Nach vielen Jahren des Wartens und Hinhaltens öffnet sich in der Münchner Pinakothek der Moderne nun endlich die stets verschlossene Milchglastür und offenbart das "X-Depot", einen neuen, bis an die Decke prall gefüllten Design-Schauraum. Da "schießt das Auge wie eine Flipperkugel hin und her", staunt Laura Weißmüller in der SZ: "etwa zur quietschgelben aufblasbaren Plastikgiraffe links unten. Rüber zur skizzenhaft schlanken schwarzen Karbonliege in der Mitte und hoch zum poppig runden WCinMoosgrün. In der obersten Etage gibt es Stühle aus elegant geschwungenem Bugholz, aus Plastik, Stahl und Korb zu entdecken. Dazwischen futuristische Fahrräder, elegante Faltboote, eine tragbare Badewanne und leuchtend bunte Tankstellen-Logos." Und auch einige historische Korrekturen gibt es: Es gibt mehr Entwürfe von Frauen zu sehen: "Barrierefreiheit endet hier nicht beim Einbau eines Aufzugs."
Außerdem: Lisa Kannengießer blickt in der SZ auf die Zeit zurück, als sich die Neunziger der Schulterpolster der Achtziger entledigten. Den Anlass dafür bietet eine Modefotografie-Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast, die von ClaudiaSchiffer kuratiert wurde, mit der wiederum Johanna Pfund für die SZ spricht.
Gartengladiolen. Foto: 3268zauber unter cc-Lizenz bei Wikipedia
Robin Schwarzenbach (NZZ) macht einen Rundgang durch seinen Garten, wo gerade nicht nur Hibiskus und Amorphophallus titanum in die Höhe schießen: "Jetzt recken sie sich wieder. Und zeigen stolz, was sie haben. Sofern sie nicht schon schlappgemacht haben. Oder sich aus statischen Gründen kaum halten können. Je größer, je länger, je hochtrabender, desto instabiler. Dramen männlicher Existenz wiederholen sich im Blumenbeet. Von wegen Stehvermögen. Aber darüber spricht man nicht, denn unsere Vorstellung ist klar: Gladiolen stehen ihre Blume, natürlich, immer. Vor allem die obersten, länglichen Knospen wirken irgendwie . . . Darf man das schreiben? Sie wirken sehr potent."
Therapeutisch: Sessel in Beige und Grau von Patricia Urquiola für Andreu World. Foto: Salone del Mobile
Max Scharnigg konnte für die SZ die Möbelmesse in Mailand, den Salone del Mobile besuchen. Zwei mal war er wegen Corona ausgefallen, es sollte darum nicht einfach ein Salone sein, sondern ein "Supersalone". Das hat nicht so ganz geklappt, seufzt Scharnigg, Wohnatmosphäre wollte in den schmalen Korridoren nicht aufkommen. "Dazu kommt, dass die Designer bei ihren neuen Entwürfen eher leise Töne anschlagen und die Zeit etwas abgeklungen scheint, in der Farben, raumgreifende Formen und Materialien ausgereizt wurden. Ein neuer Sessel von Stardesignerin Patricia Urquiola für den Hersteller Andreu World etwa präsentierte sich in nahezu therapeutischen Farbkombinationen aus Beige- und Erdtönen, ein neuer Bürostuhl von Arper wurde ausschließlich in falben Herbstfarben gezeigt. Sehr defensiv und heilsam wirken diese Möbel, ihre Botschaft: Ruhe, bitte."
Außerdem: In der NZZerzählt Britta Hentschel von der vorsichtigen Modernisierung eines vierhundert Jahre alten Bauernhauses in Nidwalden.
Im NZZ-Interview erklärt die Vitra-Chefin Nora Fehlbaum ihr neues Bürokonzept: Die Inspiration "waren Klubs weltweit: Schachklubs, Debattierklubs, Fußballklubs. Im Zentrum der Idee stehen die Hingabe und die Begeisterung, mit denen die Menschen ihre Freizeitaktivitäten ehrenamtlich gestalten."
Maria Becker wandert für die NZZ durch das Zürcher Museum für Gestaltung, wo sechs Künstler oder Künstlergruppen sich aus dem Fundus des Museums bedienen durften, um sechs Räume einzurichten. "Entstanden sind kleine Geschichten über Lebenswelten, Funktionalität, Stilmythen und Warenproduktion", wie sie zum Beispiel Sarah Kueng und Lovis Caputo erzählen: "Die beiden Gründerinnen des Studios Kueng Caputo zeigen das Packmaterial, wie es zurzeit im Umlauf ist und tagtäglich anfällt: geformt aus Pappmaché und Plastik, geknüllt aus Lochkarton oder Papierschnipseln, geschäumt aus Kunststoffen, die sich um die Ware schmiegen oder sie mittels Luftkammern vor Stößen schützen. Säuberlich getrennt in Regalen platziert, gewinnen diese vielförmigen Dinge tatsächlich eine eigene Qualität, die umso reizvoller ist, als man darüber rätseln kann, was sie wohl transportiert haben und was sich in ihrer konkaven Innenseite abbildet."
Im Centre-Pompidou-Ableger in Metz widmet sich die Ausstellung "Aerodream" (allerdings nur noch bis nächste Woche) der Aufbruchstimmung, die mit der Erfindung von Plastik und anderen polymeren Werkstoffen einher ging. Erst die Ölkriseinden Siebzigern ließ da buchstäblich die Luft raus, lernt man, denn es geht in dieser Ausstellung insbesondere um "die Kulturgeschichte des Aufblasbaren in der Industriegesellschaft" und das "Phänomen der pneumatischen Strukturen als dem angesagten Zukunftsmedium", schreibt Renata Stih in der taz. "Design war von eminenter Bedeutung für den neuen Lebensstil und der BlowChair, der bunte, transparente, aufblasbare Sessel von Lomazzi, D'Urbino und De Pas (1967) war das erste industriell hergestellte Möbel dieser Art. Er passte auch in kleine Wohnungen - die Luft konnte einfach abgelassen, das Objekt leicht verstaut werden. Auch in Werbung und Film wurde dieser neue Lebensstil propagiert."
Die Kunsthistorikerin Gabrielle Boller wirft für die NZZ einen Blick in die Geschichte der Arbeitsmode für Frauen. Vom feminin Zierlichen bis zur Textil gewordenen Kampfansage ist alles dabei. Mitunter "wandelten sich die Insignien weiblicher Garderobe vom Adretten zum Stählernen. ... Dass Damenhaftes durchaus furchteinflößend sein kann, zeigte beispielhaft Margaret Thatcher: Ihre Kostüme waren Festungen, ihre scharfkantigen Handtaschen gemahnten an Schlagwaffen, die sie auf bedrohliche Art vor sich hertrug - ganz in der Tradition der Queen, die in ihren schockfarbenen Outfits von giftigem Grün bis galligem Gelb keineswegs liebliche Weiblichkeit verbreitete."
Sehr dankbar ist SZ-Kritikerin Tanja Rest der Ethnologin GiuliaMensitieri für deren Buch "Das schönste Gewerbe der Welt" zur Lage der Modebranche. Hinter dem Schleier von Glitz und Glamour gähnt der Abgrund des Prekären: Schneiderinnen, die tagelang an einem 30.000-Euro-Kleid nähen, und magere 800 Euro dafür erhalten, Models, die ihre überschaubaren Honorare bei der Agentur abgeben müssen, die sie vermittelt haben. Den Raubbau am eigenen Dasein betreiben die so Ausgebeuteten vor allem wegen eines Traums, schreibt Rest: Dieser "steht auf vier Säulen: Schönheit. Status. Macht. Kreativität. Das, was alle wollen, in der Logik des Systems aber nicht erreichen können, allem Kaufen und Buckeln zum Trotz. Erschaffen und am Leben erhalten wird der Traum durch die Produktion von Bildern, an denen die Modearbeiter genauso wie die Konsumenten hängen wie Komapatienten am Tropf. Es sind Bilder, die niemals objektiv sein dürfen, weil alle ja sonst schlagartig aufwachen müssten. Darum bekommen nur jene Magazine die kostbaren Kleider fürs Shooting, die sie auch glanzvoll inszenieren. Darum bekommen nur jene Journalisten Interviews und einen guten Platz am Laufsteg, die keine unbequemen Fragen stellen."
Sicherlich, alles, was mit der Verbrennung fossiler Energiestoffe zu tun hat, steht derzeit nicht hoch im Kurs, entschuldigt sich Christian Zaschke in der SZ. Absolut aufregend findet er die aktuelle Automobil-Ausstellungim New Yorker MoMA aber eben doch: Zwar sind Autos "in der großen Mehrzahl ausgesprochen hässliche Gebilde. Aber dann steht man im Skulpturengarten des MoMA, einem der angenehmsten Orte Manhattans im Übrigen, und blickt auf einen Citroën DS 23 Sedan von 1973, und wer sich davon nicht im Inneren bewegen lässt, dem hat die Natur ein steinernes Herz in die Brust gepflanzt. ... Das Auto, wie wir es kennen, wird es in absehbarer Zeit nicht mehr geben. Dieses Wissen verleiht der Show eine melancholische Note."
Mangoldblätter in einer Vase von Constance Spry circa 1935. Foto: Reginald Malby / RHS Lindley Collections
Miss Betsan Horlicks Hochzeit mit Mr. John Coats am 31. Oktober 1933 in der Kathedrale von Southwark war ein gesellschaftliches Ereignis. "Aber es waren die Blumen, die die Show stahlen", erzählt Rachel Cooke im Guardian anlässlich einer Ausstellung zu der Blumendesignerin Constance Spry im Garden Museum in London. "Horlick, in weißem Samt gekleidet, trug einen Strauß strahlend blauer Enziane in eine Kirche, die mit 12 Fuß hohen Ständern aus grünen Hortensien und Pampasgras geschmückt war. Ihre Brautjungfern glichen in ihrer Masse einer Ansammlung menschlicher Säulen, und ihre unwahrscheinlich riesigen Sträuße aus Aronstab und Eukalyptus schienen an ihrem Äußeren fast Wurzeln geschlagen zu haben. Wie die Vogue aufgeregt berichtete, war das alles 'völlig neuartig'. Diese Blumen waren das Werk von Constance Spry, einer Blumendesignerin, die damals so in Mode war, dass keine gesellschaftliche Veranstaltung ohne sie auskam. ... Wie die jüngste Ausstellung des Gartenmuseums zeigt, gelang es ihr nicht nur kurzzeitig, ein paar Leute mit zu viel Geld davon zu überzeugen, dass Mangold in der richtigen Vase wunderschön aussehen kann (die Herzogin von Kent bat Spry einmal, ihre charakteristischen Grünkohlblätter aus einem Arrangement zu entfernen, mit der Begründung, dass ihre Mutter, die ehemalige Großfürstin Jelena Wladimirowna von Russland, zu Besuch sei 'und es vielleicht nicht verstehen würde')."
Die Leggins sind wieder da, beziehungsweise waren ja nie wirklich fort, glossiert Tillmann Prüfern im ZeitMagazin. Ursprünglich strikt für Männer vorgesehen, erfreuten sie sich lange Zeit insbesondere bei den Frauen großer Beliebtheit. Doch "auch bei den Männern sind Leggins nun wieder beliebt. Gern in der Form der Radlerhose. Oder auch als enge, lange Leggins, über die meist eine legere kurze Sporthose gezogen wird. Da ist sie also wieder, die männliche Lust am eigenen Bein. Hinzu kommt, dass Leggins auch sehr bequem sind. Das machte sie zu den großen Corona-Gewinnern. Als man nicht mehr aus dem Haus konnte, trug offenbar die ganze Welt Leggins."
Weiteres: Die FAZ hat Claudius Seidl Besprechung der Ausstellung zu MartStam im Museum der Dinge in Berlin online nachgereicht (mehr zu der Ausstellung bereits hier und dort).
Klassischer Dreiteiler von Comme des Garçons Homme Plus / Rei Kawakubo, Suit, Autumn/Winter 2009. Collection of The Kyoto Costume Institute, photo by Takashi Hatakeyama
Gute Modeausstellungen findet man in Deutschland nicht oft, aber "Dress Code" in der Bundeskunsthalle Bonn gehört definitiv dazu, versichert Catrin Lorch in der SZ. Nur die Texte zur Ausstellung darf man nicht lesen. Gezeigt wird der "enorme Einfluss von japanischen Couturiers auf Avantgarde und Mainstream". Und der begann - nach Issey Miyake - mit den ersten Kollektionen von Rei Kawakubos Comme des Garçons und Yohij Yamamoto in Paris, die Kleider wie Körper dekonstruierten: "Wer sich jetzt in der Ausstellung aufmerksam die geometrisch zerschnittenen Röcke, die durch Tüll und Einlagen verbuckelten Umrisslinien, die zusammengeklitterten Stoffe von Junya Watanabes Kostümen ansieht, erkennt, wie sich hier eine absolute Modernisierung anbahnt. Am Ende steht John Gallianos Entwurf eines schulterfreien Abendkleides in Tarnmuster-Drillich, aber auch die beuligen Skater-Hosen und Bomberblousons, die auf der Street-Fotografie zu sehen sind, mit denen die Bundeskunsthalle die Präsentation rahmt. Als Vergleich für diesen epochalen Wandel eignet sich eigentlich nur der enorme Schub, den die Malerei der Moderne durch Japan erfahren hat, ziemlich genau ein Jahrhundert zuvor."
Anne Feldkamp erinnert im Standard an LouisVuitton, der vor 200 Jahren geboren wurde: "7,6 Milliarden Euro Gewinn verzeichnete LVMH im ersten Halbjahr 2021. Kein Wunder, dass der Marke zum Feiern zumute ist."
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