheater Tübingen (nachtkritik), Adam Linders und Ethan Brauns Konzertchoreographie "Tournament" auf dem Hamburger Kampnagel (FAZ), Karin Henkels Adaption von Tove Ditlevsens Roman "Die Abweichlerin" am Schauspielhaus Hamburg (FAZ), Michael Webers Inszenierung von "Hölderlin. HYPERION" in der Naxoshalle in Frankfurt (FR), Jan Friedrichs Inszenierung von "Das Ende von Eddy" nach Édouard Louis am Staatstheater Mainz (FR), Stas Zhyrkovs Inszenierung von Maryna Smilianets Stück "Willkommen am Ende der Welt" am Schauspiel Stuttgart (taz), Bülent Özdils Adaption von Andrei Tarkowskis Spielfilm "Der Spiegel" des Deutschen Staatstheaters Temeswar (taz) und Christoph Diems Inszenierung "Nosferatu" nach dem Film Friedrich Murnaus am Staatstheater Braunschweig "(taz).
Szene aus "Alles ist erleuchtet". Bild: Tommy Hetzel. Zehn Jahre nachdem Mina Salehpour Jonathan Safran Foers Holocaust-Roman "Alles ist erleuchtet" in Hannover auf die Bühne brachte, hat sie ihr Stück nun für das Wiener Burgtheater inszeniert, aber Nachtkritikerin Gabi Hift kann sie nicht gänzlich überzeugen: Sie vermisst "die Vielschichtigkeit und Fabulierlust des Romans, der immer dann, wenn die zu erzählende Wirklichkeit über das erträgliche Maß hinausgeht, zu den Sternen ausweicht, oder in wilde Sexgeschichten, zu Magie und philosophischen Weisheiten."
Besprochen werden Melanie Schmidts Inszenierung "Schräge Vögel" nach Aristophanes und Caren Jeß am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik), Christian Weises Inszenierung von Selina Fillingers Stück "Die Schattenpräsidentinnen" am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik) und "Dirty Laundry. The TrashOpera" von Nicoleta Esinencu und teatru-spălătorie am Berliner HAU (nachtkritik).
"Maria Stuarda" an der Hamburger Staatsoper. Bild: Brinkhoff/Mögenburg.
Die Staatsoper Hamburg gibt Gaetano Donizettis Oper "Maria Stuarda" in der Inszenierung von Karin Beier und Taz-Kritikerin Karin Ullmann lässt sich begeistern von der Geschichte um die um den Thron rivalisierenden Schwestern Maria und Elisabetta: Ullmann erzählt "vom Kampf zweier Rivalinnen, aber auch von deren Ausweglosigkeit und unverrückbaren Grenzen. Mit Doubles, die sie den Sängerinnen zur Seite stellt, bebildert sie im Hintergrund die Innenwelten der Figuren, schafft zum unsterblichen, politischen Körper einen privaten und endlichen. Dann erzählen fein choreografierte Szenen von Verletzlichkeit, menschlicher Schwäche, Sehnsucht und Verführung. Es sind starke Bilder voll unerbittlicher Klarheit, die Beier an diesem Abend schafft. Mit ihnen gelingt eine eindrucksvolle Inszenierung über Politik und Macht, Hass, Liebe und Menschlichkeit."
Weiteres: Simon Strauss erinnert in der FAZ an Peter Brook, den "wichtigsten Erneuerer des zeitgenössischen europäischen Theaters", er wäre heute hundert Jahre alt geworden. Möglicherweise schrumpft die Schauspielsparte bei den Salzburger Festspielen zusammen, entnimmt Margarete Affenzeller im Standard der Kuratoriumssitzung von Montag. Marco Frei unterhält sich für die NZZ mit dem Komponisten Beat Furrer, dessen Oper "Das große Feuer" an diesem Sonntag in Zürich uraufgeführt wird.
Szene aus "Katja Kabanova". Bild: Geoffrey Schied Reinhard J. Brembeck (SZ) geht geradezu in die Knie vor Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Leoš Janáčeks brutaler Milieustudie "Katja Kabanova" an der Bayerischen Staatsoper. Es geht um eine junge rebellische Frau, die von einer unterdrückerischen Dorfgemeinschaft in den Suizid getrieben wird. Vor allem die Leistung der amerikanischen Sopranistin Corinne Winters verschlägt Brembeck den Atem: Ihre Katja wäre "so gern eine unbeschwerte junge Frau. Sie spielt das zu Beginn überwältigend komisch befreit. Doch diese Frau darf sie in diesem Dorf und dieser Unterdrückergesellschaft nicht sein, sie soll wie die Alten devot sein, verlogen, funktionierend. Dagegen rebelliert es in ihr, so mächtig, dass sie sich nicht dagegen wehren kann, obwohl sie weiß, dass diese Rebellion ihren Tod bedeuten wird. Es ist faszinierend, Corinne Winters bei diesem Prozess zuzuschauen, zuzuhören. Wie sie in Stimme und Spiel konziser wird und jede Konzilianz aufgibt. Wie sie zur Rebellin reift, die am Ende, als alle anderen Lösungsmöglichkeiten gescheitert sind, nur noch den Tod sucht und wünscht."
In der Welt nimmt Jakob Hayner den am Frauentag erschienen Spiegel-Artikel zum mutmaßlichen Mobbing von Müttern am Berliner Ensemble auseinander (Unsere Resümees). Der Artikel sei "ein perfektes Beispiel für eine Verdachtsberichterstattung, die gefährlich diffus im Atmosphärischen fischt", meint Hayner. Die inzwischen freigestellte Abteilungsleiterin der Maskenabteilung kam gar nicht erst zu Wort, die Zustände in der Abteilung seien zudem auf das ganze Haus übertragen worden, und: "Eine gewisse Unschärfe schleicht sich auch bei den Berichten der Frauen über die vorgeblichen Schikanen durch die Abteilungsleiterin ein. So reiht sich in die Aufzählung der Verfehlungen ein, dass man an freien Tagen die Stadt nur mit einem Antrag auf widerruflichen Urlaub verlassen dürfe. Das klingt für die meisten arbeitenden Menschen vermutlich tyrannisch, ist aber am Theater üblich und auch im Standardvertrag so geregelt."
Besprochen wird außerdem "Die ersten hundert Tage" von Lars Werner am Deutschen Theater Göttingen (taz), "Dirty Laundry. The TrashOpera", welches das Theaterkollektiv teatru-spălătorie im Rahmen des Festivals "Every Day!" am Hebbel am Ufer in Berlin spielt (taz), Robert Carsens Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper "Die Ausflüge des Herrn Brouček" an der Berliner Staatsoper, mit Simon Rattle am Pult (van), Lorenzo Fioronis Inszenierung von Kaija Saariahos Oper "Innocence" an der Semperoper Dresden (van) und Katharina Wagners Neudeutung des "Lohengrin" am Gran Teatro del Liceu in Barcelona (FAZ).
Im Tagesspiegelzeigt sich auch Eleonore Büning angetan: "Ein intensives Kammerspiel, typisch für den Regiestil Wagners: Jede Figur wird hinterfragt. Keiner und keinem ist zu trauen. In dieser zeichenhaft filigran verhäkelten Inszenierung gibt es ein paar Lacher, die im Halse stecken bleiben. Auch offene Enden. Aber keine Sekunde leere Zeit."
Weitere Artikel: Die deutschen Theater wurden gestern bestreikt - aber nur eine halbe Stunde lang, wie Michael Wolf auf nachtkritikdurchgibt. Ebenfalls in der nachtkritikdenkt Maya Seidel in ihrem Ameisen-Videotagebuch über richtige und falsche Methoden nach, Theater für ein junges Publikum zu machen. Patrick Wildermann berichtet im Tagesspiegel von der prekären Situation am Berliner Theater Ramba Zamba. Einen "gehobenen(n) Boulevardabend" der Extraklasse erlebt Welt-Kritiker Jakob Hayner mit Marius von Mayenburgs neuem Stück "Ex". Der Autor inszeniert seine bissige Beziehungskomödie an der Berliner Schaubühne selbst und hat dafür wunderbare Darsteller zur Verfügung: "Sebastian Schwarz und Marie Burchard spielen dieses vom eigenen Erwartungsdruck geknechtete Paar zum Niederknien."
Besprochen werden Ersan Mondtags Verdi-Inszenierung "La forza del destino" an der Opéra de Lyon (Welt, "gehört nicht zu Mondtags allerstärksten Inszenierungen"), eine "Tosca"-Inszenierung am Staatstheater Wiesbaden (FR), Kaija Saariahos Oper "Innocence" an der Semperoper Dresden (VAN) und Leoš Janáčeks "Die Ausflüge des Herrn Brouček" an der Berliner Staatsoper Unter den Linden (VAN).
Bild: Szene aus "Die Ausflüge des Herrn Brouček". Foto: Arno Declair Wie bringt man Leoš Janáčeks selten gespielte Oper "Die Ausflüge des Herrn Brouček" zeitgemäß auf die Bühne? So wie Robert Carsen an der Staatsoper Berlin, freut sich Katharina Granzin (taz), die nicht nur dem Witz und der "visuellen Opulenz" erliegt, sondern auch gutheißt, wie Carsen die Story um den saufenden Brouček, der unvermittelt in die Religionskriege des 15. Jahrhunderts gerät, in die späten Sechziger verlegt: "Schicksalsjahre für die damalige Tschechoslowakei, bewegte Zeiten auch für den Rest der Welt. In der Mondwelt agiert ein hinreißend bizarres Ballett elfenhafter Außerirdischer und eine selbstverliebte Hippie-Gesellschaft, in die Brouček passt wie die Faust aufs Auge. Der surrealistische Space-Zirkus wird im zweiten Teil der Oper von blutigem Ernst abgelöst: Carsen hat die Hussitenwelt der Vorlage in die Zeit der Niederschlagung des Prager Frühlings überführt. Ein gigantisches Fernsehbild in Bühnenraumgröße zeigt uns Videos zum Zeitgeschehen, sowjetische Panzer auf den Straßen von Prag, demonstrierende Zivilisten, die Kneipenszenerie der Bühne ist mit Aufschriften in mehreren Sprachen versehen, darunter auf Russisch: 'Idite domoj - Geht nach Hause'. Die beklemmende Ahnung stellt sich ein, dass Geschichte sich ständig wiederholt."
Das Stück wird so selten gegeben, "dass es für den führenden Janáček-Dirigenten unserer Tage, Sir Simon Rattle, nun das erste Mal war, dass er das Stück dirigierte", staunt Clemens Hauenstein in der FAZ. Und dennoch klang es, "als habe er bereits eine lange Aufführungsgeschichte mit dem 'Brouček' hinter sich: traumwandlerisch sicher im Umgang mit Janáčeks sprunghafter, schroff die Gemütszustände wechselnder Klangsprache, mit tiefem Verständnis für die rhythmischen Triebkräfte dieser Musik, mit genießerischem Sinn für die plötzlichen, exaltierten Ausbrüche. Die treten selten in Form eines feurigen Sturms auf, viel häufiger als ein Säuseln von Melancholie und Nostalgie. Von fernher scheinen bei Rattle diese Melodien zu kommen, vom Wind aus vergangenen Zeiten herübergetragen, süß tönend. Bläserstimmen mischen sich in Terzen oder Sexten hinein und erzählen von einem intakten Verhältnis zwischen Menschen und Natur."
Weitere Artikel: In der tazporträtiert Dorothea Marcus die junge Regisseurin Rebekka David, die Klassiker der Weltliteratur weiterschreibt und auf die Bühne bringt, aktuell das Stück "Kohlhaas - Can't get no satisfaction" in Bonn. Im Gespräch mit der nachtkritik verraten Pınar Karabulut und Rafael Sanchez, die das neue Leitungsduo des Schauspielhaus Zürichs bilden, ihre Zukunftspläne für das Haus. Nach den im Spiegel erhobenen Vorwürfen wegen Ungleichbehandlung von Müttern in der Maskenabteilung im Berliner Ensemble, liegen auch der FAZ Vorwürfe, in diesem Fall gerichtet gegen Intendant Oliver Reese, dem Machtmissbrauch unterstellt wird, berichtet Sophie Klifeisen, die die anonym erhobenen Vorwürfe aber mit Vorsicht behandelt. Besprochen wird Johan Simons' Inszenierung von Alfred Jarrys "Ubu" am Thalia-Theater in Hamburg (taz).
Szene aus "Echnaton" an der Komischen Oper Berlin. Foto: Monika Rittershaus. Eine "archaische Kraft" bricht sich Bahn in Barrie Koskys Inszenierung von Philip Glass' Oper "Echnaton", staunt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel. Kosky bringt die Geschichte von Echnaton, dem altägyptischen König, der den Sonnengott Aton zum einzig wahren Gott erklärte und damit als Mitbegründer des Monotheismus gelten kann, "bildmächtig" auf die Bühne der Komischen Oper Berlin, und auch die Musik kann sich hören lassen, lobt Schaper: "Der Begriff Minimal Music, oft bei Philip Glass benutzt, hat etwas Missverständliches, Verniedlichendes. Tatsächlich entladen seine melodischen Schleifen eine meditative Energie, mit der man irgendwo auf einer höheren Ebene, zwischen Barock und Rave landet. Jonathan Stockhammer, im Umgang mit Glass-Partituren erfahren, leitet das Orchester der Komischen Oper mit ansteckender Disziplin auf diese Flächen kosmischer Weite. Das bleibt lange danach im Ohr, im Kopf, im Körper."
Das russische Bolschoi-Ballett führt die Choreografie "The Bright Stream" des ehemaligen Direktors Alexei Ratmanskys auf, ohne seinen Namen zu erwähnen, berichtet Wiebke Hüster in der FAZ. Ratmansky positioniert sich klar gegen Putin und lebt seit 2009 in New York. In einem Statement auf Social Media, aus dem Hüster zitiert, wendet sich Ratmansky an das Theater: "Merkt euch: Jeder Schritt, den ihr in diesem Ballett macht, ist gestohlen. Jeder Applaus hallt wider von Heuchelei."
Weiteres: In der FAZ berichtet Gerald Felber vom Lyoner Opernfestival. Christina Gegenbauers Inszenierung von Akın Emanuel Şipals Stück "Mutter, Vater, Land" am Landestheater Detmold (nachtkritik), Lilja Rupprecht Inszenierung von "Die Vögel" am Schauspielhaus Zürich (FAZ), Tobias Herzbergs Inszenierung von Eve Leighs Stück "Verbranntes Land" (Salty Irina) am Schauspielhaus Wien (nachtkritik), Christoph Marthalers und Anna Viebrocks Inszenierung von "Wachs und Wirktlichkeit" an der Berliner Volksbühne (SZ, taz), Peter Jordans Inszenierung von "Don Quijote" nach dem Roman von Cervantes am Schauspiel Frankfurt (FR, FAZ).
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