Dass deutscheAutomobile international immer weniger zu melden haben, liegt vielleicht auch am Design, meint Niklas Maak in der FAZ - und daran, dass deutsches funktionales Design schon länger nicht mehr das darin liegende Versprechen auf Gebrauchsfunktionalität erfüllt. "Das Bauhaus-Erbe sei verloren, sagt auch Paolo Tumminelli, Professor für Gestaltung in Köln. ... Ein Problem des deutschen Designs beginne schon mit der Luxusstrategie der Hersteller. ... Die Autoindustrie habe 'den Sinn für Alltagsbedürfnisse verloren. Sie stellen keine Produkte für normale Menschen mehr her.' Das Auto wird zum Schwellkörper, entworfen von großen Egos für große Egos. Man könnte lange spekulieren, was das aktuelle Design etwa des riesigen BMW XM über das soziale Milieu und die Gesellschaft aussagt, die solche Autos schätzt; die Kühlerfront signalisiert weithin sichtbar, dass hier jemand kommt, der den öffentlichen Raum nicht als Begegnungs- oder Kommunikationsraum, sondern als Kampfzone voller Fressfeinde betrachtet. ... Andere, kleinere Autos sehen dafür seltsam depressiv und erbost aus. Der Volkswagen ID2 schaut mit wulstigen Scheinwerferaugen in die Gegend wie ein unter Atemnot leidender Fisch, den man gegen seinen Willen aus den lichtlosen Regionen der Tiefsee an die Oberfläche zerrte. Will man so jeden Morgen angeschaut werden?"
Standard-Kritiker Michael Freund kann nach dem Besuch der Ausstellung im Wiener Fotomuseum Westlicht zur legendären, von WillyFleckhaus als Art Director gestalteten 60s-Zeitschrift Twen den Phantomschmerzäußerungen von Hannes Hintermeier in der FAZ (unser Resümee) nur beipflichten: "Nach viel Antiästhetik und 'Anything goes' in der Grafikdesignbranche wäre es heute immer noch ein hervorragendes Magazin. Twenfehlt. Die Schau macht das bewusst."
Brigitte Werneburg wirft für die taz einen Blick auf die Gewinner des italienischen Modepreises "International Talent Support 10x10x10 Creative Excellence Award", die nun im Museum of Art in Fashion in Triest zu sehen sind. Besprochen wird EmanueleCoccias und AlessandroMicheles Buch "Das Leben der Formen. Eine Philosophie der Wiederverzauberung" (online nachgereicht von der FAS).
Jona Rausch macht sich in der taz Gedanken dazu, warum in der linkenSzene ausgerechnet Klamotten von Adidas (deren Gründer immerhin NSDAP-Mitglied war) so beliebt sind. Andreas Platthaus stöbert für "Bilder und Zeiten" der FAZ sehr angeregt im eben erschienenen Werkverzeichnis des Plakatgestalters HelmutBrade.
twen Ausgabe 12/63, Foto von Irving Penn (Courtesy Sammlung Hans-Michael Koetzle / Museum WestLicht) "Wir waren schon mal weiter", seufzt Hannes Hintermeier in der FAZ nach dem Besuch der Ausstellung im Wiener Fotomuseum WestLicht über das einst von WillyFleckhaus als Art Director gestaltete und ziemlich legendäre Sixties-Magazin twen. "Weiße Schrift auf schwarzem Grund, halbe Seiten sind leerer Weiß- oder Schwarzraum, Bilder über Doppelseiten: Fleckhaus hat eine 'visuelle Grammatik' im Sinn, so" der Fotohistoriker "Hans-Michael Koetzle, will aufklären mit Bildern. Er verordnet twen eine radikaleOptik, denkt das Heft als dreidimensionalesGesamtkunstwerk, schert sich nicht um Originalformate. Fotos sind für ihn Rohmaterial. Er beschneidet, stellt frei, kontert und rastert nach Belieben. ... Auch wenn man dezidiert kein Fotomagazin sein wollte, wurden die Seiten stets vom Bild her gedacht, der Text hatte sich der Optik unterzuordnen. ... Keine Jugendzeitschrift im engeren Sinn, richtet sich twen an eine Leserschaft, die sich mit dem Aufbruchsgeist der Sechziger identifiziert. Es geht um Themen wie Außerparlamentarische Opposition, Homosexualität, Abtreibung, Rassismus, Gleichberechtigung, und immer wieder um Sex."
Mit Kummer nimmt Silke Wichert in der SZ zur Kenntnis, dass DonatellaVersace nach dreißig Jahren ihren Posten bei Versace räumt. Sie "gehört vielleicht nicht zu den genialsten Designern unter der Sonne, aber mit Sicherheit zu den letzten großen Persönlichkeiten in einer Branche, deren Chief Creative Officer heute vor allem chefmäßig langweilen - weil sie allesamt so hochprofessionell agieren und funktionieren. Nach Karl Lagerfelds Tod war Donatella Versace die Einzige, die auch in ihrem Äußeren noch einen ikonischenAnspruch verkörperte. ... Es lag nahe, sie als Karikatur abzutun und sich über sie lustig zu machen. Dabei kam allerdings ein bisschen zu kurz, dass diese angebliche Witzfigur sich als eine der wenigen Frauen an der Spitze eines Milliardenunternehmens behaupten konnte."
Valeriia Semeniuk porträtiert für den Tagesspiegel die ukrainische Modedesignerin SvitlanaVolkova, die Mode für Menschen mit Prothesen gestaltet. "Angesichts der Anzahl der Amputierten ist der potenzielle Bedarf an adaptiver Kleidung in der Ukraine riesig. ... Bislang wurden in der Ukraine nur Sporthosen mit Klettverschluss für Veteranen entwickelt. Volkovas Meinung nach eignen sie sich durchaus für zu Hause, aber gar nicht zum Ausgehen. Ihre Jeans hingegen könnte man überall tragen. Es handelt sich um eine elastische, eher schmale Hose mit einem durchgehenden Reißverschluss. Der ist allerdings nicht auffällig - im Gegensatz zu den knallbunten Details. Die aufgesetzten Taschen sind mit bunten 3D-Patches dekoriert. Diese wurden von Svitlanas Freunden von der ukrainischen Künstler-Gruppe 'Photinus studio' entworfen. Als Vorbild dienten die militärischen Chevrons, die alle Soldaten gerne tragen. Das Chevron am Ärmel kennzeichnet die Zugehörigkeit zu einer Militäreinheit. Volkova schwebt vor, dass dieses Abzeichen ein visuelles Symbol für die Community der amputierten Soldaten wird." Auf ihrem Blog denkt die Designerin über ihre Arbeit und die damit verbundenen Herausforderungen nach.
Im taz-Gespräch ärgert sich der ModemacherKilianKerner über die seiner Ansicht nach zu kritische Berichterstattung über die BerlinFashionWeek. Es heißt "immer wieder, dass es in Berlin nicht gut laufen würde. Aber wir als Designer würden ja nicht jedes Jahr zweimal teilnehmen und sehr viel Geld dafür ausgeben, wenn es uns nichts bringen würde. ... Berlin hatte laut der Presse schon ausgedient, als es angefangen hat. ... Ich finde, dass jede Modestadt eine komplett andere ist. Man kann sie nicht miteinander vergleichen und sollte es auch nicht. Stellen Sie sich mal vor, ich würde zu meiner PR-Frau sagen: Ich rede nur mit der Vogue. Auf was für einen Sockel würde ich mich dann stellen. Etwa das passiert mit der Berlin Fashion Week, jede Saison, seit 2008. Es stellen sich Redakteure über uns alle, haben keinen Respekt vor unserer Arbeit und sagen: Berlin ist scheiße und auf dem absteigenden Ast. Ich kann dazu nur sagen: Redet doch mit uns!"
In seiner von der SZ dokumentierten Rede vor den Abschlussjahrgängen am Institut français de la mode in Paris, fragt sich ChrisDercon, wie die Mode der Zukunft aussehen sollte - und wie sich Mode an den Schnittstellen zur Kunst, aber auch zu Fragen des Klimawandels und gesellschaftlichre Umbrüche aufstellen sollte. "Mode sollte sich die Erlaubnis geben, Intelligenz zu erschaffen. Das ist der einzige Weg in die Zukunft. Intelligenz ist eine altruistische Geste, die einem Objekt einen Wert gibt, der die reine Ästhetik weit hinter sich lässt. Ich meine hier eine Intelligenz, die nicht nur als Innovation verstanden werden kann. Innovation hat heutzutage die Tendenz, vor allem anderen die Form in den Vordergrund zu stellen, was gar nicht nötig ist. Es ist auch die Intelligenz, die es uns ermöglicht, Veränderung hervorzurufen. Die Mode braucht ein Aufrütteln, das nicht nur ästhetischer Art sein kann. Dafür müsste man die Aufmerksamkeit auf Funktionalität lenken, was uns ermöglichen könnte, neueMaterialien, FormenundRichtungen zu entdecken."
Laura Ewert spricht für Monopol mit HerbertLindinger, der vor vielen Jahren das einigermaßen scheußliche, im Sinne der Graffiti-Abwehr aber durchaus effektive Sitzmuster in den Zügen der Berliner Verkehrsbetriebe gestaltet hat. "Man sieht absichtlich nur Figuren, Dinge - manche meinen Würmchen - vor sich und keinen Hintergrund. Alle Elemente haben einen gleich starken figuralen Charakter. Das ist ein Gestaltungsverfahren, das in der Kunst und speziell der Textilkunst schon früh entdeckt wurde und immer wieder auftaucht. In der Wahrnehmungspsychologie 'Figur-Grund-Beziehung' genannt. Das Gegenteil unserer alltäglichen Wahrnehmung, bei der das Auge die Dinge bevorzugt und den Hintergrund unbeachtet lässt. Wenn da etwas in annähernd gleicher Größe dazu kommt, wird es schlecht wahrnehmbar, und das ist ärgerlich für einen Bemaler. Das half, um sich der Farbfilzer zu erwehren, die um 1985 plötzlich so billig waren und zum Muss für jeden Schüler gehörten."
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