Liisi Beckmanns Karelia-Sessel, 1969 (Vitra Design Museum/Zanotta SpA Italy) Nicht voll überzeugt wirktFAZ-Kritiker Ulf Meyer von der Schau "Here We Are! Frauen im Design 1900 - heute" im Vitra Design Museum in Weil am Rhein: Unklar bleibe, was die Schau zum Ausdruck bringen wolle, "zwischen einer Leistungsschau weiblicher Designerinnen und der Präsentation von Ergebnissen feministischer Forschung schwingt das kuratorische Pendel hin und her". Zeitgenössische Designerinnen wie etwa JuliaLohmann, die Leder durch Algenmaterialien ersetzt, findet er zwar durchaus "spannend" und manche Gestalterinnen-Biografie nimmt Meyer interessiert zur Kenntnis. Aber "etwas übergriffig wird die interessante Schau an Stellen, an denen postuliert und agitiert wird: 'Ein binäres Geschlechterverhältnis, das Begabung mit dem Geschlecht in Verbindung bringt, ist längst Vergangenheit', schreiben die Kuratorinnen. Und: 'An den großen Bildungsinstitutionen kommt eine Diskussion um Gender und Marginalisierung in Gang. Feministische Akteurinnen stellen akademische Eliten in Frage.' Mit derlei Getröte läuft die Schau Gefahr, dem Œuvre der besten Gestalterinnen des letzten Jahrhunderts einen Bärendienst zu erweisen."
Weiteres: In BorisJohnsons eigenwilliger Jogging-Bekleidung zeigt sich Marion Löhndorf von der NZZ die typisch britische Exzentrik, die sich auch in der britischen Mode niederschlägt. Gerhard Matzig schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Gartengestalter RichardSchultz.
AlessandroMichele hat eine Gucci-Suite für das Savoy in London dekoriert - und Marion Löhndorf verfällt in der NZZ ins Schmachten angesichts all des Prunks und Luxus, der mit annähernd 16.000 Pfund pro Nacht zu Buche schlägt: "Man schläft wie im Showroom und träumt sich ins Gucci-Paradies, vermutlich - die Presse ist eben nur für einen kurzen Besuch tagsüber eingeladen."
Der Pelzmantel ist in freier Wildbahn immer seltener anzutreffen, stellt Jürg Zbinden in der NZZ fest: Die Kritik der Tierrechtsbewegung hat die Modeindustrie erreicht, diverse Unternehmen kündigen an, auf Pelz in Zukunft zu verzichten. Zeit für einen Nachruf auf das Versprechen von Luxus im Alltag: "Den Traum vom kostbaren Pelz träumten zahllose Frauen zwischen Hausarbeit, Kino und Besuch beim Friseur, wo sie auf der Leinwand oder in einer Illustrierten sehen konnten, wie hinreißend mondän Pelzmäntel an Filmstars wie Elizabeth Taylor, Doris Day ('Ein Hauch von Nerz') oder Romy Schneider wirkten. Und, wer weiß, vielleicht würde es ja schon nächstes Weihnachten auch bei ihnen klappen, wenn Herbert, Werner, EgonoderPaul . . . Wer sich einen Pelzmantel leisten konnte, erlag der Illusion, eine Dame zu sein. Nicht irgendeine, bitte schön, sondern eine von Welt."
Für eine große Reportage im Dlf Kultur hat Wolf-Dieter Vogel indigene Weberinnen in Südmexikobesucht. Deren folkloristisch gemusterte Huipils wurden auch von einem spanischen Modeunternehmen adaptiert, aber offenbar ohne das abzuklären: "Der Schnitt und die Motive eines Kleides der spanischen Firma sind fast identisch mit denen eines Huipils aus San Juan Colorado. Niemand in der Gemeinde wusste vorab davon." Der Weberin Flora Reyes geht es in ihrer Empörung darüber nicht "nur darum, dass sie nichts vom Gewinn der Zara-Produkte abbekommt. Sie hat auch nichts dagegen, dass die Motive ihrer Vorfahren weltweit von anderen verbreitet werden. 'Grundsätzlich würde uns das gar nicht stören. Letztlich könnte man sagen, dass das unseren Ruf stärkt und wir dadurch unsere Produkte besser verkaufen könnten", sagt sie. 'Es ärgert uns aber, dass Firmen wie Zara die Muster identisch kopieren, aber nicht sagen, dass sie aus dem Design eines Huipil aus San Juan Colorado stammen. Sie tun so, als hätten sie das selbst entworfen."
Bei Joschka Fischer waren Turnschuhe noch freche Koketterie, in jedem Fall aber ein Regelverstoß. Mittlerweile haben sie alles durchsetzt, grämt sich der Schumachersohn Roman Bucheli in der NZZ: "Wenn Anne Will am Abend der Bundestagswahl in ihrer Talkshow weiße Sneakers zum graublauen Hosenanzug trägt, dann hat das nichts mehr mit Joschka Fischer zu tun, sondern allein mit einem unbekümmertenIndividualismus: Schaut her, wie locker ich drauf bin! Ihr Pech: Auch Lars Klingbeil, SPD-Generalsekretär, kam mit weißen Sneakers zum blauen Anzug in die Sendung. ... Schöner hätten sie nicht vorführen können, wie heute jeder Nonkonformismus zuverlässig in die Uniformität umschlägt. Das ist das Paradoxe an der angestrengten Individualität: Weil sie von der Stange kommt, ist sie sehr viel weiter verbreitet, als der Individualist glaubt und es ihm lieb sein kann."
Sabine von Fischer schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Gestalter RobertHaussmann.
Kännchen von Christa Petroff-Bohne. Bild: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Sehr löblich findet Bettina Maria Brosowsky in der taz die Überblicksausstellung zum Schaffen von ChristaPetroff-Bohne - "in ihrer sachlich modernen Grundhaltung" eine Autorität der DDR-Gestaltung - im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Mit Petroff-Bohne, einer Vertreterin einer "moderaten Moderne", die ihre Gestaltungslehre selbst "als Zusammenwirken von Hand und Auge bezeichnet", ist "eine wache Designtheoretikerin" zu entdecken, "die schon mal das ikonische, 1924 von Marianne Brandt entworfene Bauhaus-Teekännchen als Kunst bezeichnet - und nicht als gelungene Produktgestaltung."
Besprochen wird weiter die dreibändigen "Swiss Graphic Design Histories" (NZZ).
Sabine von Fischer führt in der NZZ durch die Ausstellung "Automania" im MoMA in New York, für die eine Handvoll schön anzusehender Autoklassiker, darunter die roteCitroënDS, über die Mauern des Museums in dessen Skulpturengarten gewuchtet wurden. "Kultstatus haben diese Autos seit langem, einst auf der Straße - nun im Museum. Zeigt das MoMA etwa schon eine Retrospektive oder sogar einen Nachruf auf das Zeitalter der Automobile? ... Als das Museum of Modern Art in New York 1951 zum ersten Mal Automobile ausstellte, gab es das Verkehrshaus der Schweiz noch gar nicht. Und die DS ebenfalls nicht, diese wurde dann 1955 beim Pariser Autosalon vorgestellt und sofort als Weltsensation gefeiert: Komfortable Polstersitze, schwenkbare Scheinwerfer und komplett versenkbare Scheiben, industrieller Schaumstoff und funktionelles Blech feierten die Modernität in formaler Perfektion."
Schriller und darin selbstbewusster ist niemand - und 100 Jahre alt ist sie kürzlich auch geworden: Sarah Pines verneigt sich daher tief in der NZZ vor Stilikone IrisApfel: Vielleicht ist Stil und Geschmack ja "das Gefühl eines winzigen elektrischen Schocks und das sodann entstehende Bewusstsein: Hier ist etwas Neues, anderes. ... Man kann unmöglich sich so anziehen wie Apfel, die zuzeiten wirkt, als krache sie unter ihren schweren Halsketten, Tüchern, Hutgebilden jeden Moment zusammen. Und vielleicht ist es das, was Mode ausmacht: Etwas ist anders und eigenwillig, aber es wirkt trotzdem toll - Apfel trägt Dolce-&-Gabbana-Echsenhosen zusammen mit einer Art Messgewand aus dem 19. Jahrhundert, Ketten aus Bärenklauen über Cocktailkleidern, Anstecknadeln aus ausgestopften Papageienköpfen, chinesische Tempelkleider, pinkfarbene Hosen von Lanvin, viel Selbstgenähtes."
Der Herbst wird ledern in der Frauenmode, stellt Tillmann Prüfer in seiner Stilkolumne im Zeitmagazin fest. Nur gar so viel Empowerment sieht er darin nicht: "Vielleicht ist die in Leder geschlagene Frau vielmehr eine Männerfantasie der starken Frau: Diese Kleider tragen wahre Kämpferinnen, die gefährlich sind, aber dennoch nach einem noch stärkeren Mann rufen."
Mit der von ClaudiaSchiffer kuratierten Schau "Capivate! - Modefotografie der 90er" im Düsseldorfer Kunstpalast unternimmt SZ-Kritiker Alexander Menden eine nostalgische Zeitreise in das "in der Rückschau vielleicht unbeschwerteste Nachkriegsjahrzehnt" (wer damals im Osten lebte und von Arbeitslosigkeit oder rechstextremen Übergriffen betroffen war, sieht das vielleicht anders). In der Modefotografie war es die Zeit eines neuen, selbstbewussten Glamours, wie die Supermodel-Fotostrecken von HerbRitts belegen: "Auf solchen Gruppenbildern fanden Frauen zusammen, die jede für sich seit den ausgehenden 80ern allmählich Star-Status erlangt hatten - gleichsam eine Super-Group der Modewelt. Sie hatten die Kategorien 'Laufsteg', 'kommerziell' und 'Editorial', in die Modemagazine weitgehend namenlose Models bis dahin einteilten, aufgebrochen und durch ihre eigene Persönlichkeit ersetzt. .... Das, was Glamour ist, jene 'scharfe Mischung aus Projektion, Verlangen, Bewunderung und Ambition', erlebte in den Neunzigern eine Blüte, denen die Düsseldorfer Schau mehr als angemessen Rechnung trägt."
In der FRpräsentiert Judith Kohl ihre schönsten Fundstücke bei der BerlinFashionWeek.
"Sie lebt, die Berliner Mode", ruft Marina Razumovskaya in ihrem taz-Resümee der Berlin Fashion Week. Die durch Corona induzierte Jogginghosen-Verwahrlosung samt des gesunkenen Bedarfs für Ausgehmode hat der Branche freilich ziemlich zugesetzt - nur Reaktionen darauf fand Razumovskaya nicht, stattdessen unverdrossen viele neue, fraglos schöne Entwürfe, etwa von Alisa Menkhaus' StudioSusumu Ai: Diese "Mode nimmt Elemente aus der japanischen Tradition, aber deutet sie oft in etwas Funktionelles um. Ihre Schnitte sind schlicht und elegant, mit vielschichtigen, transparenten Blusen aus japanischer Baumwolle oder traditionellem Chirimen Stoff oder Variationen des traditionellen an der Taille gebundenen Obi-Gürtels. Alle Stoffe sind in Japan hergestellt, produziert wird im Weddinger Studio in Berlin. Alisas Kollektionen verbinden auf zauberhafte Weise die Kimono-Tradition mit ihrer starken Betonung der Umhüllung und feine, das Feminine betonende Akzente. Es entstehen Kleider, deren Feminität und Freiheit auch für die Postcorona-Europäerin tragbar werden."
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