Magazinrundschau - Archiv

The Awl

4 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 08.12.2015 - Awl

Wer braucht noch Journalisten (außer den Lesern)? Donald Trump und Hillary Clinton tragen ihren Wahlkampf über Twitter aus. Spiele-, Sport-, Musik- oder Filmindustrie verzichten immer häufiger darauf, Journalisten vorgezogenen oder exklusiven Zugang zu neuen Produkten zu gewähren. Wer braucht überhaupt Kritiken von unberechenbaren Kritikern, wenn man Öffentlichkeit ganz leicht selbst organisieren kann? John Herrman denkt in einem Essay über die ungemütliche Zukunft des Journalismus nach. Nicht, daß früher alles besser war: "Ein Reporter, der vom Zugang zu einer gefragten Person abhängt, ist per Definition kompromitiert. Auch eine Zeitschrift, die von der Kooperation der Branche abhängt, auf die sie spezialisiert ist, wird vermutlich nie die ganze Wahrheit über sie schreiben können. Fast alle heute existierenden Medien sind um derartige Arrangements herum aufgebaut. Soziale Netzwerke versetzen die Objekte der Berichterstattung - ob sie mächtig oder schwach sind - in die Lage, Medien zu umgehen, mit denen sie früher zusammenarbeiteten. Deshalb geraten so viele Medien heute in Panik. Der Gegenstand ihrer Berichterstattung kann sich selbst behaupten."

Magazinrundschau vom 18.12.2012 - Awl

Und noch zwei Artikel über Berlin. Vor knapp drei Wochen beschrieb der australische Musiker Robert F. Coleman in der NYT, wie schnell ihn das leichte Leben in dieser Stadt in Party und Lethargie versinken ließ, statt seiner Kreativität echten Aufschwung zu geben. In The Awl sieht der Deutsch-Kanadier Thomas Rogers, der einen Job in New York hinschmiss, um nach Berlin zu ziehen, das ähnlich: "Wie Coleman wollte ich meine neu gewonnene Freizeit dazu nutzen, an einem großen Projekt zu arbeiten, an einer Buchidee, über die ich schon seit Jahren nachdachte. Zuerst warf ich mich richtig ins Zeug: Ich ging für eine Reportage nach Prag, interviewte über Skype amerikanische Experten, lieh mir Bücher aus der Universitätsbibliothek aus. Aber wie meine Freundin Charlie, die seit fünf Jahren hier lebt, meint: 'Es ist immer lustig, wenn neue Leute hier ankommen, weil sie immer noch Energie und Ehrgeiz haben, den der Rest von uns wie die Vampire aussaugen kann. Aber keine Angst, schon bald bist du wie wir, lebst von den Neuankömmlingen."

Jessa Crispin von Bookslut brach in New York alle Brücken ab, als sie nach Berlin kam, und war (ist?) hier totunglücklich. Ihr Artikel ist etwas wehleidig, dann aber doch interessant, weil sie ihre Situation mit der von Henry James' großem Bruder William vergleicht, der mit 25 Jahren in Berlin gestrandet war und auch nicht wusste, was aus ihm werden und was er mit dieser Stadt anfangen sollte: "Lieber Gott, was ist das mit mir und Männern und Willam James? Ich habe angefangen ihn zu lesen, weil ich in einen Jungen verknallt war. Einen Jungen, der ein geflochtenes Hanfhalsband trug. Meine romantische Entblößung kennt keine Grenzen. Eines Nachts verkündete er beim Abendessen, aus dem Blauen, dass 'Varieties of Religious Experience' sein Lieblingssachbuch aller Zeiten sei. Es war nicht die erste Erwähnung von James. Seit Monaten kam sein Name immer wieder auf. Er wurde in Büchern zitiert, die ich las, Freunde erwähnten ihn im Gespräch. Aber ich dachte immer, ooch, ein toter weißer Philosoph von der Ostküste? Der in Harvard lehrte? Nichts für mich. Es musste schon ein hübsches Gesicht (mit einem Hanfhalsband) kommen, bevor ich aufgab und die 'Varieties' las. Und damit änderte sich alles."

Magazinrundschau vom 09.10.2012 - Awl

Schwule wollen heute heiraten, Kinder kriegen und allen vermitteln, dass sie genau so sind wie Heterosexuelle. Aber das stimmt nicht, behauptet fast wütend Fran Lebowitz im Interview mit The Awls Matthew Gallaway. Erst Aids habe diese konventionelle Einstellung hervorgerufen. Alles begann damit, dass selbst die Act-up-Aktivisten gewissermaßen zu verschleiern suchten, dass Aids ein Virus war: "Ronald Reagan war Präsident. Heute wird er als eine Art Heiliger Nikolaus angesehen, aber er war schrecklich, wirklich schrecklich. Und Ronald Reagan war nicht der einzige, die ganze Welt schien von Reagans bevölkert zu sein. Deshalb fürchteten sich Schwule und dachten sich diese große Lüge aus: 'Nein, ich hatte keinen Sex mit 40.000 Leuten in einem Darkroom, ich bin genau wie ihr.' Und so erfanden sie nicht den Virus, aber die Geschwindigkeit, mit der er sich verbreitete, denn natürlich wurde er durch die Promiskuität weitergegeben."
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Magazinrundschau vom 17.01.2012 - Awl

Max Rivlin-Nadler hat sich auf der 130. Konferenz der amerikanischen Bestatter über die neuesten Trends in der Bestattungsindustrie informiert. Die Branche überlegt gerade, wie sie darauf reagieren soll, dass die Amerikaner immer unreligiöser werden und ein Begräbnis mit Pfarrer ablehnen. "Grün" ist das Stichwort. Und nichts ist so grün wie Einäscherung. Auch hier wird aufgerüstet: "So sicher wie Playstation 2 herauskommt, wenn Sie gerade Playstation gekauft haben, gibt es bereits eine coolere, bessere, teuerere Form der Einäscherung. Auch wenn Einäscherung technisch 'grüner' ist als ein Begräbnis, bläst die Verbrennung des Körpers Rückstände von allem in die Atmosphäre, was in den Körper eingesetzt wurde - Zahnfüllungen aus Quecksilber, eine künstliche Hüfte aus Plastik. Das neueste, grünste Ding nennt sich 'alkalische Hydrolyse', ein Prozess, bei dem Ätznatron wird und mit großem Druck eingesetztes, extrem heißes Wasser benutzt werden, um den Prozess der Zersetzung zu beschleunigen. Nach wenigen Stunden ist nur noch Flüssigkeit und Asche übrig." Die Angehörigen können auf Wunsch per Videoschaltung teilnehmen. Mein Gott, wo ist Billy Wilder?
Stichwörter: Wasser, Wilder, Billy, Plastik