"Die Meistersänger von Nürnberg." Foto: Enrico Nawrath.
Alles, was Rang und Presseausweis hat, weilt dieser Tage bei den Bayreuther Festspielen, um sich Matthias Davids' Inszenierung von Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" zu Gemüte zu führen, die Daniele Gatti dirigiert. Jan Bachmann freut sich in der FAZ, wie geschickt Davids mit der deutschnationalen Prägung des Stücks rund um den "Meistersinger" Hans Sachs umzugehen weiß: "Lichterbogen vor weißblauem Himmel, davor eine aufgeblasene Kuh im Keith-Haring-Design, die alles überwölbt und mit vier erigierten Zitzen, die die Form von bunten Kondomen im Belastungstest haben, nach oben strebt. (…) Wenn Georg Zeppenfeld, ein Ausbund an vokaler Intelligenz, als Sachs den von deutschen Regisseuren gefürchteten deutschnationalen Schwenk in der Schlussansprache macht, zieht Beckmesser - Michael Nagy, noch so ein Ausbund an vokaler Intelligenz - den Stromstecker für die Kuh und lässt die Luft aus der Sache. Mit so viel Witz und Leichtigkeit hat seit Langem kein Regisseur, im Verbund mit seinem Bühnenbildner, diese heikle Stelle gemeistert. Dass Sachs den Stecker wieder einsteckt, macht die Kuh auch zur Metapher für die Aufgeblasenheit jenes Postulats einer nationalen Überlegenheit der deutschen Kunst."
Dabei singt der Tenor Michael Spyresfür Stefan Ender im Standard "mit einer Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit und Spontaneität, die ihresgleichen suchte. Diese gesanglichen Charakteristika passten gut zu der Sonnyboy-Lockerheit, mit der ihn Davids in Szene setzt. Susanne Hubrich wiederum hat dem vokalen Revoluzzer einen Schlabberjeanslook verpasst, der die Assoziationen Provinz und Hilfsarbeiter aufploppen ließ. Wenn Hubrichs Kostüme am Ende Revue passierten - den Showdown auf der Festwiese zeigt Davids als eine Art Musikantenstadl im Kinderkanal -, wurde einem vor Augen geführt, wie vielfältig Hässlichkeit doch sein kann."
Egbert Tholl zeigt sich in der SZ eher enttäuscht: "Katharina Wagners Idee, für die Regie den Linzer Musical-Profi Matthias Davids zu engagieren, ging insofern auf, als er viele Sachen sehr munter und lebendig löst. Figuren, die normalerweise gar nicht in der Szene vorhanden sind, beleben diese, die Lehrbuben, die ja gleichermaßen auch, nun ja, Lehrmädchen sind, gehen als singende und tanzende Musicaltruppe durch. Und die Festwiese ist eine lebendig durchchoreografierte Veranstaltung. Aber: Es ist alles schrecklich harmlos. Die Monologe von Sachs und Pogner, die Potenzial für inhaltliche Auseinandersetzung hätten, rauschen so durch, das finale, so oft schon als Aufreger inszenierte, weil halt wirklich problematische Heil der heiligen deutschen Kunst ist hier ein Pfft."
Weiteres: Propalästinensische Demonstranten haben Andreas Bablers Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele gestört, meldet die Zeit mit Bezug auf die Agenturen, der Standardweiß, dass sechs von ihnen zwar angezeigt wurden, mittlerweile aber wieder auf freiem Fuß seien. Die tazporträtiertErich Sidler, der das Deutsche Theater Göttingen seit nun schon zehn Jahren leitet und denkt über Lucinda Childs nach, "eine Ikone des Postmodern Dance."
Besprochen werden: Die Salzburger Festspiele geben Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit", inszeniert von Dušan David Pařízek als Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater (FAZ, SZ, Nachtkritik, Standard), Dmitri Tcherniakov inszeniert Georg Friedrich Händels Oper "Giulio Cesare in Egitto" ebenfalls bei den Salzburger Festspielen (FAZ, FR, SZ).
Sollte man russische KünstlerInnen einer "Gesinnungsprüfung" unterziehen, bevor sie in Deutschland auftreten dürfen? Barbara Oertel denkt angesichts der kürzlichen Proteste gegen Anna Netrebko auf dem Gendarmenmarkt und der Ausladung Valery Gergievs (unsere Resümees) in der taz darüber nach. Klar, Kunstfreiheit ist wichtig, aber Demokratie eben auch: "Einladungspraxis heißt hier das Zauberwort. Vielleicht ist es vielen einfach egal, solange der Euro rollt und lohnende Einnahmen zu erwarten sind. Überhaupt: Warum sollte es ausgerechnet in der Kultur, noch dazu vielfach chronisch unterfinanziert, anders laufen als in Politik und Wirtschaft. Fest an der Seite der Ukraine, heißt es doch immer so schön. Bekanntlich war das aber noch nie ein Hindernis, um lukrative Geschäfte mit Russland zu machen. Andere, die die neuen Realitäten sehr wohl zur Kenntnis nehmen, sollten sich genauer ansehen, wen sie sich da ins Haus holen. Wenn es, warum auch immer, partout Anna Netrebko sein soll - bitte sehr. Der Kreml wird Auftritte wie diesen zu schätzen und für seine Zwecke zu instrumentalisieren wissen."
Weiteres: In der SZ fragt Peter Laudenbach, wie es nach dem Abgang von Demis Volpi (unsere Resümees) am Hamburg Ballett weitergehen soll. Besprochen wird die Ausstellung "Making Theatre. Wie Theater entsteht" im Deutschen Theatermuseum in München (taz).
Ganz klar wird nicht, wie Judith von Sternburg (FR) die Ankündigung auf der Pressekonferenz der Bayreuther Festspielefindet, dass im Jubiläumsjahr 2026 mit dem Projekt "Ring 10010110"Künstliche Intelligenz mit von der Partie sein wird. Marcus Lobbes, Direktor der "Akademie für Theater und Digitalität" versichert: "Musikalisch werde es ein klassischer 'Ring' sein - Katharina Wagner hatte zuvor schon angekündigt: Christian Thielemann dirigiert (wie zuvor auch zum 150-Jahre-Jubelfestakt Beethovens Neunte im Festspielhaus), Michael Volle singt Wotan, Klaus Florian Vogt singt, uff, Loge, Siegmund, Siegfried. Dazu, so Lobbes, biete eine KI live generierte holografische Bilder. Auf Gazestoff geworfen, sollen sie 'neue Räume' eröffnen, ein 'großes tönendes Bild'. Gespeist wird es aus emsiger Archivarbeit, der Jubiläumsring solle 149 Jahre Bayreuther 'Ring'-Geschichte einbeziehen, zugleich aber, so Lobbes, kein Volkshochschulkurs sein."
Weitere Artikel: Ein bisschen scheint es Manuel Brug in der Welt, "als wollten die lokalen Opernhäuser noch schnell ein paar Premierenrestposten loswerden". "Die schweigsame Frau" von Richard Strauss unter dem Dirigat von Christian Thielemann und der Regie von Jan Philipp Gloger an der Berliner Staatsoper geriet Brug zu "zäh", Benedikt von Peters Inszenierung von Brecht und Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" an der Deutschen Oper erlebt er als "Garnichts aus gutgemeint und Rohrkrepierer", immerhin der konzertante "Werther" am selben Haus überzeugte den Kritiker.
Ein Konzert des russischen Dirigenten Valery Gergiev in Italien wurde kürzlich abgesagt (unsere Resümees). In der Zeit widmet sich Natasha Kiseleva dem Star-Dirigenten, der in Europa zur Persona non Grata geworden ist und in Russland das Mariinski-Theaters in St. Petersburg und gleichzeitig das Bolschoi-Theater in Moskau (wie es unter dem Zar üblich war) leitet: "Gergievs Vorgänger am Bolschoi-Theater hieß Wladimir Urin und galt als einer der wenigen liberalen Geister innerhalb des Systems. Auch er war Teil des Staatsapparates, strich missliebige Aufführungen aus dem Spielplan und zeigte sich zu vielerlei Kompromissen bereit. Als er im Frühjahr 2022 einen offenen Brief unterzeichnete, der dazu aufrief, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden, war das ungewöhnlich mutig. Im Jahr darauf gab er seinen Posten auf. Nicht freiwillig, wie man hört. Ähnlich erging es Ekaterina Novikova, der langjährigen Pressechefin des Bolschoi-Theaters, der kürzlich gekündigt wurde. Einen Anlass dafür gab es nicht, Novikova war hoch qualifiziert. Offiziell verließ auch sie das Theater 'auf eigenen Wunsch', aber natürlich versteht hier jeder alles."
Georg Nigl und Nicholas Ofczarek haben aus "Die letzten Tage der Menschheit" von KarlKraus einen Hybrid aus Lieder- und Theaterabend konzipiert, der das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele eröffnete. Im Interview mit Egbert Tholl (SZ) erklärt Ofczarek, warum der Text so aktuell ist: "Weil sich nichts geändert hat, weil's noch schlimmer geworden ist, weil wir uns nicht weiterentwickelt haben. Oder, dass die Mechanismen, die Kraus beschreibt, menschimmanent sind. Letztlich spielen 'Die letzten Tage der Menschheit' nicht im Krieg, sondern im Krieg hier in uns, im Jetzt, innerhalb der Gesellschaft. Natürlich hat der Text historische Elemente, die wirklich in der Zeit spielen, aber das Wesentliche findet man genauso heute. Man muss den Text nicht heutig machen. Ich hasse es, Dinge heutig oder modern zu machen. Das ist mir wurscht. Wenn ein Text gut ist, ist er modern. Den Abgleich mit dem Heute gibt es ohnehin immer. Wenn der Zuseher das will. Wenn man ihn bevormundet - schau mal, das ist wie heute - geht's mir auch schon wieder am Arsch, weil ich mich dann bevormundet fühle."
Außerdem: In der NZZporträtiert Birgit Schmid die non-binäre Balletttänzer:in Max Richter. In der Zeit denkt Peter Kümmel zurück an ein Treffen mit Claus Peymann und Gert Voss in Wien. Axel Brüggemann unterhält sich für Backstage Classical mit dem zukünftigen Chefregisseur des Deutschen Theaters Weimar Valentin Schwarz, der sich dem Rechtsruck in Thüringen entgegenstellen möchte.
Was ist nur mit dem Hochkultur-Publikum dieser Tage los, stöhnt Manuel Brug in der Welt. Spätestens seit Corona weiß sich niemand mehr zu benehmen. Leute wollen mit kurzen Hosen in die Oper, Handys klingeln im Theater, und manche treiben es noch deutlich wilder: "Kürzlich soll während eines Mahler-Gastkonzerts der Münchner Philharmoniker im Amsterdamer Concertgebouw in der ersten Reihe ein offenbar total zugekifftes Paar besonders vehement aufgefallen sein. Die Liste seiner Verfehlungen ist lang: lautes Sprechen, Schreien, Singen, High-Five-Hände, Videoaufnahmen von sich und der Aufführung, Mitdirigieren, unvermitteltes Klatschen, leidenschaftliches Küssen, Briefeschreiben per Telefon an den Dirigenten, Beleidigen anderer Konzertbesucher, Pelzmantel-Herumschmeißen. Zumindest fantasievoll wussten diese ADS-ler die ihnen offenbar nicht behagende Konzertzeit totzuschlagen."
Außerdem: Peter Huth blickt für die Welt schon einmal auf die möglichen Aufregerthemen der Bayreuther Festspiele im Jahr 2026. Margarete Affenzeller portraitiert im StandardMyassa Kriatt, Leiterin der digitalen Bühne im Dschungel Wien, die sich unter anderem mit der politischen Dimension von Kindertheater auseinandersetzt. Axel Brüggemann unterhält sich für Backstage Classical mit Valentin Schwarz, dem zukünftigen Chefregisseur des Deutschen Theaters Weimar unter anderem über den gesellschaftlichen Umgang mit der AfD.
Wegen seiner Putin-Treue verlor der russische Dirigent Valery Gergiev im Westen ein Engagement nach dem anderen. Stattdessen ist er nun zum "Zar des Musiklebens" in Moskau avanciert, erzählt Kerstin Holm in der FAZ. Prokofjews Bürgerkriegsoper "Semjon Kotko" wird so am Moskauer Bolschoi zum Propagandastück über den Ukrainekrieg. Man "lässt auf der Drehbühne ein ukrainisches Dorf kreisen, wo ukrainische Nationalisten und deutsche Interventen mit Feuer und Schwert versuchen, die Revolution der Bolschewiki rückgängig zu machen. Der Titelheld, vom Tenor Igor Morosow lyrisch-kraftvoll gesungen, will nach seiner Demobilisierung die Tochter des enteigneten Großgrundbesitzers ehelichen, der aber seine Zusage bereut und sie mit einem anderen Latifundisten zwangsverheiraten will. In der Chorszene im Wald, da Partisanen sich zum Kampf rüsten, schlägt eine Texteinblendung die Verbindung zu Russlands heutiger Großinvasion in die Ukraine und erklärt sie zum Hilfs- und Rettungsfeldzug für die bedrohten Menschen dort - ein öffentlicher Akt der Vergewaltigung von Hochkultur durch Propaganda, klagte die emigrierte russische Journalistin Natalja Kisseljowa."
Besprochen wird Christian Thielemanns Inszenierung der Strauss-Oper "Die schweigsame Frau" (SZ) und Andrea Breths Inszenierung von Gabriel Faurés Oper "Pénélopé" an der Bayerischen Staatsoper (FAZ).
Manuel Brug begibt sich für die Welt in Gabriel Faurés "Pénélope" in der Bayerischen Staatsoper, Andrea Breth inszeniert. Bei der Geschichte um Odysseus und Penelope, die sich nach zwanzig Jahren wiedersehen, begreift er trotz der Fauré-typischen schönen und einfühlsamen Musik, warum dieser nur eine Oper geschrieben hat. Sie ist "von eigenwilliger Faktur, wellt sich fein, ist zart, schmiegsam und weich. Aber: Es passiert (fast) nichts. Hier ist das Warten Musik geworden. Es gibt Ausbrüche, aber kaum Dramatik. Und das Ende wirft mehr Fragen auf als es Antworten gibt."
Juan Martin Koch blickt in der Neuen Musikzeitung in mehrere Räume gleichzeitig, die das Bühnenbild zeigt. Hoch anspruchsvoll spielen sich verschiedene Szenerien des Wartens ab: "Kompliziert zu durchdringen ist diese visuelle Aufspaltung, weil sich die singend dialogisierenden Figuren oft in verschiedenen Räumen befinden, was rätselhafte Stellvertreterbegegnungen hervorruft. Dies zu entwirren, wäre durchaus spannend, wäre Breth nicht auf die Idee verfallen, alles in Zeitlupe ablaufen zu lassen. Gerade im ersten Akt wirkt das eher wie eine Karikatur von Faurés hinreißend undramatischer Musik. Susanna Mälkki lässt sich mit dem Bayerischen Staatsorchester mit großer Präzision und lyrischer Gespanntheit auf die Partitur ein, die in der Rückschau wie ein Gegenentwurf zu Wagner einerseits und Debussy andererseits wirkt. Wenn die unterschwellig brodelnden Gefühls- und Erinnerungsregungen an die Oberfläche dringen, entwickelt sie eine von innen her leuchtende Strahlkraft, die einen in den Bann zieht."
Judith von Sternburg genießt für die FR derweil die Exerzitien in Geduld: "Niemand lässt sich in die Karten blicken. Langeweile steht vor allem den Frauen ins Gesicht geschrieben. Der Kopf der Amme ist in den Eimer auf ihrem Schoß gesunken. Wie in der Musik Stillstand per se nicht möglich ist - Stillstand ist fortschreitende Länge, also Bewegung -, ist szenisch selten echter Stillstand. Es passiert wenig, aber es passiert ununterbrochen etwas. Vieles davon ist unerwartet, unerklärlich. Nichts ist uninteressant." In der SZ ist Michael Stallknecht ebenfalls fasziniert von der Geduldigkeit, die die Oper erfordert, vermutet aber, dass sie wegen der schwierig zu besetzenden Partien wohl weiterhin selten aufgeführt werden wird.
Weiteres: "Matthias Rädel soll als General Manager mit Katharina Wagner bei den Bayreuther Festspielen aufräumen. Wenn das mal gut geht", zweifelt Florian Zinnecker für die Zeit m Angesicht der Tatsache, dass die letzten zehn Jahre in Bayreuth von abberufenen Regisseuren bis sinkenden Kartenverkäufen vor allem von Problemen geprägt waren. Katrin Ullmann sieht sich für die taz auf dem Festival d'Avignon um. Karl-Martin Hentschel rechnet uns für die taz vor, warum die Oper, die Klaus-Michael Kühne der Stadt Hamburg schenken will, bei einem Jahresverdienst von 2,3 Milliarden Euro viel weniger großzügig ist als wenn er einfach Steuern zahlen würde.
Besprochen werden: "Der Prozess Pélicot" von Milo Rau auf dem Festival d'Avignon (FAZ), "Die Schweigsame Frau" von Richard Strauss an der Staatsoper Berlin, inszeniert von Jan Philipp Gloger (FAZ, taz), der Ballettabend "An American in Paris" mit Jeroen Verbruggens "An American in Paris" und Marco Goeckes "Le sacre du printemps" im Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz (SZ) und "Último Helecho", geschrieben und inszeniert von Nina Laisné auf dem Wiener Impulstanz-Festival (Nachtkritik).
Die SZ bringt eine Seite mit prominenten Nachrufen zum Tod von Claus Peymann, darunter Elfriede Jelinek, die ihn liebte, auch wenn er an ihren Stücken stets "scheiterte", wie sie schreibt. Oder André Heller: "Claus Peymann war ein Fabeltier des Schöpferischen. Er hat Wien und dem Rest von Österreich zum richtigsten Zeitpunkt die Manieren beigebracht, im Reich des Staunens und der Schnürböden höchste Qualität nicht bloß zu behaupten, sondern auch tatsächlich zu verwirklichen." Und Frank Castorf: "Seine Lust am Fabulieren, Flunkern, Zweifeln, die hat mir gefallen. Er hatte so gar keine Redlichkeit, was die Wahrheit anging, also die einfache Wahrheit, bei der alle übereinstimmen und mit dem Kopf nicken. Da bekam sein eher überschaubares künstlerisches Talent mit einem Mal eine ganz andere Dimension. Auch durch die Bösartigkeit, die er haben konnte und die meiner durchaus entspricht. Wir haben uns gemocht." In der Welt ruft Jakob Hayner, in der taz Dirk Knipphals Peymann nach.
Weitere Artikel: In der Welt macht sich Peter Huth bereits ein paar Gedanken zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele. So viel scheint sicher: Georg Zeppenfeld, Klaus Florian Vogt, Catherine Foster, Ólafur Sigurdarson, Andreas Schager, Camilla Nylund, Tomasz Konieczny und Michael Spyres sind wieder mit von der Partie. In der FAS blickt Ralph Bollmann derweil auf 13 Jahre Bayreuth zurück. Im FR-Gespräch mit Sylvia Staude spricht der tschechische Choreograf Jiří Kylián über Emotionen auf der Bühne und das Bewahren seiner Arbeit. Im SZ-Interview mit Christiane Lutz spricht die Schweizer Schauspielerin Deleila Piasko, die ab Juli schon zum zweiten Mal die Buhlschaft im "Jedermann" in Salzburg gibt, über die Moral im "Jedermann", ihr Judentum und die Serie "Die Zweiflers". Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ macht sich der Literaturwissenschaftler Thomas Traupmann, der das Buch "'Fortschreibende Vertextung'. Zur Poetik des Dramenprojektes 'Die letzten Tage der Menschheit'" geschrieben hat, Gedanken zu dem Karl Kraus-Stück, das bei den Salzburger Festspielen unter der Regie von Dušan David Parízek auf die Bühne gebracht wird. In der NZZresümiert Michael Stallknecht recht ernüchtert den Start der Finnin Lilli Paasikivi als neue Intendantin der Bregenzer Festspiele, was allerdings auch daran liegt, dass die Geldgeber aus Staat, Land und Stadt nur wenige Wochen vor Beginn ihrer ersten Festspiele ankündigten, "ihre Subventionen um satte dreißig Prozent zu kürzen".
Die Zeitungen bringen weitere Nachrufe zum Tod von Claus Peymann: In der Welt verneigt sich Peter Huth, einst Chefredakteur der BZ, und erinnert sich an gemeinsame Streitigkeiten über Stierkampf und Christian Klar. In der FR fragt sich Ulrich Seidler, wie die Gegenwart ohne den "Vater des deutschen Theaters" auskommen soll. In der FAZ erinnert sich Harald Schmidt an Peymann-Inszenierungen vor und auf der Bühne. Hannes Hintermeier sammelt ebenda Stimmen aus Österreich zum Tod von Peymann. In der tazscheibt Uwe Mattheis.
Weitere Artikel: Im SZ-Gespräch mit Egbert Tholl erzählt die Regisseurin Andrea Breth, die derzeit Gabriel Faurés "Pénelope" für die Münchner Opernfestspiele inszeniert, weshalb die Oper für Regie und Publikum eine Herausforderung ist und wie man das Warten auf der Bühne inszeniert.
Bild: Stephan Röhl, CC BY-SA 2.0Der große Theatermacher Claus Peymann, von 1999 bis 2017 Intendant des Berliner Ensembles, ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Mit Peymanns Tod "geht eine Theater-Ära zu Ende", schreibt Christine Dössel in einem ersten Nachruf in der SZ, in dem sie an Skandale wie den Zahnspenden-Aufruf für die inhaftierte Gudrun Ensslin oder Peymanns Inszenierung von Thomas Bernhards "Heldenplatz" am Wiener Burgtheater erinnert: "Mit der ihm eigenen Großmäuligkeit stänkerte er gegen die Beschränktheit der Mächtigen, gegen die Ignoranten der Kulturpolitik, gegen 'Lebenszwerge' und Theateridioten. Er war ein Intendanten-Patriarch par excellence, als solcher nicht unumstritten. Er war aber auch der größte Liebhaber und Verfechter des Theaters, den man sich denken kann. Theater, sagte Peymann, brauche er wie die Luft zum Atmen."
"Unter den Stein, Flimm, Neuenfels, Zadek, Heyme aber war Peymann der Herzigste. Noch wenn er dem alten Stück eine politische Nase zu drehen versuchte, wies die Nase ins Glückliche, Heitere, gern auch Harmlose", erinnert sich Gerhard Stadelmaier in der FAZ: "In einem Mix aus Großmäuligkeit und Bubenköpfigkeit hat er es geschafft, den Stuttgartern, den Bochumern und den Wienern (den Berlinern allerdings nicht mehr) den Eindruck zu vermitteln, er spende ihnen den Segen eines völlig neuen Theaters als luziferischer Messias, der den Clown der Regie-Arbeiterklasse in sich transzendiert. Die Geschichte seiner Inszenierungen lässt sich eigentlich als ein einziger bunter Abend erzählen." Einen Eindruck von Peymann bekommt man in diesem Dlf-Kultur-Gespräch von 2015. Weitere Nachrufe in Standard und NZZ.
Wer verstehen will, was Theater mal für eine Bedeutung hatte, sollte einen Blick in Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" in Peymanns legendärer Inszenierung werfen. Besonders sehenswert die Beifallssequenz ab Minute 10.
Es ist ein Skandal, der Marlene Knobloch (Zeit) einiges über die Kunstfreiheit in der Provinz verrät: Im katholisch geprägten, von der CDU regierten Osnabrück wurden laut einer vom Bistum beauftragten Studie mindestens 400 Kinder und Jugendliche Opfer von sexueller Gewalt durch katholische Priester. Vor diesem Hintergrund erarbeiteten Regisseur Lorenz Nolting und die Dramaturgin Sofie Boiten gemeinsam mit einem der Missbrauchsopfer das Stück "Ödipus Exzellenz" über die Vertuschung der Missbrauchsvorfälle, zunächst genehmigt von Intendant Ulrich Mokrusch, denn dann aber ein "Vater unser" und eine Gottesdienstszene so sauer aufstießen, dass er drohte, das Stück abzusagen, resümiert Knobloch: "Später wird der Intendant ein Papier vorlegen, das die Künstler unterschreiben sollen, in dem sie versprechen, keine religiösen Symbole zu diskreditieren. Den Gottesdienst dürfe man 'probieren', allerdings unter Aufsicht. Die Künstler ihrerseits möchten die volle künstlerische Freiheit und Vertrauen zurückgewinnen, heißt konkret: die Erlebnisse und Diskussionen der letzten Tage in das Stück mit einfließen lassen. Als der Intendant Ulrich Mokrusch das hört, feuert er die Künstler." Stattdessen wird die neue Spielzeit in Osnabrück nun mit "Kunst" von Yasmina Reza eröffnen.
Besprochen werden Roland Schimmelpfennigs Nibelungen-Inszenierung "See aus Asche" bei den Wormser Festspielen (Zeit, mehr hier) und Bintou Dembélés Inszenierung von Jean-Philippe Rameaus Ballettoper "Les Indes Galantes" beim Grange Festival in Glyndebourne (FAZ).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
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