Laura Ewert spricht für Monopol mit HerbertLindinger, der vor vielen Jahren das einigermaßen scheußliche, im Sinne der Graffiti-Abwehr aber durchaus effektive Sitzmuster in den Zügen der Berliner Verkehrsbetriebe gestaltet hat. "Man sieht absichtlich nur Figuren, Dinge - manche meinen Würmchen - vor sich und keinen Hintergrund. Alle Elemente haben einen gleich starken figuralen Charakter. Das ist ein Gestaltungsverfahren, das in der Kunst und speziell der Textilkunst schon früh entdeckt wurde und immer wieder auftaucht. In der Wahrnehmungspsychologie 'Figur-Grund-Beziehung' genannt. Das Gegenteil unserer alltäglichen Wahrnehmung, bei der das Auge die Dinge bevorzugt und den Hintergrund unbeachtet lässt. Wenn da etwas in annähernd gleicher Größe dazu kommt, wird es schlecht wahrnehmbar, und das ist ärgerlich für einen Bemaler. Das half, um sich der Farbfilzer zu erwehren, die um 1985 plötzlich so billig waren und zum Muss für jeden Schüler gehörten."
Die Luxus-Modemarken stecken in der Krise, schreibt Jeroen van Rooijen in der NZZ, und dies auch deshalb, weil sie es selbst mit dem Luxus im letzten Vierteljahrhundert stark übertrieben haben: "Der Luxus der letzten Jahre war auf den schnellen Effekt bedacht, musste in der ständig bewegenden Timeline von Instagram rasch hervorstechen und entsprechend plakativ gestaltet sein. ... Alles war laut und exzentrisch, praktischer Nutzwert oder Tragbarkeit interessierten kaum mehr." Doch "der Glanz der scheinbar exklusiven, tatsächlich aber massenhaft produzierten Luxusartikel verblasst. Weil man den Bogen überspannt hat. Luxus ist zur Karikatur seiner selbst geworden, mit leicht erkennbaren Markenartikeln, die niemand mehr will. Es herrscht eine 'luxury fatigue': Luxusmüdigkeit. ... Sogar die Chinesen begehren keine Statussymbole mehr. Und junge Leute begnügen sich inzwischen mit gefälschten Luxusartikeln."
Dass das PantoneColorInstitute seine bräunlich-schlackige Farbe des Jahres "MochaMousse" (mehr dazu bereits hier) als Ausdruck einer globalen Befindlichkeit annonciert, findet Franka Klaproth (online nachgereicht von der FAS) irritierend: "Wenn man liest, wie das Institut die Wahl der Farbe begründet, sieht es so aus, als ob es die politische Konnotation der Farbe nicht mitgedacht hat. Sie soll, heißt es da, den kollektiven Wunsch nach 'Verbindung, Komfort und Harmonie' ausdrücken. In einer zerrütteten Welt, die gerade mit aller Deutlichkeit zeigt, dass diese Dinge nicht einfach von selbst entstehen, ist die Idee, sich zurückzulehnen und mental Kaffeepause zu machen, eher ein Zeichen von gedanklicher Bequemlichkeit."
MatthieuBlazy wird künftig als Kreativdirektor bei Chanel tätig sein. Es ist "die mit Abstand beste Wahl", jubelt Silke Wichert in der SZ. "Die letzten drei Jahre hat der Mann bei BottegaVeneta das seltene Kunststück vollbracht, dass seine Kollektionen von Kritikern wie Einkäufern abgefeiert wurden, tatsächlich aber auch bei den Kunden ankamen. Diese geflochtenen Taschen mit goldenem, astähnlichem Henkel: sein Werk. Das Flanellhemd, das KateMosstrug, aber gar kein Flanell, sondern Leder war: ebenfalls er. Die halbe Garderobe von Julianne Moore im gerade laufenden Film 'The Room Next Door': dito. Nicht umsonst gehörte Bottega Veneta im luxuslahmen Jahr 2024 zu den wenigen Marken, die noch zulegen konnten." Und nahbar ist er auch noch: "Würde er nach seinen Schauen nicht leibhaftig über den Teppich rennen und danach so erhellende wie amüsante Backstage-Interviews geben, man würde sagen, so einen Typen, in dieser überdrehten Branche - den gibt's doch gar nicht! Den hätten sie nur gern."
Nachtragen müssen wir die traurige Meldung dass der Modeschöpfer John Galliano bei Margiela aufhört, wie etwa die britische Vogueberichtet: "Galliano wurde 2014 zum Kreativdirektor bei Margiela ernannt, seine erste Anstellung seit seinem skandalösen Abgang bei Dior im Jahr 2011. (Sein Weg zurück in die Gesellschaft wurde in der Dokumentation 'High and Low: John Galliano' nachgezeichnet, die im März dieses Jahres auf Amazon Prime veröffentlicht wurde). Seitdem hat er das Kultlabel, das unter dem unglaublich diskreten Gründer Martin Margiela bei Kunst- und Modeinsidern beliebt ist, zu neuen Höhen geführt." Frankfurter Allgemeine Quarterlybringt eine Strecke mit aktueller Herbst- undWintermode.
Das PantoneColorInstitute hat 17-1230-TCX, bzw. "MochaMousse" zur Farbe des Jahres erklärt. Der Farbton "enthält nach sachkundigen Angaben des PCI ... 'rötliche und mauvefarbene Untertöne'" und "erinnere das Institut 'an eine süße Leckerei' oder einen 'Spaziergang in der Natur'", schreibt David Hugendick in der Zeit, dem allerdings ganz andere Assoziationen kommen: "MM könnte auch die Farbe sein, die dabei herauskommt, wenn man einen Roman von Balzac mit Balsamico einreibt und ungefähr 14 Jahre unter einem Sitz in der Businessclass marinieren lässt. Vielleicht erinnert es uns auch an das feuchte, alte Laub, das missmutig hinter der Garage zusammengefegt wurde" oder es ist "die Farbe einer Kastanie mit erschütterndem Liebeskummer, die nachts glühende Briefe schreibt, aber niemals abschickt. Und vielleicht, nur ganz vielleicht ist es die Farbe, die etwas ähnelt, in das man während eines 'Spaziergangs in der Natur' gelegentlich reintritt, weil man durch irgendeine entlegene Brunftkuhle gelatscht ist."
Vom "Rooooooaaaarrrrr" zum "Miau", so seufzt und schimpft Gerhard Matzig in der SZ angesichts des aktuellen Image-Rebrandings der Automarke Jaguar, die künftig nicht mehr mit einem Auto, sondern offenbar auf einer Wolke aus Plausch in den Horizont fahren will. "Gezielt wird auf einen behaupteten Futurismus, der aber eher eine retrofuturistischeRatlosigkeit darstellt. Was Einzigartigkeit und Charakter sein könnten vor dem Hintergrund der einst berühmten Jaguar-Designgeschichte, wird zum glattgebügelten Mainstream-Zeitgeist aus dem Windkanal des Angesagten. ... Man blickt in einen Abgrund an sinnfreier Wokeness." Aber "nicht alles, was ideenlos aus digitaler Gleichförmigkeit besteht, hat etwas mit Moderne oder gar Minimalismus zu tun. Meistens nur etwas mit Marketing-Geschwätz."
Der Teaser zur neuen Imagekampagne lässt den Gedanken an ein Auto noch nicht einmal aufkommen:
Der WettbewerbHyperion ist "eine herrlich optimistische Idee", schreibt Gerhard Matzig in der SZ: Dabei soll ein Raumschiff gestaltet werden, das über 250 Jahre 1000 Menschen und mehrere Generationen beherbergen kann. Spätestens wenn die Sonne der Menschheit allzu garstig wird (was in ein paar Milliarden Jahren der Fall sein wird), werden solche Raumschiffe nämlich händeringend gebraucht. "Architekten, die mit Raumfahrt zu tun haben, kennen das oberste Prinzip im All: Form follows function. Es geht um Millimeter, Gramm - und ums Funktionieren im Sinne des Überlebens. Worum es eher selten geht in der Raumfahrt: um Schönheit. Um Aufenthaltsqualität. Um gedimmtes Licht." Denn "die Menschen auf einem Generationenschiff müssen es lange miteinander aushalten. Idealerweise auch unter romantischen Bedingungen. ... Bei Hyperion geht es um den idealen Lebensraum der Zukunft: Wie müssen Räume gestaltet sein, damit man sich darin dauerhaft wohlfühlt? Da der moderne Städtebau, der moderne Hausbau, der moderne Wohnungsbau und der moderne Möbelbau darauf schon lange keine befriedigenden Antworten mehr bieten, ist Hyperion die letzte Chance der Menschheit."
Marina Razumovskaya sammelt für die taz Eindrücke von der FashionWeekRiga. Unter anderem hat ihr dabei "X" imponiert, eine Kollektion aus der Serie "Melanholija" des lettischen Labels "Iveta Vecmane". "Man sieht junge Nonnen oder heimliche Ninjas in langen Roben, die Taille betont, ganz ohne Accessoires. Auf den Roben sitzen gehäkelte Einsätze, wie Teile von Fischernetzen, abnehmbar als Kragen, oder wie kleine Servietten auf Jacke und Rock als All-over-Muster genäht. Die Models tragen lange, dünne Zöpfe, wie früher junge Frauen auf dem Land. Auch im Gespräch denkt die Designerin über Haare nach: wie viel Information jede*r in seinen Haaren trägt und wie viel Geschichten es gibt, in denen Frauen ihre Haare abschneiden und dadurch magischeKräfte verlieren. Auch wenn wir uns ändern wollen, schneiden wir die Haare ab. In der Show rieselt von oben plötzlich schwarzes Papierkonfetti, und eine Frau erhebt sich neugeboren aus der Asche - nach Ende des Kriegs."
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