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Magazinrundschau vom 31.05.2016 - Aktualne

Schon zwei Wochen alt, aber deshalb nicht weniger interessant: ein langes Interview von Jiří Leschtina mit dem tschechischen Schriftsteller und früheren Dissidenten Pavel Kohout. Auf die Frage, ob die Tschechen die Demokratie fünfundzwanzig Jahre nach ihrer Rückgewinnung wieder verlieren könnten, antwortet Kohout: "Jederzeit. Ich habe es zweimal erlebt, wie sie gleichsam über Nacht unterging. Die größte Stärke der Demokratie ist zugleich ihre Schwäche: dass sie jedem das Recht zu freiem Tun gibt, was als Erstes ihre Feinde ausnutzen, die mithilfe freier Wahlen an die Macht gelangen können - siehe Hitler. Der Weg aus dem Totalitarismus heraus dauert dann unendlich lange. Deshalb ist unsere Mitgliedschaft in der EU und der NATO essentiell - ja existentiell! (…) Die Europäische Union ist das größte Wunder meines Lebens. Wenn ich einmal weniger euphorisch bin, brauche ich mir nur die Europakarte von 1928 bis 1939 in Erinnerung zu rufen, als die Tschechoslowakei eine Insel der Demokratie und Freiheit inmitten faschistoider Staaten war. Und ich mache mir bewusst, dass das Wunder sich innerhalb eines Menschenlebens ereignet hat. Trotz aller Schwierigkeiten und Mängel der Union, die ich für ihre Kinderkrankheiten und deshalb für heilbar halte, würde ich es als Katastrophe erachten, inmitten bewachter Grenzen der Tschechischen Republik in der Macht der gegenwärtigen Politiker und Oligarchen zu stehen, die mit uns machen würden, was ihnen beliebt. So aber weiß ich, was immer hier einer anstellt, es gibt noch eine weitere Macht über ihm. Und die ist das in Frieden verbundene Europa." - Jiří Leschtina: "Aber die EU könnte zerfallen, und dann sind wir diesen Politikern und Oligarchen ausgeliefert, und nicht nur unseren." - Kohout: "Das ist euer Problem. Wenn unsere Generation irgendetwas Positives mit in die Ewigkeit nimmt, dann gerade, dass sie an diesem großartigen Zusammenschluss aktiv teilgenommen hat. Eure Generation muss der Europäischen Union die endgültige Gestalt geben, ohne dabei das Kind mit dem Bade auszuschütten. Und wenn euch das nicht gelingt, dann gnade euch Gott!"

Magazinrundschau vom 15.03.2016 - Aktualne

Jiří Leschtina unterhält sich mit dem Liedermacher und Vorsitzenden des tschechischen P.E.N.-Clubs Jiří Dědeček über die diversen Einflüsse aus dem Osten, den politischen aus Russland, den wirtschaftlichen aus China. Letzterer lasse sich nicht aufhalten, so Dědeček. "China ist ein dichtbevölkertes Land, und vielleicht wird in hundert Jahren jeder Tscheche ein bisschen chinesisches Blut in den Adern haben. Ich habe keine Angst vor den Rassen, die uns überrollen könnten. Aber ich habe Angst vor diesen Regimes. Bei weitem das gefährlichste ist das von Putin. China hat in dieser Region rein ökonomische Interessen. Putin rasselt mit dem Säbel, weil es seinem Land schlecht geht. Das ist ein in die Ecke gedrängtes Raubtier. Den Chinesen darf man wenigstens ab und zu etwas glauben, Putin kein einziges Wort." Die angespannte Situation zeigt sich offenbar auch unter den Literaten: "Der russische P.E.N.-Club ist stark zerrissen. Eine kleine Gruppe lehnt Putin ab, aber ein viel größerer Teil akzeptiert oder verehrt ihn sogar. Der Vorsitzende Andrej Bitow, der übrigens ein großartiger Schriftsteller ist, schlägt auf den Sitzungen regelmäßig vor, Russisch als weitere Verhandlungssprache einzuführen, da man Russisch doch in allen ehemaligen Ostblockstaaten, einschließlich der ehemaligen DDR spreche. Seiner Meinung nach spielt es keine Rolle, dass das Russische diesen Ländern aufgezwungen wurde. Die britische Kolonialmacht habe die englische Sprache doch auch gewaltsam eingeführt, etwa in Indien." Und die tschechische Politik? Regt das Geklüngel zwischen Babiš und Zeman den Liedermacher Dědeček so wie früher zu Protestsongs an? "Kein bisschen. Während des Kommunismus war das die einzige Möglichkeit, sich auszudrücken. Heute kann ich meine Meinung in diesem Gespräch hier äußern, ich schreibe Zeitungskolumnen, kann dem Präsidenten einen Brief schreiben oder mit einem Transparent zum Parlament ziehen. Mein poetisches Schaffen muss ich damit nicht beschmutzen."

Magazinrundschau vom 16.06.2015 - Aktualne

"Urlaub im Protektorat" (Dovolená v Protektorátu) heißt die tschechische Reality-Show, die im Ausland mehr Gemüter erregt hat als in Tschechien selbst. Helena Zikmundová fasst zusammen: "In der Sendung tritt eine echte Familie auf, die historisch verkleidet, in die Einsamkeit der Beskiden gebracht wurde und dort unter Bedingungen lebt, die der Zeit des "Protektorat Böhmen und Mähren" ähneln sollen. Bewältigen die Laiendarsteller die für sie erdachten Aufgaben, erhalten sie zum Schluss eine Million Kronen. Erinnerungen von Zeitgenossen und die Empfehlungen von Historikern bilden die Grundlage, Authentizität sollen Schauspieler garantieren, welche Dorfbewohner oder deutsche Gestapomänner mimen, die Zuschauer werden durchgehend mit Kommentaren aus dem Off versorgt. Das Problem beginnt jedoch schon beim Übergang vom groben Entwurf zu einem lebensfähigen Konzept; es gibt nämlich keine Möglichkeit, wie die Sendung nicht in ein Fettnäpfchen treten könnte. Entweder bleibt sie der Realität der Protektoratszeit eher fern, und dann macht sie aus der traumatischen Erfahrung von Hunderttausenden nur ein Spiel, oder aber sie kommt ihr nahe, und dann würden wir auf dem Bildschirmen im Grunde Menschenquälerei mitansehen."