11.06.2026. Die republikanische Linke in Frankreich ist einst im Zeichen der Dreyfus-Affäre als ein anti-antisemitisches Lager entstanden. Der Antisemit war der politische Gegner. Das hat sich verschoben. Ein großer Teil der Linken legt eine Judophobie an den Tag, die nicht einfach ein moralischer Fehler ist, sondern den Verlust des Bezugspunkts bedeutet, der ihrer Geschichte einen Sinn gab. Das führt zu einer Annäherung der Linken an den Faschismus, die die israelische Linke mit aller Kraft bekämpfen muss.
Wir geben hier eine Intervention Eva Illouz' wieder, die sie während eines Webinars über den "Bruch in der französischen Linken" gehalten hat. Es handelt sich um die Transkription und Übersetzung einer kleinen Rede der Soziologin. Im folgenden auch das (französischsprachige) Video der Intevention. Wir danken Eva Illouz für die Abdruckgenehmigung. D.Red.
Eva Illouz (EHESS) : la gauche républicaine s'est historiquement constituée comme camp anti-antisémite, mais "cette boussole est désormais démagnétisée" ; le vocable de l'antisionisme "permet au contenu antisémite de voyager sous couvert d'une catégorie politiquement licite". 🧵 https://t.co/GwOjJUJKGmpic.twitter.com/f07soGDxM1
Es geht nicht darum, die gesamte Linke über einen Kamm zu scheren, sondern über einen Teil der Linken zu sprechen, der sehr präsent und lautstark ist und einen erheblichen Einfluss auf die Universitäten und die Medien hat.
Und ich möchte an eine Selbstverständlichkeit erinnern: In Frankreich hat sich die republikanische Linke als anti-antisemitisches Lager konstituiert. Jaurès schloss sich dem Refusismus an, Zola, die Entstehung der "Ligue des Droits de l'homme", Blum, die Volksfront, der Widerstand und so weiter. Der Antisemitismus war für diese Linke grundlegend, und der Antisemit war der politische Gegner.
Antisemitismus war der Nationalismus, die Kirche, die Armee, Drumont und so weiter. Was heute geschieht, ist, dass die Erbin dieses Lagers, auch wenn sie noch nicht dominant ist, sehr lautstark ist und eine Judophobie an den Tag legt, die nicht einfach ein moralischer Fehler ist, sondern den Verlust des Bezugspunkts bedeutet, der ihrer Geschichte einen Sinn gab. Daher mein Gefühl, dass die Linke sich sowohl verrät als auch zusammenbricht.
Die Autorin und Soziologin Eva Illouz bei der Vorstellung ihres Buches "Explosive Moderne" im Münchner Literaturhaus. Foto: Amrei-Marie unter CC-Lizenz. Aus Wikimedia Commons.Meines Wissens ist es das erste Mal, dass die Linke sich der Theoretisierung eines Rassismus gegen eine Minderheit, hier die jüdische Minderheit, schuldig macht. Das bedeutet, dass ihre historische, moralische und politische Identität selbst auf Abwege geraten ist. Wenn man wie ich links ist, hält man das für sehr schwerwiegend, was derzeit geschieht, ist sehr gravierend.
Wie macht sie das also? Sie tut dies durch die Unterscheidung, sie versteckt sich hinter der Unterscheidung zwischen Antizionismus und Antisemitismus, die analytisch gesehen richtig ist, aber in der Praxis stellt man fest, dass diese Unterscheidung überhaupt nicht stichhaltig ist; sie wird obsessiv wiederholt.
Sie macht den Antizionismus zu einer Trennlinie zwischen mir und dem politischen Feind. Der Zionist ist zu einem echten Feind geworden, nicht nur zu einem Gegner, sondern zu einem politischen Feind. Sie macht den Zionismus für alle Übel der Welt verantwortlich, sie boykottiert jeden Israeli, jeden Zionisten oder sogar jeden Juden, der auch nur im Entferntesten mit den Zionisten in Verbindung steht.
Und so kommt es, wenn man so will, durch all diese Dinge zu einem semantischen Zusammenbruch und einer moralischen Umkehrung, die die Linke nun zu etwas anderem machen, als sie historisch gesehen war.
Und wir können, wenn Sie so wollen, später noch einmal auf diese Bezeichnung zurückkommen, darauf, wie das Wort "Zionismus" funktioniert, aber es ist absolut klar, dass es antisemitischen Inhalten ermöglicht, sozusagen unter dem Deckmantel einer politisch zulässigen Kategorie zu zirkulieren, aber Vorsicht: Dieser Signifikant ist meiner Meinung nach leer, er ist leer, weil er viel zu viele Dinge umfasst und sich zwischen sehr unterschiedlichen semantischen Universen bewegt und gleichzeitig den Staat Israel, die jüdische nationalistische Ideologie, den Siedler, den Westen, das Kapital, die globale Erwärmung, die internationale Finanzwelt und sogar die Kriegstechnologie bezeichnet - all das ist in der Tatsache enthalten, antizionistisch zu sein. Dieser Begriff hat, auch wenn er leer ist, eine sehr große politische Wirksamkeit, die darin besteht, dass dort, wo man früher für den Frieden kämpfte, man nun für das Verschwinden des jüdischen Kollektivs kämpft.
Was sich also abspielt, ist der Zusammenbruch des Friedens als politisches Projekt und dessen Ersetzung durch Diskurse, die ich als "eliminationistisch" bezeichnen würde. Das war mein erster Punkt.
Mein zweiter Punkt ist, dass der Antizionismus derzeit eine Neuausrichtung der politischen Inhalte und Positionen sowie eine Annäherung der Linken an den Faschismus bewirkt.
Ich wähle meine Worte mit Bedacht.
Es gibt ein rot-braunes Phänomen, eine rot-braune Konvergenz, die Pierre-André Taguieff sehr gut analysiert hat und deren Tragweite man voll und ganz erfassen muss (mehr hier). Der radikale Antizionismus ist der Punkt, an dem sich das Hufeisen schließt, an dem das imperialistische Vokabular der Linken auf die Verschwörungstheorien der extremen Rechten trifft.
Und das sieht man sehr gut in den Vereinigten Staaten, dort haben wir zum Beispiel einen Journalisten wie Glenn Greenwald, der wirklich extrem links ist, der mehrmals von Tucker Carlson bei Fox News eingeladen wurde und der, dieser Glenn Greenwald, dazu aufgerufen hat, für Tucker Carlson zu stimmen.
Hasan Piker, ein äußerst einflussreicher demokratischer Blogger, sagte, die Hamas sei tausendmal besser als der faschistische Kolonialstaat, und spielte die Vergewaltigungen vom 7. Oktober herunter. Er sagte, all das ändere absolut nichts. Er behauptete, Anne Frank hätte die Houthis unterstützt. Er setzte Israel mit Nazideutschland gleich und so weiter. Wir haben demokratische Abgeordnete in den Vereinigten Staaten, die sich öffentlich zu ihm bekennen und mit ihm Wahlkampf machen, wie zum Beispiel Gavin Newsom. Tucker Carlson übrigens, der eine Figur der extremen Rechten ist und der führende Journalist bei Fox News war, ist gewissermaßen ein Scharnier, das die Linke und die Rechte gegeneinander verschiebt, das sie aufeinander zulaufen lässt. Er lädt Leute wie Francesca Albanese oder Glenn Greenwald ein, neben Nick Fuentes oder Darryl Cooper, die zur rechtsextremen Neonazi-Szene gehören - das ist nicht einfach nur die extreme Rechte, das ist die rechtsextreme Neonazi-Szene. Man sieht also in den Vereinigten Staaten sehr gut, wie das funktioniert.
Und auch in Frankreich gibt es ein echtes rot-braunes Phänomen. Es beschränkt sich nicht nur auf die Praxis, sondern wurde von Leuten wie Alain Soral, dem Gründer von "Égalité et Réconciliation", und Dieudonné, dem Erfinder der "Quenelle", auch theoretisch fundiert. Und ihr Vorhaben besteht darin, den Globalismus anzuprangern, um die ethnischen Franzosen und die arabisch-muslimischen Bevölkerungsgruppen auf der Grundlage der Nation zu versöhnen. Das ist eine ideologische Verschmelzung von Rot und Braun in Reinform. Und genau daraus hat Pierre-André Taguieff übrigens den Begriff der "rot-braunen Linken" abgeleitet.
Was ich also dazu sagen möchte, ist, dass in dem Koordinatensystem, an dem die Linke festhielt, die Aussage "Der Antisemit ist derjenige, der mir gegenübersteht, er ist mein Feind, er ist mein Gegner, er ist Nationalist, er steht rechts und so weiter" funktionierte wie ein Kompass, der die republikanische Linke zusammenhielt.
Die rot-braune Konvergenz bedeutet, dass der Kompass entmagnetisiert ist. Das heißt, dass derselbe Topos frei von einem Pol zum anderen wandert, von der Linken zur extremen Rechten, unter austauschbaren Bezeichnungen.
Und heute kann man von einem Tucker Carlson oder einem Soral sagen, dass sie Äußerungen machen können, die ein eliminatorischer Aktivist auf einem Universitätscampus unterschreiben und denen er voll und ganz zustimmen würde.
Das war also mein zweiter Punkt. Und bevor ich meinen zweiten Punkt abschließe, möchte ich nur sagen, dass sich die Linke in den Vereinigten Staaten und in Frankreich in Bezug auf den Zionismus sehr tief gespalten hat, was absolut erstaunlich und bemerkenswert ist. Und was man hier beachten muss, ist, dass diese Spaltung sie nicht nur geschwächt hat, sondern es wäre ein Fehler, dies als eine Spaltung zwischen Philosemiten und Antisemiten zu verstehen. Man muss dies in erster Linie als eine Spaltung zwischen einer braun-roten Linken und einer sozialdemokratischen Linken verstehen.
Es ist also sehr ernst.
Und mein letzter Punkt ist, dass es meiner Meinung nach eine Falle für die israelische Linke gibt, die darin bestünde, den Sprachgebrauch des westlichen Aktivismus zu übernehmen und Begriffe wie "koloniale Siedlungsmacht", "vom Fluss bis zum Meer" zu verwenden oder die Aktionen der Hamas als "Widerstand" zu betrachten.
Für einen westlichen Aktivisten sind diese Ideen schädlich, aber für die israelische Linke wäre die Übernahme dieser Sprache selbstmörderisch und inkohärent. Denn diese Sprache würde die Existenz des Sprechers selbst leugnen.
Man kann kein innenpolitisches Projekt auf einem Vokabular aufbauen, dessen logische Konsequenz das eigene Verschwinden ist. Und wenn es Aktivisten gibt - seien es Palästinenser oder israelische Linke -, die Begriffe wie "Völkermord" und so weiter als gemeinsame Grundsprache verwenden, scheint mir darin das zu liegen, was ich eine Falle für die israelische Linke nenne, oder zumindest eine Linie, die sehr schwer einzuhalten ist. Und die Linie, die die israelische Linke einhalten muss, ist jene, die die beschreibende politische Kritik von einer Metaphysik trennt, die die Identität Israels selbst auslöschen würde. Wenn man von Israel sagt, es sei eine koloniale, zionistische Siedlungsmacht, bekräftigt man im wesentlichen, das es nicht reformiert, sondern nur abgeschafft werden kann. Das Erste bezeichnet eine Verantwortung, die man tragen muss. Und das Zweite macht meiner Meinung nach jede politische Diskussion unmöglich.
Und jede Lebensfähigkeit einer israelischen Linken hängt von ihrer Fähigkeit ab, auf der Seite der ersten zu bleiben, das heißt auf der Seite der Kritik, die Verbrechen bei ihrem Namen zu nennen, wie zum Beispiel das, was im Westjordanland geschieht, wie zum Beispiel den unverhältnismäßigen Krieg, der in Gaza geführt wurde, und dabei die eliminatorische Grammatik abzulehnen, die das Israelischsein selbst zu einem Verbrechen macht. Das ist die Verantwortung der israelischen Linken.
Das gilt innerhalb Israels, aber man muss sich auch viel deutlicher an den Rest der weltweiten dekolonialistischen, eliminatorischen Linken wenden und deren Analyseschema zurückweisen, um den Frieden fördern zu können.
Der Frieden muss der einzige plausible Horizont der Linken bleiben, alles, was dem Frieden entgegensteht. Und daher muss die rot-braune Linke entschlossen bekämpft werden, und zwar in erster Linie von der israelischen Linken.
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